Faust 1in2 – ETA Hoffmann Theater 11.10.2019

von Sebastian Meisel (13. Oktober 2019)

                                                                      © Martin Kaufhold

 

Fulminante Premiere oder inhaltslose Wiederholung des immer gleichen Motivs? Uneinig waren die Reaktionen des Premierenpublikums. Aber das hätte nicht sein müssen.

Vorab ist zu sagen, dass man den Mut des ETA Hoffmann Theaters bewundern muss. Den schwierigen, fast hermetischen Stoff des Faust auf die Bühne zu bringen, dazu noch in beiden Teilen, und diesen nicht nur selbst sprechen zu lassen, sondern eine Geschichte daraus zu weben, das verdient höchste Anerkennung. Das verlangt nicht nur vom Ensemble, sondern von allen Beteiligten – den Erstellern des Bühnenbildes, den Lichttechnikern etc. – Höchstleistung ab. Aber gleichzeitig ist diese Inszenierung des Urstoffes der Deutschen auch immer ein Wagnis. Denn wer kennt es nicht, die lähmende Beschäftigung mit diesem Roman im Deutschunterricht? Und wer wagt sich schon freiwillig an den noch komplexeren, noch abgedrehteren Faust II, in denen Lemuren, Mütter und Geister freischwebend ihr Stelldichein geben? Wo kaum noch eine Handlung auszumachen zu sein scheint?

Es liegt daher nicht fern zu behaupten, dass der Faust in all seinen Teilen zum einen noch den Geruch des altbürgerlichen Intellektuellen hat, der aus dem Kopf ganze Sentenzen zitieren kann, und zum anderen dem Rezipienten seit jeher das Gefühl gibt, unwürdig seiner ganzen Herrlichkeit zu sein. Es mag Spekulation sein, dass beides im Werk selbst angelegt sei, aber dennoch entsteht damit ein Problem, über das am Ende nochmal zu sprechen sein wird.

Aber vorher sei über das Stück selbst gesprochen. Es beginnt mit einer langen Sentenz aus Faust II, in der Hauptdarsteller Stephan Ullrich zeigen kann, was es heißt, den Faust zu spielen. Seine kürzliche Verletzung des Schlüsselbeins merkt man ihm dabei nicht an und auch in den kommenden 2 ½ Stunden spielt er den abgründigen, begierigen, leidenschaftlichen und melancholischen Faust äußerst solide mit Tendenzen zur großen Klasse. Das Einsame, Vereinsamte des Dr. Faustus kann er immer wieder phantastisch rüberbringen und er ist allein daher schon die richtige Wahl für diese Figur.
Nach diesem feurigen Beginn steigen aus den Lemuren, jenen seltsamen Halbaffen, die für Faust am Ende das neue Land gewinnen, die anderen Darsteller hervor und bilden die himmlischen Heerscharen, die die Wette mit Mephisto abschließen. Spätestens hier muss dem Zuschauer klar geworden sein, dass die einzelnen Szenen immer wieder zwischen Faust II und Faust I wechseln. Ist ihm das nicht gelungen, dann wird es auch in den nachfolgenden 150 Minuten nicht mehr zu schaffen sein. Das Übergewicht gilt nämlich ganz klar dem zweiten Teil des Werkes. Hier sitzt der eigentliche Schwerpunkt der Handlung, die von Remsi Al Khalisi entworfen wurde. Denn es gibt sie, die Narration in der Narration, es bleibt nur fraglich, ob sie so einfach zu entschlüsseln war. Al Khalisi ist durchaus bekannt für seine anspruchsvollen Dramaturgien und auch in diesem Stück wich er keinen Millimeter davon ab. Das hat Vorteile und Nachteile. Das Stück biedert sich dem Publikum nicht an. Der Originaltext wird weitestgehend verwendet, auch die Inszenierung selbst bleibt manchmal überraschend konventionell – was hierbei gar nicht negativ gemeint ist. Zu oft hat man in den letzten Jahren den dekonstruierten Faust gesehen, samt Orgien, Blut und Sperma. Es ist geradezu wohltuend, dass nicht die Inszenierung, der Hintergrund, der offensichtliche Vordergrund sein soll, sondern der Inhalt und die Sprache. Der Zuschauer wird damit vor die Wahl gestellt, ob er sich bedingungslos der Inszenierung ergibt, ob er zuhört und schweigt, das Geschehene ganz in sich aufnimmt und für sich die richtigen Schlüsse zieht oder ob er, im Angesicht der Schwierigkeit, nach wenigen Minuten aufgibt. Es ist schwer zu sagen, zu welcher Option das Publikum tendierte. Zwar waren die Meinungen im Nachgang durchaus gespalten, aber die Jubelstürme am Ende des Stückes, vor allem aus dem ersten Rang, scheinen eine Tendenz wiederzugeben.
Gleichwohl ist anspruchsvoll und intellektuell nicht gleichbedeutend mit gut. Es bleibt durchaus zu fragen, ob man an der einen oder anderen Stelle nicht zu viel wollte, ob jede Szene so drin sein musste oder ob der eigentliche Kern der Erzählung wirklich so deutlich wurde. Dass es einen solchen gab, ist für den Verfasser dieser Zeilen ziemlich offensichtlich, aber eben auch nur eine Meinung unter vielen. Um was ging es also unter dieser subjektiven Sicht?
Der Faust ist auch für die Gegenwart von besonderem Interesse, weil er nicht nur einen zeitlosen Stoff enthält und die "großen Fragen" nach Schuld und Sühne, nach Erlösung und Vergebung, nach Leben und Tod stellt. Sondern weil er im Grunde eine große Parabel auf das menschliche Scheitern und das Unbehagen des Ewigen vor der schaffend-zerstörerischen Kraft des Menschen ist ("Es irrt der Mensch so lang' er strebt"). Die Genese, die hier vorgeführt wird, lässt sich auf den einfachen Satz "Am Anfang war die Tat" umschreiben. Es ist nicht das Wort, nicht der Sinn, der den Menschen zum Menschen werden lässt, es ist das Tun selbst. Aber damit begibt sich dieser schon aus der gefügten Ordnung. Mit seinem Drang zur Veränderung schafft er – und Doktor Faustus ist eben eine unvergängliche Figur, weil er diesem inneren Trieb ein Gesicht und eine Geschichte gibt – Gutes und Schlechtes, Tod und Leben. Aber in einem ganz anderen Sinne, als es die Götter tun würden. Denn die Gier des Menschen ist maßlos, er kennt keine Schranken. Einmal aus seinen Fesseln losgeschlagen, beginnt er die Welt nach seinen Gesetzen zu formen. Es ist die Tragik des Mephisto (grandios gespielt von Eric Wehlan, eine wirkliche Ausnahmeperformance), dass er es war, der den Menschen befreite. Viel näher am Prometheus als am eigentlichen Satan verändert sich auch seine Rolle im Laufe des Werkes – und das wird auch immer wieder im Stück dargestellt: Er rückt an den Rand, kommentiert nur noch außenstehend das Geschehene, überrascht, ja verblüfft von seiner eigenen Tat. Natürlich steht er außerhalb des moralischen Gefüges, aber auch dem Mephisto auf der Bühne ist die Beklemmung anzumerken, wenn der Mensch zum ersten Male mit dem Homunkulus einen neuen Menschen schafft. Das Streben ist nicht mehr aufzuhalten, aber das ist keine beruhigende Utopie, keine Verbesserung der Welt. Immer wieder erscheint dabei im Hintergrund das Bild der Serverfarmen eines beliebigen Unternehmens als Symbol für die sich selbst überwindende Schöpfung des Menschen. Schneller, immer schneller, nehmen dabei aber auch die Spiegelungen und Illusionen zu. Das großartige Bühnenbild in Form von vier übermenschengroßen Schränken/Schaukästen/Spiegeln zeigt das immer wieder. Es ist nicht zu vermessen zu behaupten, dass das Stück seine stärksten Momente dann hat, wenn die Protagonisten, eigentlich abgekehrt vom Publikum, nach hinten sehen und dabei vom Spiegel eingefangen werden. Die dreifache Brechung, die dabei der Ausdruck erlebt (Schauspieler, Spiegel, Zuschauer), erlaubt eine Form der Introspektion: Das Abgewandte wird sichtbar, das Abgründige erfahrbar.
Damit wird der Stoff auf der einen Seite verfremdet und bietet doch auf der anderen Seite die Wiedererkennung. In diesem Wechselspiel kann – könnte – sich die eigentliche Handlung entfalten. Die Grenzenlosigkeit des menschlichen Tuns und die Hybris seiner eigenen Schaffenslust. Wenn am Schluss die drei Alten, die nicht das Land an Faust abgeben wollten, einfach so im Hintergrund wortwörtlich um die Ecke gebracht werden, dann ergibt sich daraus kein Erstaunen beim Zuschauer und bei Faust nur eine schwache Regung eines moralischen Gefühls. Vielmehr muss getan werden, was getan werden muss. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Mephisto, der nun einsame Rufer in der Wüste, steht zwar zu seinem Pakt, aber gleichzeitig entwickelt er sich zum Korrektiv. Die menschliche Gattung wird gänzlich der Vernichtung überantwortet ("Du bist doch nur für uns bemüht/ Mit deinen Dämmen, deinen Buhnen/ Denn du bereitest schon Neptunen, Dem Wasserteufel, großen Schmaus./ In jeder Art seid ihr verloren;--/ Die Elemente sind mit uns verschworen,/Und auf Vernichtung läuft's hinaus.“). Einzig die grundlose Vergebung des Himmels erlöst ihn, den Menschen, der sich doch versündigt hat an der Ordnung ("Es kann die Spur von meinen Erdentagen/ Nicht in Äonen untergehen").
Mit dieser sehr direkten und unmittelbaren Kritik der Gegenwart holt das Stück auch die aktuellen Debatten über die Grenzen des menschlichen Fortschritts wieder ein. Allein, ergibt sich aus dem Gezeigten etwas an Hoffnung? Die Frage muss offenbleiben, wie sie auch im Faust selbst offenbleibt.
Es bleibt schlussendlich nur zu sagen, dass dieses Stück eine unbedingte Empfehlung für all jene ist, die nachdenken und grübeln wollen, die bereit sind, ein Wagnis einzugehen – das Wagnis des Nach-Denkens. Ein ebensolches ging auch das ETA Hoffmann Theater ein. Den Göttern sei Dank, muss man wohl sagen.

Weitere Termine: 18.10./19.10./25.10./26.10./30.10./02.11.2019