Hier bin ich deutsch, hier darf ich’s sein

von Florian Grobbel (16. Oktober 2019)

© Martin Kaufhold

Es klingt ein wenig dubios, dass in irgendeinem kleinen Haus irgendeiner ruhigen deutschen Wohnsiedlung, wo die Welt noch in Ordnung ist und die Hunde des Nachbarn ihr Geschäft auf dem Rasen verrichten, das eigentliche Oberhaupt unseres Volkes hausen soll: Der Reichskanzler – ein Mann, der die Wahrheit über die betrügerische Firma der Bundesrepublik kennt und das deutsche Volk zur alten Freiheit zurückführen wird. Dass es jene Reichsbürger-Szene wirklich gibt, ist schon irritierend genug, dass sie jetzt Thema auf der Bühne wird, steigert die Verwirrung noch mehr. Mit Der Reichskanzler von Atlantis feierte das ETA Hoffmann Theater Bamberg am 13. Oktober die zweite Premiere dieser Spielzeit.

Jeden Morgen erwacht der Reichskanzler Fürst Burkard aus seinem Nachtschlaf und ist bereit für einen neuen Tag, an dem er mit vollem Stolz das Deutsche Reich verwalten wird. Bekleidet mit der ehrwürdigen Schärpe des Staatsoberhauptes und dem bequemen Polo-Shirt macht er sich an die wichtige Telefonsprechstunde, um alle Fragen des deutschen Volkes zu beantworten. Seltsamerweise legen alle Anrufer sofort auf, als er sich mit „Reichskanzler Fürst Burkard“ meldet.  In seiner Amtsstube, die in der Inszenierung besonders trickreich von Bühnenbildner Nikolaus Fricke gestaltet wurde, gibt es für alles einen Hefter und ein Kläppchen, denn Ordnung muss sein. So besteht der Kaiser auch darauf, dass sein Reichsinnenminister, der viel zu spät zur Konferenz erscheint, seine Schuhe am Eingang auszieht, damit keine Flecken auf den Teppich kommen. Gemeinsam verfassen sie ein Pamphlet, dass dem Wohle des Volkes dienen soll, aber natürlich erst nach der Kaffeepause, denn gerade bringt Fürst Burkards herzensgute Frau Jutta einen frischen Apfelkuchen herein.

Klingt doch eigentlich alles ganz harmlos und spaßig, oder? Da gibt es ein paar ältere Herren, die regelmäßig kleine Rollenspiele veranstalten und sich einbilden, dass ihr Wohnzimmer mit der gemütlichen Couch die Machtzentrale des wahren Deutschlands sei. Als Zuschauer des Theaters denkt man bei Szenen wie diesen, man säße in einer Art modernem Bauernschwank. Dazu kommen noch bizarre Theorien über die ‚Firma BRD‘, eine Verschwörung der Juden und den Geist von Rudolf von Sebottendorf (wer auch immer das sein mag), der dem vermeintlichen Reichskanzler regelmäßig erscheint. Der Zuschauer stößt einen gepressten Laut heraus, der wohl ursprünglich ein abschätziges Lachen sein sollte, wenn man von diesen wilden Verschwörungen hört und man fragt sich: „Wer glaubt diesen Mist?“ Aber spätestens nach ausschweifender Wikipedia-Lektüre stellt man fest, dass all diese Theorien keine Erfindung des Stückautors Björn SC Deigner sind, sondern sie alle genauso im Umlauf sind und es Leute gibt, die mit vollem Ernst daran glauben.

Mit diesem Hintergrundwissen kommt einem die Inszenierung des ETA Hoffmann Theaters zunächst ziemlich überflüssig vor. Im Prinzip spielen sie genau den Alltag der Reichsbürger-Szene nach, wie er in Wahrheit stattfindet und die Absurdität, die hier beispielsweise in den Gesprächen zwischen Reichskanzler und Innenminister versucht wurde zu präsentieren, kann nicht an den Irrwitz der Realität herankommen. Für das Drama wurde einmal tief in die Wundertüte der beliebtesten Verschwörungstheorien gegriffen und alles herausgeholt, was zu greifen war. Von den Bilderbergern über die Rothschilds bis zur Flachheit der Erde ist alles dabei und die Freimaurer haben auch noch irgendwas damit zu tun. Kennt man sich in diesem Wissensgebiet der alternativen Fakten jedoch nicht aus, wird man als Zuschauer hauptsächlich mit scheinbar absurden Vokabeln konfrontiert und verliert schnell den Faden, worum es eigentlich geht. Es kommt schnell die Frage auf, ob es denn zwingend notwendig sei, sich im Theater mit dem Gedankengut einiger harmloser Spinner auseinander zu setzen, die sich bei Kaffee und Kuchen lustige Titel verleihen und lachhafte Geschichten ausdenken. Was soll das hier eigentlich?

Wenn die Wahrheit klopft…

Und hier muss man auf die Stärken des Dramas und insbesondere der Bamberger Uraufführung eingehen. Es wird präsentiert, wozu eben jene harmlosen Spinner fähig sind, wenn sie in ihrer selbst auferlegten Augenwischerei gestört werden. Was passiert, wenn plötzlich eine Dame von der örtlichen Bank im Wohnzimmer des vermeintlichen Reichskanzlers steht und ihm zu erklären versucht, dass sein Konto leer ist? Diese frontale Konfrontation kann Fürst Burkard nicht ertragen, woraus folgt, dass er sich nur noch mehr in den Wahn flüchtet. Für die problematischen Lücken der Realität werden scheinbar passende Steine aus dem Baukasten der Verschwörungen gepackt, doch der Einsturz des Konstrukts ist unumgänglich.

Genau diesen Verfall präsentiert uns die Inszenierung unter Brit Bartkowiak. Die Absurdität wird immer größer, sodass es dem Publikum bald völlig verwehrt wird, der ‚Handlung‘ zu folgen. Viel zu schnell springt die Szenerie von der realen Welt in die Wahnvorstellungen nicht nur von Fürst Burkard, sondern auch mittlerweile in die seiner Frau, die noch einem viel größeren Irrsinn verfallen ist. Der Reichskanzler wird hingegen mehr und mehr zum armen Tropf dargestellt und die realen Folgen dieser irrealen Idiotie muss die arme Bankangestellte Frau Semmerling erfahren, die kurzerhand entführt und ihre wahre Identität aufgedeckt wird: Natürlich ist niemand geringeres als der getarnte Oberjude Hennoch Kohn, der unter dem Decknamen Helmut Kohl die Deutschen zu Grunde gebracht hat und mit seiner Tochter Angela Merkel eine Nachfolgerin gebar.

Die Leistung der Schauspielerinnen und Schauspieler muss bei einem solch völlig abstrusen Stück zwangsläufig hervorragend sein. Das neue Ensemblemitglied Oliver Niemeier spielt den Reichskanzler und dessen wachsende Armseligkeit so überzeugend, dass man ihn irgendwann gerne an die Hand nehmen und wie ein gestürztes Kind trösten möchte. Dazu steht ihm eine großartige Katharina Brenner zur Seite, die sich innerhalb von Sekunden vom konservativem Idealbild einer deutschen Hausfrau und Küchenfee zur brutalen Vollstreckerin des reichsbürgerlichen Gedankenguts entwickelt. Plötzlich sind es plötzlich ihre Visionen, die nach außen gekehrt werden. Sie kooperiert mit dem Verschwörer von Sebottendorf und zaubert mit einem Mal eine Waffe  hervor, während ihr Mann Fürst Burkard völlig desillusioniert unter dem Tisch kauert. 

Doch was davon ist letztendlich die Wahrheit und was nur Hirngespinst? Sind diese selbsternannten Reichsbürger nun Nazis oder sogar noch schlimmeres? Und warum kämmt sich Ehefrau Jutta ständig durch die Haare? Wer einen Theaterabend erwartet, an dem am Ende Antworten stehen, der sollte besser fernbleiben, denn hier bleibt nur Chaos und viel Verwirrung, aber auch die einzige Gewissheit, dass man scheinbar unbedenklichen Freaks und Trollen keinen Raum überlassen sollte; sie könnten ihn nutzen, um darauf ein Reich zu gründen.

Weitere Termine:

16. / 17. / 22. / 31. Oktober; sowie 03. / 06. / 08. / 09. November // Studio des ETA Hoffmann Theaters Bamberg.