Wenn zwei nicht reden, dann – ja, was dann?

von Hannah Deininger (6. November 2019)


                                                                     © Konrad Fersterer

Am Samstag, den 02. November 2019, wurde im Staatstheater Nürnberg die Premiere des Stücks Nora von Henrik Ibsen in einer Inszenierung von Andreas Kriegenburg aufgeführt. Vor knapp 140 Jahren schrieb Ibsen über die namensgebende Protagonistin Nora, die erste sich auf der Bühne emanzipierende Frau. Damals war vor allem die Befreiung der Frau aus ihrem engen Rollenbild revolutionär, was mittlerweile weniger unwirklich wirkt. Doch auch heute hat das Stück Nora nichts von seiner Brisanz und Aktualität eingebüßt und findet sich deshalb zurecht auf der Bühne wieder.

Die Geschichte, die Ibsen erzählt, wirkt zunächst recht einfach: Es ist kurz vor Weihnachten, die Eheleute Nora und Torvald Helmer führen ein glückliches Eheleben nach traditioneller Rollenverteilung. Er arbeitet viel und verdient Geld, um die Familie zu versorgen, sie bleibt daheim, hütet die Kinder, sieht dabei hübsch aus und gibt das von ihm verdiente Geld wieder aus. Dieses kleinbürgerliche Glück wird noch perfekter, da Torvald zu Beginn des neuen Jahres eine Stelle als Bankdirektor antreten wird und somit noch mehr verdient. So weit, so gut. Doch natürlich gibt es auch in dieser Geschichte ein Ereignis in der Vergangenheit (welches, wird hier nicht verraten), das nun seinen langen Schatten auf die Familienidylle wirft.

Sobald das Stück beginnt, merkt man als Zuschauer recht schnell, dass es sich bei der Nürnberger Inszenierung um keine klassische handelt. Bereits vor Beginn des Stücks wird mit der Rolle der Frau gespielt – geschickt in den Raum gestellt durch das Bühnenbild: Ein weißer langer Kasten als Passepartout, eingebettet in einen roten Rahmen, darin ein Bild der Protagonistin von hinten, wie sie sich auf laszive Weise nackt räkelt. Spätestens nachdem Nora auf der Bühne erzählt, dass ihr Mann dieses Bild unbedingt aufhängen wollte, sie persönlich es aber nicht so toll findet, ist ein Mitschwingen von Fragen nach den Besitzansprüchen bezüglich des Frauenkörpers oder einer Objektisierung der Frau nicht mehr wegzudenken. Wird das Bild anfangs noch stark in die Dialoge der Eheleute eingebunden, tritt es dann wortwörtlich in den Hintergrund des Bühnengeschehens. Der weiße Kasten wird größer, die Spielfläche, auf der sich die Figuren bewegen, nimmt zu. Die mit dem Bild verbundenen Fragen treten ebenfalls in den Hintergrund der Handlung.

Auf ganzer Linie gelungen ist die Leistung des Ensembles. Besonders hervorzuheben ist die fulminante Pauline Kästner, die Nora spielt, die auf der Bühne immer mehr zu Nora wird. Das Stück startet mit einer Art Intro, in dem die Schauspielerin als sie selbst spricht und Bezug zu ihrer Rolle als Nora nimmt. Dieser Einstieg ist in erster Linie amüsant. Immer wieder im Verlauf des Stücks nimmt die Schauspielerin Kontakt zum Publikum auf und durchbricht mit ihren – teilweise sehr ironischen – Kommentaren zum Geschehen die sogenannte vierte Wand. Nach und nach wird das Herausbrechen der Schauspielerin aber immer weniger, die Figur Nora scheint immer mehr die Oberhand zu gewinnen.

Der erste Akt dient vor allem einer Vorstellung der Charaktere sowie der aktuellen Umstände, was sehr gut gelingt. Leider geht es dann nicht so stark weiter. Der zweite Akt liefert wenig neue Denkanstöße, es wird nur explizit gemacht, was implizit im ersten Akt bereits spürbar war. Wer den ersten Akt wunderbar modernisiert und auf den Punkt gebrachte Ironie unterbringt, sollte am Ende nicht auf ein melodramatisches Chaos ausweichen müssen – mit Nora als Opfer. Ein weiterer Wermutstropfen ist die Länge des Stücks. Mit ca. drei Stunden Dauer braucht man als Zuschauer ein gewisses Durchhaltevermögen – vor allem beim zweiten Akt ist man versucht, ab und an auf die Uhr zu linsen.

Wer erwartet, in Nora die Emanzipation einer Frau zu sehen, die sich langsam aus ihrer traditionellen Rolle befreit, der wird möglicherweise enttäuscht. Nora fühlt sich anfangs wohl in ihrer Rolle, sie weiß genau, wie sie ihren Mann beeinflussen kann, um ihren Willen durchzusetzen. Sie mag es, wenn sie Torvald gefällt und nutzt ihre Schönheit für sich. Dies wird auch geschickt durch Noras Kleidung unterstrichen: Sie trägt stets rot und erscheint dadurch immer sexy. Außerdem wirkt es weniger so als würde Torvald Nora dominieren, sondern mehr als würde Nora die Fäden im Hintergrund ziehen, ohne dass ihr Gatte dies mitbekommt. Was stattdessen gezeigt wird ist eine Beziehung, die Rollen erfüllt, die sie beide von ihren Elternhäusern kennen. Torvald wurde zum Ernährer der Familie erzogen, Nora war vor ihrer Ehe ganz "die Puppe des Vaters". Eine Beziehung, in der die beiden nicht miteinander reden, sich nichts gegenseitig anvertrauen und so immer umeinander herumtanzen, in einem ewigen Machtkampf. So kommt es, dass sich Nora letztlich doch mehr wie "eine Puppe in deinem [Torvalds] Puppenhaus" fühlt und geht. Am Ende befreit sie sich zwar aus einer durch traditionelle Rollenmodelle geprägten Beziehung, aber vor allem befreit sie sich aus einer Beziehung, in der sich beide Parteien nicht vertrauen und nicht offen miteinander reden. Letztendlich ist Noras Befreiung heute also weniger eine aus der Dominanz des Mannes, als eine aus einer nicht ebenbürtigen und daher nicht vertrauensvollen Beziehung.

Am Ende des Theaterbesuchs sollte man wohl zwei Dinge mitgenommen haben: 1. Eine gewisse Portion Pragmatismus und Ironie hilft einem in jeder Lebenssituation weiter. 2. Reden über die wichtigen Dinge hilft – vor allem wenn man mit dem Partner redet – ebenso wie Ehrlichkeit. Ansonsten implodiert die heile Welt möglicherweise recht schnell.

 

Weitere Vorstellungen: 07., 14., 16. & 22. November 2019, 12., 17. & 25. Dezember 2019, 17. Januar 2020, 08., 11., 14., 19., 21., 28. & 29. Februar 2020, 28. April 2020 & 23. Mai 2020 || Staatstheater Nürnberg