Die Hamletmaschine – Wildwuchs-Theater Bamberg

von Sebastian Meisel (21. November 2019)



© Denis Meyer


Angekündigt wurde die Aufführung mit den Worten: "Dementsprechend schwer fällt der unmittelbare Zugang zu dem Stück." Nun, hier wurde recht behalten. Aber ist das ein Problem? Kann es sein – muss es aber nicht. Über einen etwas anderen Theaterabend.

Manchmal versagt die Sprache. Nicht, weil es nichts zu berichten gäbe. Oder man sprichwörtlich sprachlos wäre – aus Schock, aus Ekel, aus Erstaunen. Sondern weil sich das, was beschrieben werden soll, den gewohnten Kategorien entzieht. Bespricht man ein Theaterstück, dann kann man sich, selbst wenn man keine eigenen Ideen hat, doch immer an ein paar Strukturen orientieren. Was passiert im ersten, was im zweiten Akt? Wie wird das Bühnenbild benutzt? Ist der so genannte "Rote Faden" durchweg erkennbar?

Was passiert aber, wenn all das nicht in dieser Art vorhanden ist? Dann verbleibt auch das zu Besprechende in einem unklaren Nebel. Wenn dieses Neblige, das Un-Fassbare, jedoch aber zum Stück selbst gehört, es sogar der eigentliche Inhalt ist, dann potenzieren sich die Schwierigkeiten. Deshalb soll der Versuch eines Beginns gewagt werden: Was sieht der Zuschauer in den ersten, fulminanten zehn Minuten der etwa einstündigen Aufführung? Nicht viel. Eigentlich nur die minimalistische Version einer Bühne. Drei schwarze Kästen. Ein Metallbogen mit Leuchten. Links Klavier und Musikinstrumente. Rechts die schon eingetroffene Ansagerin/Souffleuse/Schauspielerin (Marilena Lippmann, auf die man sich sicher bei späteren Stücken noch freuen kann). Einzugsmarsch. Ein Stück, das an die Hymne der Sowjetunion erinnert. Unheimlich pathetisch. Natürlich, kommt einem in den Sinn:  Heiner Müller, nach dessen Vorlage das Stück konzipiert wurde, war nicht ohne Grund der vielleicht bekannteste Dramatiker der DDR. Also ja, die ewige Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten einer Revolution, dem ewigen Erbe des 19. Jahrhunderts. Herein kommen nun drei Clownsgestalten, schlechte Perücken, rote Nasen aufgezogen. Sie tragen einen Kühlschrank. Aber sie tragen ihn so, dass er sogleich als Sarg zu erkennen ist. Die Musik wechselt. Sie wird Zirkusmusik. Slapstickartig wird der Sarg vor- und zurückgetragen, es fehlt eigentlich nur dieses seltsame Pfeifen, das bei "Dick und Doof" die meisten Tätigkeiten untermalt. Nachdem der Kühlschrank-Sarg abgestellt wurde, umrunden die Schauspieler diesen, abwechselnd in Weinen und hysterisches Lachen ausbrechend. Ja, hier soll sich etwas anderes zeigen: Der Wahnsinn, soviel wird klar. Aber welcher? Unser alltäglicher oder der geschichtliche?

Das Fragment als Inhalt

Wenn man nun denkt, dass sich die Handlung gefunden hat, dass es jetzt stringent weitergeht, dann bleibt man immer wieder verwirrt zurück. "Ich bin Hamlet". Der erste Satz. Gesprochen vom hervorragenden Daniel Reichelt. Aber sofort unterbrochen von den anderen Beiden auf der Bühne, Sebastian Stahl und Kristina Greiff. Auch sie seien Hamlet. Man kommt in einer solchen Besprechung nicht drumherum, sich ein wenig zur "Hamletmaschine" einzulesen. So heißt es: "Es spricht ein träumend Redender, der Hamlet war oder etwa auch eine Konfiguration der Subjektivität des Autors sein könnte (erster Satz des Textes: "Ich war Hamlet")." Es gibt also nicht nur eine "Konfiguration", nicht nur eine Brechung der Erzähllogik, sondern diese wird gleich verdreifacht. Ophelia wird sichtbar, aber was soll der Sarg. Er wird geöffnet, aus ihm steigt ein Luftballon, der fortan an der Decke klebt. Eine Metapher? Eine Anspielung?
Man kann diese hier ausgesprochene Fragenkaskade für ein einfaches rhetorisches Mittel halten. Aber dennoch sind sie nicht ein Ornament dieses Textes. Sondern – vermutlich – der eigentliche Kern dieser Erzählung, die keine sein will. Nach und nach wird alles auf der Bühne der Auflösung übergeben. Texte, Szenen, Orte werden jongliert, sie passen sich nicht ein, bleiben sperrig. Neues ("Ich bin die Datenbank!") wird mit Altem abgewechselt ("Ich ersticke die Welt, geboren zwischen meinen Schenkeln"). Ja, hier kommt etwas ins Rutschen, soll etwas vorgeführt werden – nur was? Ein interessanter psychologischer Nebeneffekt: Das Publikum reagiert auf die größten Ausbrüche des Wahnsinns mit einem lauten Lachen. Als würde hier ein Hanswurststück aufgeführt. Aber es scheint befreiender sein zu lachen, als sich dem Wahnsinn selbst hinzugeben. Ein Wahnsinn, der formale Ordnung ist. Ordnung der Un-Ordnung, oder anders herum. Versinnbildlicht in dem Satz, der mit Lippenstift an die Kühlschrankseite geschrieben wird: "Das Leben ist sch…" – Wie wird es wohl ergänzt? Richtig: "Das Leben ist scheitern". Die Auflösung wird Programm, das Unerwartete erwartbar, in dem Sinne, dass man schon nach einer halben Stunde endgültig aufgegeben hat, einen bestimmbaren Kern einer Erzählung herauszufiltern. Die Wände werden auf der Bühne immer wieder durchbrochen, man weiß gar nicht mehr, ob es eine vierte, fünfte Wand noch gibt. Hamlet wird wieder Schauspieler, wird es nicht, verbleibt mit Ophelia im Zwiegespräch, man schaut Dias, versucht sich revolutionär, auch um hier – träumerisch – die Personen zu wechseln.
Ist der Beschreibung damit genüge getan? Erfüllt die Beschreibung damit ihren Zweck und gibt eine "Empfehlung" für einen Besuch ab? Bleibt man ernst bei solchen Zeilen, dann muss dies nun folgen: Was das Wildwuchs-Theater aus seinen Möglichkeiten macht, ist wirklich herausragend. Die Leistungen aller Beteiligten an diesem Stück sind fast monströs. Die Präsenz der Bühne ist jederzeit da. Beklemmung wechselt mit Lachen. Das Alberne bleibt ernst, wie das Ernste selbstironisch gebrochen wird. Das Minimalistische des Bühnenbildes gibt den Schauspielern den Raum, um sich auszutoben. Und das nutzen sie perfekt.
Ein Tanz um Ruinen, ein Aufschrei im Nichts. Der leere Sarg von Hamlets Vater als Abwesenheit der Väter an sich. Nicht real, sondern mit Freud gedacht. Die Unerreichbarkeit des Luftballons an der Theaterdecke. Fragt man hinterher die Zuschauer, dann sagen sie: "Ich habe nichts verstanden, aber ich wurde unterhalten." Man bleibt zurück und fragt sich, ob Theater in der Gegenwart wirklich mehr erreichen kann.

 

Nächste Aufführungstermine:

23./ 29./ 30.11/ 06.12.2019