„Ich lebe, glaube ich, vor allem falsch“ – Sieben Nächte im ETA Hoffmann Theater

von Sebastian Meisel (25. November 2019)

© Martin Kaufhold

 

Der Autor höchst selbst war bei der Premiere anwesend. Das muss ein gutes Zeichen für eine Premiere sein. Eine Prophezeiung, die sich erfüllte. Auch wenn ein melancholischer Blick auf die Möglichkeiten zurückbleibt.

Simon Strauß, der Autor des Romans Sieben Nächte, und Bamberg scheinen eine besondere Beziehung zu haben. Vor eineinhalb Jahren, fast noch im Mittelpunkt der Aufregung um sein Debut, las er in der Universität aus diesem vor. Für all jene, die damals schon dabei waren, wird es wirklich ein unvergesslicher Abend bleiben. Ob dies auch für die erstmalige Aufführung von Sieben Nächte in Bamberg gelten wird, kann sicher nur die Zeit zeigen. Aber die Chancen stehen gut, dass die allermeisten Anwesenden diese Frage bejahen würden. Ersetzt diese Feststellung aber schon den Bedarf nach einem möglichst objektiven Urteil? Natürlich nicht, ansonsten würden sich Theaterstücke nur an ihrer Gefälligkeit messen lassen. Und gefällig war dieses Stück bei weitem nicht, aber dennoch soll aus diesen ersten und einzelnen Eindrücken eine Struktur entstehen.


Über den Charakter des Stückes müssen nicht viele Fragen gestellt werden: Die Umsetzung im Stück erfolgt fast werk- und wortgetreu zum Roman. Diese Feststellung kann nach der wortgenauen Rezitation des Prologs sofort gemacht werden, hat aber für den Verlauf eine entscheidende Wirkung: Damit ist ab der ersten Sekunde das Publikum zweigeteilt in jene, die den Roman kennen und somit auch den Fortgang des Stückes voraussagen können und diesen, die sich jungfräulich dem Genuss auf der Bühne hingeben. Dieses Problem muss sich jede Inszenierung stellen, die auf einem Roman basiert. Der Spielraum verengt und eröffnet sich damit gleichermaßen, denn was im Folgenden für den einen Irritation (oder Erheiterung) ist, bleibt für den anderen eingebettet in den Kontext des Schriftstücks selbst. Dieses Urteil muss besonders für zeitgenössische Prosastücke gelten, die ihren Weg auf die Bühne finden. Da sie in sich schon codiert und gebrochen sind, mit Verweisen und Anspielungen arbeiten und sich selbst dramaturgisch inszenieren, ohne dabei ein Drama zu sein, obliegt der Bühne vor allem die Möglichkeit der Veranschaulichung. Zwischen den Kennern und den Neulingen nimmt die Inszenierung also eine dritte, hybride Rolle ein: Der Mittlerin zwischen Übererklärung und Unterinformation. Gleichwohl bleibt damit ein Stück gebunden an den objektiven Kern eines Werkes – sofern es ihn gibt. Bei Sieben Nächte ist dies der Wunsch des Ernstgenommen-Werdens. Sowohl des Protagonisten wie auch des Textes selbst. Die ironische Überhöhung – oder Unterfütterung – muss damit aber zwingend aus dem Rahmen herausfallen und wirkt damit an wenigen, aber markanten Stellen etwas albern.
Besonders gut ist das in der ersten Prüfung, wie das Begehen der Todsünden auch genannt wird, zu sehen. Das Thema lautet Völlerei. Buch und Stück nehmen sich hier der Thematik des Fleisches an. Aber während auf der Bühne der Zusammenhang zwischen Männlichkeit und Fleischkonsum in den Mittelpunkt gestellt wird, ist dies nicht Anliegen des Textes und kann es strukturlogisch nicht sein. In diesem geht es um die Vorspiegelung einer äußeren Fülle bei gleichzeitiger innerer Leere. Es ist nicht so, dass dies auch in der Inszenierung angesprochen wird, aber es ist deutlich unterrepräsentiert im Vergleich zum Roman. Man kann nun herzhaft darüber streiten, welche Möglichkeit die bessere ist. Als subjektiver Eindruck bleibt vor allem zurück, dass das Einreiben mit einem Fleischstück zwar einen hohen schauspielerischen, aber kaum einen narrativen Wert hat.
Nun hat man es bei Sieben Nächte auch mit einem besonderen Stück Literatur zu tun. Das Werk stellt die herausfordernde Frage – nach Adorno – ob es ein richtiges Leben im Falschen gibt. Es ist ein Kampfbuch, wie Volker Weidermann schrieb, eine wütende Anklage gegen unsere gesättigte Gegenwart, ein Manifest im besten Sinne des Wortes. Wenn man es so liest. Man kann es aber auch ironisch brechen und die vermeintlichen Leiden des jungen S., so der Name des Protagonisten, herauslesen. Eines privilegierten Jünglings, der sich nochmal, bevor er 30 wird und das "richtige Leben" anfängt, in den Strudel des Lebens stürzen will. Damit lässt sich auch ein gewisser Hang zur Weinerlichkeit, zur Selbstüberschätzung nicht leugnen. Denn das Leben, das der Protagonist führt, muss zwangsläufig als banale Leere betrachtet werden, ein Leben, das ebenso durchschnittlich und entzaubert ist, wie das jedes anderen innerhalb dieser Gegenwart. Aber es bleibt damit die eine, die existenzielle Frage schlechthin offen: Ist das Begehren nach Geheimnis, nach Mut, nach Abenteuer nur eine Inszenierung, um die Leere in unserem Inneren zu überdecken, ein Affekt der Langeweile oder doch ehrlicher Ausbruchswille aus der Tristesse unseres Alltags? "Über dir und vor dir ist es freilich leer und öde, weil es in dir leer und öd ist" dichtete Hölderlin in seinem Hyperion. Diese Vorüberlegungen sind nicht ohne Grund angestellt, zielen sie doch auf die Inszenierung selbst ab, die zu sehen war.
Betrachtet man es nur von der formalen Seite, dann war es ohne Frage eine grandiose Aufführung. Das Bühnenbild, ein weißer, minimalistischer Raum, der an moderne Einrichtungsideen erinnerte, gab den Schauspielern die perfekte Möglichkeit zur Entfaltung. Aber auch die Nutzung dieses Raumes gelingt in der etwas über einstündigen Aufführung perfekt. Immer wieder kann mit den eingelassenen Türen gespielt werden, sind die Videoeinspielungen in dem, was vielleicht ein Fenster in der Mitte darstellen soll, perfekt auf dem Punkt. Licht und Akustik sind hervorragend eingespielt, die musikalische Untermalung an den richtigen Stellen, aber immer dezent und im Hintergrund bleibend. Kurzum, man hat es mit einer wirklich professionellen Aufführung zu tun.
Die beiden Schauspieler, Denis Grafe als S. und Clara Kroneck als T., machen ihre Sache nicht nur gut, sondern exzellent. Die Idee, dem eigentlich monologisierenden Protagonisten des Buches eine Bezugsperson an die Seite zu stellen, erweist sich als dramaturgischer Gewinn. Vor allem Denis Grafe hat seine stärksten Passagen im Dialog, in der Zusammenarbeit. In diesen Szenen können sich beide perfekt die Bälle zuwerfen, ohne dass es gezwungen oder überspielt wirkt. Dass manche Episoden wiederum subjektiv etwas überspitzt wirken, sei hierbei zugestanden. Es bleibt fraglich, ob man jede eindrückliche Passage, jeden Aufruf in überschlagender Stimme herausschreien muss, aber man kann das unter dem Eindruck des Textes nachvollziehen. Das Augenzwinkern der beiden Darsteller an den empfindsamen und durchaus pathetischen Stellen wirkt dabei als Brechung des komplexen Textes, hat aber damit auch das Potential, die Verwirrung innerhalb des Gesagten noch zu steigern. Die angesprochene Problematik des Romans verschärft sich somit auf der Bühne noch einmal extrem. Was für den einen komödiantische Einlagen mit kabarettistischem Einfluss sind, sind für andere ernstzunehmende Anklagen.
Diese Ambivalenz macht sowohl den Reiz der Aufführung als auch der Vorlage aus, verbleibt aber damit in einem eigenartigen Dilemma: Dort, wo es doch eigentlich um den Aufruf zur Umkehr geht, sich für dieses oder jenes doch endlich mal zu entscheiden und nicht in einem dezisionistischen Zwischenraum zu verbleiben, kurz: die Wiederkehr der Entscheidbarkeit herbeizuführen (leider nicht im Stück: "‘Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt‘, hatte mir jemand ins Poesiealbum geschrieben"), da soll alles in die Rezeptionsfähigkeit des Zuschauers gelegt werden? Dieses Grundproblem kann aber auch eine Aufführung wie diese nicht lösen. Aber kann man Sätze wie "Alles sowieso schon lange abgesichert durch das Panzerglas der Ironie" denn wirklich nur noch ironisch verstehen? Und wenn ja, welche Implikationen folgen daraus für das Leben? Wenn das Theater immer noch den Anspruch hat, nicht nur Unterhaltungsveranstaltung zu sein, sondern auch Schaubühne im Sinne Schillers, dann muss sie auch aus der stetigen regressiven Brechung durch Ironie aussteigen können und wollen.
Allein, es bleibt die Frage, ob es dafür noch Ohren gibt, es zu hören. Die fast stereotype Reaktion des Publikums, das auf die durchaus gewagten Tabubrüche des Textes mit dem bekannten "Hoho, Hoho" des sich in der eigenen politischen Unkorrektheit Erwischt-Fühlenden antwortet, spricht darüber durchaus Bände. Es ist verständlich, dass nicht jeder Aufruf innerhalb des Stückes mit einer Reflexionskette des Selbst beantwortet werden muss, um sich zu fragen, wie man seine eigene Oberflächlichkeit, verkörpert durch Facebook, Instagram und Twitter, aushält. Aber es ist bezeichnend, dass das distanzschaffende Lachen die deutlichste Reaktion auf die wütenden Passagen des Stückes waren. Was aber auch, um das deutlich zu sagen, völlig in Ordnung ist. Die ironischen und lustigen Passagen laden durchaus dazu ein, sich auch nur unterhalten zu fühlen, wenn man auf diese Aufgabe der Introspektion keine Lust hat.
Das Stück öffnet sich in seiner je eigenen Möglichkeit für beides. Natürlich lässt sich darüber streiten, ob die Einspielung eines Alice-Weidel-Verschnitts zu Beginn geglückt ist, wenn man sich den Text, der dann aufgesagt wird, durch den Kopf gehen lässt. Aber das sind  Detailfragen, die sich in der Sphäre des subjektiven Geschmackurteils bewegen und nichts über die Aufführung selbst aussagen. Denn auch hier ist wieder der Mut zu bewundern, den das ETA Hoffman Theater an den Tag legt. Sieben Nächte mögen aufgrund ihrer Struktur leicht zu inszenieren scheinen, aber es lässt sich auch als Zuschauer erahnen, welche Mühen hinter der gelungen Premiere standen. Dass das Publikum am Ende sehr überzeugend und wohlwollend auf die Darbietung reagierte, lässt sich daher auch nur als verdienten Lohn der harten Arbeit verstehen. Die ewig alte und neue Frage nach dem richtigen Leben im Falschen muss dennoch notwendigerweise offen bleiben. So offen, wie die Möglichkeiten der Inszenierung sind. Und Offenheit, das muss gesagt werden, ist auch in einem Zeitalter des Entscheidungszwangs nicht immer das Schlechteste.

 

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