Und jetzt sag, was du denkst!

von Simon Herold (4. Dezember 2019)



© Konrad Fersterer


Nach der kontroversen Literaturnobelpreis Verleihung an Peter Handke wird sich neben seinem Werk auch immer mehr mit dem Schriftsteller selbst beschäftigt. Die Inszenierung von Kaspar am Nürnberger Staatstheater geht dabei auf außergewöhnliche Weise auf beides ein und schafft es zugleich, einen gelungenen und unterhaltsamen Abend zu ermöglichen.

Was macht Sprache eigentlich mit uns? Das Sprechen sowie das Denken in Sprache ist für die meisten von uns mittlerweile selbstverständlich. Doch inwiefern manipuliert die Sprache uns, macht aus unseren Gedanken etwas ganz anderes, als sie an sich einst waren? Sprechen wir in unterschiedlichen Sprachen, verändert uns das. Das Erlernen des Wortes "Ich" ist ein wichtiger Moment in der Entwicklung eines Kindes. Sprache formt uns also, und dies führt unweigerlich zu der Frage, was bei einem Missbrauch passieren kann.

"Das Stück KASPAR zeigt nicht, wie ES WIRKLICH IST oder WIRKLICH WAR mit Kaspar Hauser." Mit diesem Satz beginnt Peter Handke sein Stück. In der Vorrede wird noch mehr erklärt, wie das Stück zu verstehen sei, wie die Bühne auszusehen habe oder auch der Darsteller der Hauptfigur. Dass der Name des Stückes ebenso gut "Sprechfolterung" sein könne. Von derartigen Einschränkungen löst sich diese Inszenierung, über weite Abschnitte erscheint der alternative Name aber sehr passend.

Zwei Männer im Anzug schleifen zu Beginn einen verwahrlost aussehenden Mann auf die Bühne, er trägt schmutzige Unterwäsche und ein unförmiges Hemd, hat Blätter in den Haaren. Hätten die beiden Männer keine Anzüge an, könnte man sich vorstellen, dass eben so der historische Kaspar Hauser gefunden wurde. Kaspar wird auf der Bühne alleingelassen, stammelt seinen Satz vor sich hin: "Ich möchte ein solcher werden, wie einmal ein andrer gewesen ist".

Es folgt eine Reise durch verschiedene Stationen aus der Vergangenheit bis in die Gegenwart. Nach der ersten Szene öffnet sich die Bühne, wir blicken in ein Biedermeier Wohnzimmer wie aus dem Geschichtsbuch, in dem zwei Herren mit Zylinder und Wrack sitzen. Hier scheint der Name "Sprechfolterung" wieder sehr passend – grob gehen die beiden Herren mit dem verwirrten Kaspar um. Doch die Grobheit führt sie noch nicht weiter, es muss noch mehr mit Kaspar gesprochen werden.

Es erfolgt ein Sprung in ein Klassenzimmer, auf der Bühne sind eine Schulbank und ein Pult für den Lehrer, welcher als Erster hereinkommt. Es folgen Kaspar und ein weiterer Darsteller, beide im Pullunder mit kurzen Hosen, offensichtlich sind die beiden Schüler. Die Fragen des Lehrers überfordern Kaspar, sein Mitschüler hingegen reißt teils schon bevor die Frage zu Ende gestellt ist den Arm hoch, um zu antworten, nur selten liegt er falsch. Kaspars Antworten, wenn er einmal zum Sprechen kommt, muten an wie Nonsens. Im Verlauf der Szene wird es allerdings immer verständlicher.

Nach dieser Szene kommt die große Überraschung des Abends. Nach einigem Tumult, den Schauspieler im Publikum anfangen, um dann auf die Bühne zu kommen, holt einer der Darsteller mit den Worten "Peter, kommst du mal?" einen Mann auf die Bühne und ans Rednerpult. Es ist Felix Mühlen, bisher der Darsteller Kaspars, nun offensichtlich verkleidet als - Peter Handke! Ein Mann kommt zu ihm, bittet ihn, Bücher zu unterschreiben, ein weiterer Mann aus dem Publikum beschwert sich. Es entsteht ein Streit, der die beiden Lager der Unterstützer und Kritiker Handkes widerspiegelt. Zitate aus Interviews werden in den Raum geworfen ("Ich bin ein Schriftsteller, ich komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes. Lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen." (Quelle: https://www.zeit.de/kultur/literatur/2019-10/literaturnobelpreis-peter-handke-journalisten-gespraeche-abbruch)) Der Unterstützer kommt mit der Frage zurück, die auch Handke gerne entgegenstellt: "Haben Sie denn überhaupt etwas von ihm gelesen?".

Der Streit endet damit, dass die Seite, die Handke unterstützt hat, diesen dazu aufruft, zu sagen, was er denke. Dies erscheint nicht nur ironisch, weil ein nicht geringer Teil des Buches die Aussage behandelt, dass man nur sagen kann, was man denke, da man immer denke was man sage. Es ist auch ironisch, weil die Rede, die darauffolgt, sehr abstrakt ist, dem Thema fern erscheint. Nach und nach kommen die anderen beiden Darsteller wieder auf die Bühne, ebenso verkleidet als Peter Handke, und sprechen die Rede mit, alle drei über Mikrofon. Zu diesem Zeitpunkt schien die Überraschung, teils auch Verwirrung, im Zuschauerraum einen Höhepunkt zu erreichen.

Es erfolgt wieder ein Szenenwechsel. Der Vorhang, der zuvor wieder zugezogen war, da die drei Redner vorne an der Bühne standen, öffnet sich. Nach vorne schiebt sich ein heller weißer Raum mit drei Stühlen, in der Mitte sitzt Kaspar. Er scheint ein neuer Mensch zu sein, sauber, die anderen beiden helfen ihm in einen Anzug, während er spricht. Der Sozialisierungsprozess scheint abgeschlossen zu sein. Kaspar spricht davon, dass es ihm besser gehe, dass es schon immer sein Wunsch gewesen sei, dabei zu sein. Die anderen beiden sind stolz, und nachdem sie sprechen, erfolgt der letzte große Szenenwechsel.

Auf der Bühne steht in drei großen, glitzernden Buchstaben "ICH". Die drei Darsteller heben Mikrofone vom Boden auf und gehen in Richtung der Buchstaben. Was folgt, ist die zweite große Überraschung des Abends: Gemeinsam singen sie den Text, den eigentlich Kaspar alleine vortragen sollte, nicht in monotoner Art und Weise oder untermalt von zu langsamer Musik, sondern wie einen Schlagerpop, zwischenzeitlich klatscht das Publikum mit. Es wird in Choreografie getanzt, nach dem Lied, alle sind etwas außer Atem, öffnen sich die Drei eine Dose Bier und fangen an zu "quatschen". Der Text, den Kaspar alleine hatte, wird im Trialog weitergegeben, wie unter Kollegen beim Feierabend. Und so findet die Inszenierung zu ihrem Ende. Funktioniert eine Inszenierung, die sich so weit von ihrem Vorbild entfernt, die Vorschriften des Textes missachtet und einen großen Teil ganz einfach selbst hinzufügt?

Wie reagiert die Welt?

Ja, sie funktioniert. Die Kontroverse um Peter Handke ist, wenn sich die Situation zwar auch schon durchaus beruhigt hat, immer noch aktuell. Den Weg zu gehen, die Auseinandersetzung damit einfach mit ins Stück zu nehmen, erscheint mutig, funktioniert aber nicht zuletzt durch die gute Umsetzung. Insbesondere Maximilian Pulst fällt durch seine Darstellung des Kritikers auf. Es gab, für ein Stück wie Kaspar, vermutlich außergewöhnlich viele Gags, das Publikum lachte viel. Dies kam teils von der eigenwilligen Darstellung, der Szenerie und erschien manchmal auch etwas unpassend, lockerte das Stück jedoch auch auf und ermöglichte schlussendlich einen einfacheren Zugang zu einem zweifelsfrei schwierigen Stück.

Eine weitere faszinierende Interpretation des Textes ist, dass am Schluss alle drei Darsteller den Text Kaspars sprechen. Trat davor noch einer als Kaspar auf und die anderen als "Peiniger", eben so, wie der alternative Titel es suggeriert, schien es am Ende so, als wäre jeder von den Dreien gewissermaßen Kaspar. Dies passt gut zu der Fortsetzung des ersten Satzes: "Es zeigt, was MÖGLICH IST mit jemandem." Die Möglichkeit, durch das Sprechen zum Sprechen gebracht zu werden, durch Sprache manipuliert, geformt aber auch gefoltert werden zu können, gehört nicht speziell zu Kaspar. Die Figur des Kaspar Hausers dient mehr als Prototyp eines sprachlich "Weißen Blattes". Nein, ebendiese Möglichkeit wohnt einem jeden inne, und die Herausstellung und Betonung hiervon wirft das ganze Stück in ein anderes Licht.

Schlussendlich bleibt nur noch zu sagen, dass die Inszenierung am Nürnberger Staatstheater unbedingt sehenswert ist. Ohne eine gewisse Auseinandersetzung mit dem Text und der Person Peter Handkes ist die Aufführung zwar teilweise verwirrend, führt aber trotzdem gut in die Ideen des Stückes ein. Und was man auch nicht unter den Teppich kehren darf: Langweilig war es nie, die Unterhaltung war durch tolle schauspielerische Leistungen und ein ansprechendes Bühnenbild zu jeder Sekunde gegeben.


Die nächsten Aufführungen nach der Premiere finden am 3.12.19 sowie am 5.12.19 statt, aber auch ansonsten noch das ganze Jahr 2019 bis in den Juli 2020.