Ernst sein ist alles

von Anna Brodmann (5. Dezember 2019)



© Martin Kaufhold


Was soll man ernst nehmen in einer Welt von Donald Trump, Kim Jong Un und dem Brexit?
Etwa die Klimakrise, den drohenden Aufstieg des Faschismus oder die zunehmende gesellschaftliche Spaltung?     
Natürlich nicht!       
Bunbury lehrt uns: Das wahre Glück finden wir nur, wenn Gurkensandwiches wichtiger sind als Heiratsanträge und Ernst sein wirklich alles ist.

Oscar Wildes Komödie Bunbury dreht sich um zwei junge Lebemänner der oberen Schicht Englands im 19. Jahrhundert, die sich mit "allerhand Schwulitäten" ihre Zeit in London vertreiben. Als Mr. Worthing der Cousine seines Freundes einen Antrag machen will, stellt sich schnell heraus, dass er ein doppeltes Spiel gespielt hat: Um einerseits sein zügelloses Leben in der Stadt genießen zu können und andererseits die moralischen Standards eines Vormundes auf dem Land zu erfüllen, hat er seinen exzentrischen jüngeren Bruder Ernst erfunden, um den er sich jedes Wochenende in London "kümmern" muss. Eine Enthüllung, die seinen Freund Algernon keineswegs schockiert: Algernon hat schließlich die Technik des Bunburysierens erfunden. Er nutzt den namensgebenden und angeblich schwer kranken Bunbury beispielsweise, um dem unangenehmen Essen mit seiner Tante zu entgehen.

"Junge Frauen sind Flundern"

Problematisch wird die Sache spätestens, als sich beide als Ernst ausgeben und dabei zwei jungen Frauen verfallen. Leider wollen die beiden Damen aber nur jemanden heiraten, dessen Namen Ernst ist, denn Ernst "ist ein göttlicher Name! Er … erzeugt Vibrationen!". Von nun bemühen sich die beiden also Ernst zu sein, während sie weder sich noch die Situation ernst nehmen und die beiden Frauen – die nur Interesse an etwas Ernsthaftem haben – zu allerhand Schabernack verführen.

"Mir ist alles zuwider, was mit der gottgegebenen Dummheit herumpfuscht"

Die Inszenierung des ETA Hoffmann Theaters ist wie das Stück selbst: schwul, exzentrisch, pointiert, voller Liebe zum Detail und absurd komisch.        
Dank der überspitzten und wie immer durchweg hervorragend gespielten Figuren ist das Stück ein einziger Genuss. So legt z.B. Algernons Tante durch ihre unendlich trockene Art eine ungehemmte Verachtung für die Gesellschaft und ihre Konventionen an den Tag, während sie selbst genau diese Gesellschaft mit ihren verkrusteten Standards und Instanzen repräsentiert – ein Schema, das sich durch fast alle Figuren und Szenen zieht und nie seinen Reiz verliert. Besonders die Antragsszenen sind Dank der vollkommen überzogenen, von Geschlechter- und Beziehungsstereotypen durchsetzten, Mann-Frau-Dynamik eine einzige Freude.

Doch an fast keiner Szene lässt sich die Exzentrik und Liebe zum Stück schöner zeigen als an der unvergesslichen Umbau-Szene. Bühnenbildwechsel sind an sich eher ein lästiges Übel, meist ein wenig verschämt und so schnell wie möglich hinter sich gebracht. Doch nicht in Sebastian Schugs Inszenierung. Daniel Seniuk liefert eine derart beeindruckende Performance von Queens Somebody to dance ab, dass selbst Ru Paul begeistert aufgesprungen und "Shantay you slay!" gerufen hätte. Und während dieser herausragenden Performance kommen Bühnenarbeiter, samt technischer Hilfsmittel, auf die Bühne, rollen Rasen aus, Stellen Bäumchen auf und entfernen Deko, ohne dass es den Szenen einen Abbruch tut. Es ist die ultimative Ambivalenz des Theaters, große Dramatik und herausragende Darbietung und gleichzeitig die vollkommene Banalität des Alltagsgeschäfts auf einer Bühne vereint. Diese absurde Widersprüchlichkeit zelebriert die Inszenierung bis ins Maximum. Erst als mittels einer Plattform eine winzige Blume an die höchste Stelle des Bühnenbildes gesetzt wird, endet das Spektakel. Es ist die größte Stärke dieses Stückes, das Absurde derart ernst zu nehmen – sowohl in Handlung als auch Inszenierung –, dass dem Zuschauer gar keine andere Wahl bleibt, als lauthals lachend in den Strudel des Wahnsinns mitgerissen zu werden.

Auch wenn es nach der Pause nicht gelingt, das mitreißende Moment in vollem Umfang aufrecht zu erhalten, macht es doch durchweg großen Spaß, sich das Spektakel auf der Bühne anzusehen. Der zweite Teil des Abends reicht nicht ganz an den fulminanten ersten Teil heran – was aber weniger daran liegt, dass er schlechter ist, sondern mehr daran, dass der erste so neu und komisch ist, dass es fast unmöglich ist, auf dem Niveau weiterzumachen. Trotz etwas verwirrender Momente, wie einem scheinbar aus dem Kontext gerissenen Auftritt von Oscar Wilde persönlich, überzeugen sowohl Handlung als auch Inszenierung auf ganzer Linie.

"Ich habe nichts gegen harte Arbeit, so lange sie sinnlos ist"

Ein besonderes Lob muss dabei den Beteiligten hinter der Bühne ausgesprochen werden. Nico Zielkes Kostüme passen so perfekt zum Ton des Stückes, dass es beinahe beängstigend ist. Zeitlos und doch mit jeweils ganz klarem Zeitbezug fügen sie sich in die ernste Absurdität des Stückes ein, illustrieren Handlungsverläufe und sind schlichtweg beeindruckend.

Um den Grad an Detailliebe zu skizzieren, soll hier ganz kurz auf ein Requisit eingegangen werden, das mir besonders ins Auge gefallen ist. Es geht um eine riesige weiße Muschel, die innen mit Fell gepolstert ist und auf der einer der Darsteller über dem Boden schwebt. Ich kann mir nur ungefähr ausmalen, wie viele Stunden Arbeit nicht nur der Bau, sondern auch alle notwendigen Sicherheitsprüfungen verlangt haben. Schließlich muss auch ein Teil des Bühnenbildes entfernt werden, damit die schwebende Muschel überhaupt sichtbar ist. Es kann also davon ausgegangen werden, dass mit viel Aufwand und Mühe ein Requisit gebaut wurde, das im Stück etwa eine bis drei Minuten lang zu sehen ist         
Mit solchem Ernst an eine Absurdität zu gehen, ist nicht nur selbst etwas bunbury-esk, sondern verlangt auch größten Respekt für die Leidenschaft, die hier an den Tag gelegt wurde.

Insgesamt ist also dem gesamten Team, aber vor allem Sebastian Schug, herzlich zu dieser wundervoll absurd-komischen Inszenierung zu gratulieren. Sie bringt das Prinzip des Stückes in vollem Umfang zur Geltung und würzt es mit autobiographischen Elementen aus Oscar Wildes Leben, dass es eine einzige Freude ist. Eine ganz klare Empfehlung für alle, die das Gefühl haben, dass die Welt langsam verrückt wird und man nichts mehr ernst nehmen kann. 


Termine: 11.12/ 12.12/ 28.12/ 03.01./ 04.01