„Mittel, mittel, mittel. Es ist alles mittel und gut bei uns.“

von Lennart Göbel, Tabea Lamberti (21. Januar 2020)



© Martin Kaufhold


Bonn Park inszeniert am Bamberger ETA Hoffmann Theater mit Das Deutschland die provokante Darstellung einer durchschnittsdeutschen Leitkultur.

Krachende Trapmusik, ein fahler Lichtkegel, knallende Falltüren, totale Aufblendung: das Publikum ist vorerst blind. Schnell wird deutlich, das hier soll kein traditioneller Theaterabend werden, es wird geschockt, geblendet, persifliert und provoziert. Also doch ein gewöhnlicher Theaterabend? Ein "Horror"-Stück, so nennt es die Dramaturgin Victoria Weich. Und spielt damit auf die stilistische Gestaltung des Stücks an, mit Handgriffen aus dem Grusel-Baukasten.

Kleinbürgerliche Familie im artifiziellen Laminatidyll ihres Ferienhauses, Boden, Möbel, Geschirr und Zimmerpflanze, alles gehalten im Design der Parkettimitation. Dazu die Schauspieler:innen zunächst in knarzenden, flamboyanten Latexkostümen – später gehen auch ihre Gewänder allesamt in das Holzattrappendesign über. Es ergibt sich ein stimmiges Bühnen- und Kostümbild, für das die Schweizer Szenografin Julia Nussbaumer verantwortlich ist. Ganz im Sinne spießbürgerlicher Gruselatmosphäre: sauber, rein, steril. Die einmalige Erweiterung der Szenerie – mehr sei an dieser Stelle nicht verraten – zeigt Wirkung und trägt zum positiven Zeugnis für Nussbaumer bei.

Pünktlichkeit, Ordnung, Akkuratesse. Sandaletten, Bier und Laminat

In Park-typischem Monologstil wird das Streben nach durchschnittsdeutschem, "brillantem Mittelmaß" beschrieben. Die Kleinfamilie, bestehend aus Vater Thumas (Paul Maximilian Pira), Mutter Sondra (Ewa Rataj) und Sohn Lonnart (Daniel Dietrich), begibt sich zur Erholung in das eigene Ferienhaus. Mit dabei Lonnarts Schulfreundin Emulie (Clara Kroneck). In ihrem rosafarbenen Tüllkleid scheint diese auf den ersten Blick (noch) nicht in die Szenerie zu passen.
Schnell wird deutlich, die abenteuerlustige und freigeistige Emulie soll eines Besseren belehrt werden. Besser nicht auf Bäume klettern, besser Bier trinken, Bausparen, Beschweren bei der Deutschen Bahn. Die exaltierte Darstellung deutscher Klischees und Stereotype führt dabei mitunter zu Längen, welche die zu erwartende Empörung des Publikums – das sich mit Sicherheit an mancher Stelle wiedererkennen wird – schmälert. Eine raffiniertere Pointierung könnte zu weniger Lachen und mehr Reflexion führen.
Mit fortschreitender Zeit und zunehmenden Ritualen wird die kleine Emulie immer tiefer in den Sumpf des Ordnungssystems der Familie gezogen. Die fehlende Tür nach draußen, die gerade bei der "Jahresuntersuchung" ist, symbolisiert dies nur allzu deutlich.
Es sind die vielen aneinander gereihten Momente des Wahnsinns und der Bedienung deutscher Stereotypen, die den Horror lebendig werden lassen.

 
Leitkultur, Lightkultur, Leidkultur?

Das Stück bezieht sich schließlich auch - oder vor allem? - auf Thomas De Maizières zehn Gebote der deutschen Leitkultur aus dem Jahr 2017 und die parallel bis heute präsente und gesellschaftsspaltende Diskussion um Zuwanderung. So wird von Geflüchteten mit teuren Smartphones gesprochen, während der blanke, unerwünschte Horror, nämlich ein Chor aus Wurstgesichtern, die Deutschlandhymne singt. Der Chor, der auch an einen deutschen Michel erinnern könnte, begleitet das Stück kontinuierlich und tritt immer dann auf, wenn die Stimme der Allgemeinheit zu sprechen scheint. Der Wunsch nach Mittelmäßigkeit ist nicht nur einer, der in der Familie wächst, sondern das tiefste Anliegen der Mehrheit zu sein scheint.        
Während Thomas De Maizière in zehn Punkten erklärt, was deutsch ist, wer "Wir" sind und wer "Die" sind, was "Wir" tun dürfen, was "Wir" unterlassen sollten (Definitiv nicht vermummen, denn "wir sind nicht Burka"), konterkariert Park diese Liste, indem er sie um ein elftens erweitert: "Wir sind keine Nazis, aber Ausländer sind arschgefickte Missgeburten!" Eine Provokation, der man, zumindest in ihrer drastischen Formulierung, standhalten muss.

Park wandert mit Das Deutschland auf einem schmalen Grat zwischen relevanter, angebrachter Gesellschaftskritik und simpler, auf nationalen respektive kulturellen Klischees aufbauender Komödie. Die Intention, Ersteres auf die Bühne zu bringen, ist zu erkennen, jedoch in der Umsetzung nicht vollumfänglich gelungen. So werden die Momente des Spiegelvorhaltens, in denen ein:e Zuschauer:in sich selbst erkennen und vor sich erschrecken könnte, teils unmittelbar, teils durch Übertreibungen ins Lächerliche gezogen. Sich des Genres Horror und seiner stilistischen Mittel zu bedienen, zeigt die Absicht Parks, Aufmerksamkeit auf ein ernstes und wichtiges Thema zu lenken. Umso schöner wäre es dann, weniger Gründe zum Lachen zu geben.
Der Frage nach der Wahrhaftigkeit der Stereotypen muss sich jede:r selbst stellen: Streben wir wirklich nach "Mittelmäßigkeit", die zwar keine Aufregung, dafür aber auch keinen Jammer, keine Trauer und keine Not verspricht - denn in der Mittelmäßigkeit ist alles okay, alles gut!

 
Weitere Termine: 22.01., 23.01., 26.01., 28.01., 31.01., 02.02., 04.02.