Konstantin Küspert – Fort Schreiten 24.01. ETA Hoffmann Theater Bamberg

von Sebastian Meisel (26. Januar 2020)

© Martin Kaufhold


Die Aufgabe, eine Kritik zu schreiben, ist manchmal leichter, manchmal schwerer. Leichter ist sie, wenn das Stück sich, auch in allen Brüchen und Wendungen, zu einem kohärenten Ganzen entwickelt, Bühnenbild und Schauspieler eine Einheit werden, sich die Fragmente in eine Ordnung fügen. Schwerer, wenn das eigentlich Gesagte im Ungefähren verbleibt, das Ungesagte wiederum das eigentlich Entscheidende ist. Dass man es beim Stück Fort Schreiten vermutlich mit dem zweiteren Fall zu tun haben wird, war wiederum erwartbar. Wenn man ein Stück bei Konstantin Küspert bestellt, weiß man, was man bekommt: Die gesamte Palette des Abgesangs auf die menschliche Gegenwart, eine Generalanklage gegen das Alltägliche und Ordinäre und dazu eine Mischung aus intellektueller Anschauung und manifestartiger Agitation.

Das ist jedoch noch kein Urteil, weniger noch eine Einschätzung, sondern eher eine Ahnung über den Charakter eines Stückes. Der Vorteil hiervon ist wiederum, dass man wenig überrascht sein kann von der Ausgestaltung einer solchen Aufführung. Die wilde Melange, die im ETA Hoffmann Theater aufgeführt wird und mit 90 Minuten zeitlich auch richtig bemessen ist, löst all dies ein und gibt dennoch den Raum für selbsttätige Reflexion.
Geht man strukturell vor, dann muss zuerst gesagt werden, dass wiederum das Bühnenbild positiv überrascht. Hierfür zur Einordnung: Die Handlung spielt im Jahre 2213, etwa zu jener Zeit, in der auch die Enterprise unter James T. Kirk die letzten Grenzen („Space: the final frontier“) überschreitet. Dass die Premiere zeitlich zum Start der neuen Star-Trek-Franchise Picard läuft, mag dabei ein seltsamer Zufall sein. Dennoch lassen sich gewisse Parallelen zu der Idee Gene Roddenberrys nicht von der Hand weisen – nur negativ gewendet, versteht sich. Vollständige Ähnlichkeit gilt jedoch für das Interieur – hierbei besonders die langsam öffnenden und schließenden automatischen Türen am Bühnenrand –, aber auch die Uniformen, die herrlich genderneutral allen Darstellern gleichsam nicht gerade schmeicheln.
Nach dem Eingangsprolog, einer langen Nacherzählung der Genesis (auch hier: Die Genesis-Sonde soll das terraforming, also die Umwandlung einer feindlichen, planetaren Umwelt in eine lebenswerte durchführen, siehe Star Trek II und III), wird die Rahmenhandlung erklärt. Die Verschmutzung der Erde zu Beginn des 21. Jahrhunderts führt zu einer Art Arche-Noah-Projekt, in der wenige hundert Menschen zu einem benachbarten Sternensystem aufbrechen. Hat man das schon einmal gehört? Nicht nur gehört. Die Anleihen an Filme wie Interstellar und Wall-E sind zu auffällig, die Zitate durchaus versteckt, aber doch auffällig. So kümmert sich einer der Schauspieler (Oliver Niemeyer, der grundlegend einen hervorragenden Abend hatte, ebenso wie Bertram Maxim Gärtner) mit größter Hingabe um eine Grünpflanze, ein letzter Hoffnungsschimmer einer wiedererweckten Menschheit – wie in Wall-E. Im Hintergrund eine allmächtige KI auf der Stufe der Selbstvergottung – 2001-Odysee im Weltraum lässt grüßen. Ein solches Stück, auch unter diesem Namen, würde aber sich selbst nicht ernst nehmen, wenn es hierbei nur um nerdige Spielereien gehen würde. Immerhin muss dem Zuschauer, dem Mittäter, auch vor Augen geführt werden, an welchen üblen Dingen er durch seine Akzeptanz mittelbar beteiligt ist.
Nein, Küspert lässt hier nichts aus und dem Rezipienten keine Chance, sich Sühne zu erhoffen. Schon die ersten Menschen, verkörpert durch eine weitere popkulturelle Anspielung – Fred Feuerstein – sind im Prinzip die Vorreiter der modernen, industriellen Landwirtschaft – und damit des Bienensterbens. Dass später Carl Benz als der Urvater des SUV-Wahnsinns in den deutschen Innenstädten präsentiert wird, ja, dass diese Idee im Grunde schon dem Auto inhärent ist, ist schon hier nur noch geschenkt. Alles hat irgendwie mit allem und damit nichts mit nichts zu tun, aber irgendwie lässt sich immer eine Schuld be- oder nachweisen. Im Hintergrund lauert dazu auch das böse Ungeheuer Kapitalismus. Natürlich ist ein Theaterstück keine Reflexion zu Adornos und Horkheimers Dialektik der Aufklärung. Aber müssen Annahmen, die sich aus dem tatsächlichen Zustand der Gegenwart ziehen lassen, wirklich in dieser wenig subtilen Form heruntergebrochen sein?
Man kann die Geschichte der Menschheit natürlich auch als lange Reise in die Selbstzerstörung darstellen – analog zum Sündenfall. Aber dann sollte man sich auch nicht mehr über das Prädikat "Apokalyptiker" wundern.
Das Wesen des Menschen scheint so verdorben, dass er nur zur Selbst- oder Fremdausbeutung, zur Naturzerstörung oder zum Krieg in der Lage ist. Hat man das nicht auch schon gehört? Natürlich. Scheinbar haben sich einige deutsche Intellektuelle in den letzten Jahren die Aufgabe gestellt, den Menschen in seiner ganzen Abscheulichkeit darzustellen, Sybille Berg sei hier nur das bekannteste Beispiel. Ähnlich verläuft auch die Narrationslinie im Stück: Immer wieder Hass, Hass, Hass, Leugnung von Fakten (selbstverständlich so deutlich und stereotyp, wie es nur geht), Social Media, Populismus und natürlich irgendwas mit Hitler. So mäandert auch diese Aufführung immer wieder zwischen wütenden Anklagen, die monologisch vorgetragen werden, und die man so oder so ähnlich nicht nur bei Fridays for Future oder den Grünen oder jeder anderen zivilgesellschaftlichen Organisation, die etwas auf sich hält, schon mal gehört hat, und einer durchaus sympathisch gespielten Rahmenhandlung immer wieder hin und her. Dass sich das Stück nicht entscheiden kann, was es sein will - entweder richtiges Theater mit einer Narration und einer Inszenierung oder eine politisches Stück mit einer möglichst "aufwühlenden" Botschaft -, muss nicht zwingend ein Nachteil sein. Dass das Publikum aber vor allem die ernsteren Passagen anscheinend als Slapstick wahrnahm und die entsprechenden Reaktionen gab, sagt in dieser Hinsicht schon einiges aus.
Entlarvend wurde es deshalb vor allem, als der Auftritt eines aalglatten Politikerstereotyps, der in seinem Aufruf eine "freie, offene" Gesellschaft forderte, mit dem Willen der Umverteilung von "oben nach unten", nach mehr "Progressivität", fast schon mit Szenenapplaus bedacht wurde – wäre nicht der Tirade ein "Sieg Heil!" gefolgt. Das Spiel mit den Erwartungen an eine homogene Blase, die ein solches Theaterpublikum zwangsläufig ist, funktionierte hierbei sehr gut.
Dies lässt sich aber nicht für jede Einlage sagen. Ob der verwirrte Nostradamus am Schluss, als er mit sozialen Medien und ihren Folge für den menschlichen Umgang abrechnete, wirklich der Überzeugung war, dass Funkwellen schwere Folgen für das Gehirn haben könnten, muss daher offenbleiben. Dass Dschingis Khan tatsächlich für seine Verhältnisse "fortschrittlich" war, ist nun nicht unbedingt eine faszinierende Neuerung, aber weshalb gerade solche widersprechenden Handlungsfäden nicht aufgenommen werden, sondern meist sofort wieder fallen gelassen werden, bleibt einfach ein Rätsel. Es bleibt ebenso ein fader Beigeschmack, wenn Abrechnungen mit dem Phänomen Social Media im Stil eines x-beliebigen Facebook-Beitrages präsentiert werden – eine Aneinanderreihung von narzisstischen Ausbrüchen, die als Fakten getarnt werden. Wenn dies jedoch die Absicht der Inszenierung gewesen sein soll, dann muss die Frage erlaubt sein, wieviel Meta-Meta-Meta-Betrachtung einem Publikum zugemutet werden kann und darf.
Es ist dabei dennoch das große Glück des Stückes, dass die schauspielerische Leistung durchaus überzeugend war – und zwar gleichmäßig über das gesamte Ensemble verteilt. Die stärksten Momente hatten die Schauspieler im Austausch, im Dialog. Dort konnten alle in der Interaktion überzeugen, ganz anders als bei den großen Proklamationen und Monologen, die meist holzschnitzartig und leider bekannt wirken und deshalb auch in sich nicht genügend überzeugen konnten.
Man kann sich dennoch nicht des Eindruckes erwehren, dass gerade die Unentschiedenheit aus ernstem, politischem Stück und Gag-Feuerwerk dazu führt, dass man sich gut unterhalten fühlt. Ob das reicht, sowohl für den Anspruch der Aufführung als auch der darin verhandelten Themen, das muss jeder Zuschauer für sich entscheiden.   


Weitere Aufführungstermine:

30. und 31.01./01.02., 19.02., 21. und 22.02.