Germany: Why not!

von Simon Herold (11. Februar 2020)

© Konrad Fersterer


"Germany: Why not!" Unter diesem Motto steht das neueste Stück Philipp Löhles, Hausautor des Nürnberger Staatstheaters, Andi Europäer. Es versucht, Deutschland und Deutschsein zu hinterfragen und einen Perspektivenwechsel zu ermöglichen. Wie dies angestellt wird, ob es gelingt, und ob zusätzlich ein schöner Abend im Theater ermöglicht wird, soll im Folgenden beschrieben werden.

"Seit 2015 werden im Auftrag des Auswärtigen Amtes in ganz Afrika Informationsveranstaltungen durchgeführt, die Afrikaner*innen davon abhalten sollen, die Flucht nach Europa anzutreten. – Ist wirklich so!" Mit diesem Satz werden wir in das Stück hineingeleitet, es stellt sich heraus, dass wir im Begriff sind, eine solche Informationsveranstaltung zu sehen.

Dabei wird schnell klar, dass die Perspektive im Vergleich zu diesen echten "Völkerschauen" umgekehrt wird. Philipp Löhle beschreibt dies auch selbst in einem Interview. Ihm gehe es hauptsächlich darum, dem Zuschauer zu ermöglichen, von außen auf sich selbst zu blicken. Auch weicht er von den Veranstaltungen des Auswärtigen Amtes insofern ab, dass diese sich eher mit der Flucht selbst befassen, den damit verbundenen Gefahren wie brutalen Schleppern oder lebensgefährlichen Bootsfahrten. Im Stück werden dagegen deutsche Stereotype dargestellt, es werden gesellschaftliche Themen wie Alltagsrassismus oder auch Sexismus behandelt. Aber von Anfang an:

Moderatorin Heike Landsberg, fantastisch gespielt von Stephanie Leue, begrüßt uns und erklärt, wie alles ablaufen wird. Gesprochen werde größtenteils deutsch. Für alle, die kein Deutsch sprechen, aber Englisch, gäbe es neben der Bühne auf Bildschirmen Untertitel per Liveübersetzung. Für diejenigen, denen beides nichts sagt wird, die Veranstaltung trotzdem interessant sein, schließlich habe das Deutsche schon einen ganz prägnanten Klang.

Zur Struktur der Veranstaltung: Zuerst kommen wir zur Personality der Deutschen, dann zur History, Geografie und Kulinarisches. Und zuletzt: "Abschiebeverfahren – das machen wir ganz am Schluss!" Dargestellt werden diese Themen mithilfe der vier großen, nummerierten Glaskästen, in die wir noch nicht hineinblicken können, die allerdings bald darauf nach einem Befehl an Inspizienten Emil anfangen, abwechselnd aufzuleuchten. Schlussendlich bleibt das Licht beim Kasten mit der Nummer 2 stehen.

Der Kasten wird von innen geöffnet. Heraus kommt, etwas verwirrt, die titelgebende Figur: Andi. Andi trägt eine kurze Adidas Jogginghose, Adiletten, ein T-Shirt mit der Aufschrift: "Sorry I’m FRESH" sowie eine Schlafmütze im Einhornlook (mit hervorstehendem Horn). Er scheint überrumpelt. Wie sich herausstellt, sollte er tatsächlich nicht zu Beginn kommen. Heike Landsberg aber erklärt kurz, dass die eigentliche Nummer 1 nicht da sei, sie sei aus Mali nicht mitgekommen. Eine Diskussion entsteht, während der Andi zu einem der anderen Kästen geht, um diese Neuigkeit mit Ansgar, den wir noch nicht kennen, zu teilen. Er reißt den Kasten auf, wir hören kurz laute Schlagermusik, doch Heike Landsberg schlägt die Tür wieder zu. Ebenso beendet sie die Diskussion und beginnt, Andi vorzustellen. Er ist um die Dreißig, wohnt in Berlin, arbeitet in der Werbung und kleidet sich gelegentlich gerne wie eine Frau. Durch Fangfragen versucht Heike Andis Leben möglichst schlecht darzustellen, auch darf er fast nie aussprechen.

Auf diese Weise werden nach und nach auch die anderen Figuren der Völkerschau präsentiert. Da ist noch Frauke Hillig, der Ersatz für die verschwundene Irene (Nummer 1), eine ostdeutsche Friseuse. Sie erzählt von dem Leben während der Wende, dass diese nicht gut für alle gewesen sei und ja auch niemand gefragt wurde. Während ihrer Diskussion mit der Moderatorin meldet sich auch immer wieder Andi zu Wort, etwa um ihre Aussagen zu kritisieren. Doch Frauke Hillig hört nicht auf ihn, denn er habe ja keine Ahnung, er sei noch zu jung. Es wird während dieser Diskussion schon etwas hitziger auf der Bühne und es macht sich bemerkbar, dass das Ensemble nicht das übliche ist und die Veränderung nicht gut wegstecken kann.

Ansonsten gibt es noch Ansgar Bickel (aus dessen Kasten zuvor die laute Schlagermusik gekommen war), der dem deutschen Klischee wohl am besten entspricht: etwas übergewichtig, mit Sandalen und Socken, arbeitet beim Zulassungsamt. Er raucht viel und wird beim Diskutieren schnell laut. Ungebrochen ist sein Glauben an den Rechtsstaat, auch wenn er genau deswegen nach Unterfranken versetzt worden war.

Zu guter Letzt lernen wir Tony kennen, einen Flüchtling, der nur wenige Phrasen wie "Guten Tag!" beherrscht. Er stellt ein Einbürgerungsverfahren vor, zusammen mit Ansgar. Währenddessen schreit Ansgar ihn so an, dass man sich noch im Publikum eingeschüchtert fühlt. Tony fällt allerdings immer mehr aus seiner Rolle und entpuppt sich schließlich als Tobi, ein Diplom-Schauspieler, der die Rolle des Flüchtlings nur angenommen hatte.

Ausgehend vom Fernbleiben Irene Bergers bricht die Show der 5 zusammen, obwohl sie wohl schon einige Male stattgefunden hat. Die Darsteller streiten sich, diskutieren, nichts läuft wie geplant. Dabei wird immer auffälliger: je mehr die "Vorzeigeexemplare" sich wehren, ein Negativbeispiel darzustellen, desto mehr tun sie eben das. Verschiedenste Situationen werden gezeigt, das Einbürgerungsverfahren ist hier nur ein Beispiel, doch schlussendlich kommen die Diskutierenden nie auf ein Ergebnis oder eine Einigung. Wenn überhaupt etwas dabei herauskommt, dann ist es die Erkenntnis, dass man, wenn man etwas von jemandem möchte, der Person lieber nach dem Mund sprechen sollte als sie mit der Wahrheit zu konfrontieren. Und: Nur weil es irgendjemandem schlechter geht als mir, heißt es doch nicht, dass es mir dadurch besser geht!

Spätestens als Tony dann seine wahre Identität preisgibt, fällt alles auseinander. Ansgar und Heike versuchen es zu unterbinden, Andi ist schon lange weg, wütend war er von der Bühne gestürmt, wegen sexistischer Kommentare und Beleidigungen. Frauke Hillig möchte mit dem Ganzen eigentlich nichts zu tun haben, sondern nur ihre Frage stellen. Niemand tut mehr das, wofür er eigentlich da ist, und es zeigt sich hierin noch einmal, dass eben der Versuch der Figuren, kein Negativbeispiel zu sein, erst dazu führt, dass sie eines werden.

Inmitten dieses Chaos findet Frauke Hillig endlich Gelegenheit, ihre Frage zu stellen, mit welcher das Stück dann auch endet. Ihr Großvater habe wohl während des Zweiten Weltkrieges einen Stammeshäuptling geköpft und den Kopf mitgenommen. Die Hinterbliebenen dieses Stammes wollten diesen Kopf gerne zurückhaben, um einen Fluch zu lösen, sie aber hielt eine Rückgabe für zu gefährlich. Als ihr Sohn von dieser Geschichte erfuhr, verschwand er kurz darauf mitsamt des Kopfes, sie suche ihn nun.

Hier greift das Chaos dann auch auf die Technik über, das Bild, das Frauke Hillig auf die Bühne projiziert haben wollte, flackert und wird verzerrt. Heike Landsberg, scheinbar dem Wahnsinn nah, steht in einem der Kästen, die Glastür verschlossen, auf Höhe ihrer Oberlippe ein kleiner schwarzer Klebestreifen der nach außen einem weltbekannten Bart ähnelt. Mit diesem Bild endet die Vorstellung.


Pro und Contra

Wie also wirkt dieses Schauspiel, das provoziert, zum Nachdenken anregt und schlussendlich beinahe kontrovers wird?

Um dies zu beantworten, soll das Stück in zwei Hälften eingeteilt werden, die zwar nicht klar sichtbar waren, trotzdem aber bemerkbar sind. Die erste Hälfte ist die, in der die Völkerschau noch mehr oder weniger ihre Struktur hält, zwar improvisiert wegen des Fernbleibens Irene Bergers, trotzdem aber grob nach Plan läuft.

Diese Hälfte war schlichtweg großartig. Die Klischees waren gut verpackt, es gab einige Scherze, die zu häufigem Lachen anregten. Fast immer gab es irgendwo ein Detail zu sehen, das begeisterte. Auch war hier sehr viel Potenzial für den Zuschauer, um sich mit den Figuren zu identifizieren, zum Beispiel wenn erwähnt wird, dass wir Deutschen nicht gern über Geld sprechen, obwohl es uns sehr wichtig ist, uns über Karriere, Rivalitäten zwischen den Bundesländern auszutauschen. Die Vielfalt hier ist kaum zu überblicken, überfordert während der Vorstellung aber nie. Es ist hier noch einfach, eine mögliche Absicht des Stückes zu erkennen: Dem Zuschauer die eigene Verhaltensweise vorführen, um zur Reflexion und zum Nachdenken anzuregen.

Später dann aber, als die Völkerschau auseinanderbricht, Darsteller von der Bühne stürmen und das Chaos noch größer wird, geht hiervon vieles verloren. Aus den gut vorstellbaren kleinen Szenarien, die zu Beginn die Identifikation ermöglichten, werden Geschichten, denen kaum wirklich zu folgen ist. Höhepunkte davon: Andi, der dafür plädiert, dass alle Menschen gleich sind, unabhängig von ihrer Herkunft und ihrer Hautfarbe und ihrer Sexualität. Mehr Freiheit für alle, egal ob heterosexuell, transsexuell, pädophil oder nekrophil – ein großer Schritt in der Charakterentwicklung, der nicht mehr weiter thematisiert wird und dadurch verwirrt und willkürlich anmutet. Ebenso verhält es sich mit der Geschichte Frauke Hilligs über ihren Großvater: Die Relativierung der Verbrechen unserer Vorfahren ist in Deutschland eine große Sache, so thematisiert lenkte sie aber zu viel davon ab und wurde zu skurril, um noch verständlich zu sein und zum Nachdenken anzuregen. Es geht insofern also scheinbar das eigentliche Anliegen des Stückes verloren, am Ende ist man nicht mehr sicher, was man denken kann oder soll.

Es lässt sich also sagen, dass in der Handlung des Stückes Potenzial verlorenging. Nichtsdestotrotz muss aber auch das Positive noch einmal hervorgehoben werden. Das Bühnenbild ist sehr gut, die Bildschirme mit der Liveübersetzung, die "Germany: Why not!"-Plakate. Die Kästen, in denen die Figuren, außer Heike Landsberg, zu Beginn sitzen. Ebenso verdient die schauspielerische Leistung noch einmal ein besonderes Lob: Nicht nur Stephanie Leue begeistert, auch der Rest des Ensembles passt großartig in seine Rolle und überzeugt. Daran, dass das Stück sehenswert ist, ändert also auch der zweite Teil nichts. Und einen letzten kleinen Pluspunkt bekommt auch das Programmheft: In diesem ist eine Pro- und Contra-Liste für Deutschland. Contras wären da: Mario Barth, AfD, die Deutsche Bahn, Adolf Hitler. Das große Pro, welches die Seite alleine anfüllt: Bier.


Die nächsten Aufführungen von Andi Europäer finden am 6.2, 12.2, 16.2.20 sowie bis in den April hinein statt.