Der Untertan – Markgrafentheater Erlangen 07.03.2020

von Sebastian Meisel (11. März 2020)

© Jochen Quast


Wann kann eine Premiere als gelungen bezeichnet werden? Wenn der Applaus nicht abbricht? Es "Bravo"-Rufe und Jubel gibt? Ja, das gehört dazu. Aber auch das: Wenn eine fiese Hauptfigur einem fast sympathisch wird.

Romanadaptionen für die Bühne haben ein grundlegendes Problem: Das Theater muss den Inhalt notwendig kürzen, damit er spielbar bleibt und sich gleichzeitig nicht zu weit vom Stück entfernt, damit er verständlich ist. Dabei hat der eine Teil der Zuschauer, der das Werk kennt, den Vorteil, Leerstellen und Verkürzungen einordnen zu können – er kennt den Kontext. Der andere Teil ist angewiesen auf die Stringenz des Textes und das Können der Schauspieler, der Intendanten und Dramaturgen. Erst im Zusammenspiel wird sichtbar, ob dies funktioniert, ja, funktionieren kann.

Unter diesen Bedingungen war die Premiere des Stücks Der Untertan am Markgrafentheater Erlangen ein voller Erfolg. Sowohl die Darstellung, die schauspielerische Leistung als auch das Bühnenbild und die Licht- und Soundkulisse waren herausragend – ein Genuss für alle beteiligten Sinne. Aber dazu gleich mehr.
Die Geschichte ist schnell erzählt und kann daher in groben Stichpunkten wiedergegeben werden. Die Hauptfigur Diederich Heßling ist ein durch und durch mieser Charakter. Geboren im relativen Wohlstand des aufstrebenden Bürgertums an der Jahrhundertwende hat er zwar allerhand Probleme ("Diederich war ein weiches Kind…"), ist zumindest latent homosexuell und hat eine Scheu, ja Angst vor Frauen, kompensiert dies aber durch eine ausgeprägte Obrigkeitshörigkeit. Gewiss, in Heinrich Manns Roman ist die Figur nicht als soziologische Studie angelegt, sondern schon als Groteske überzeichnet. Dies vereinfacht die Adaption für die Bühne ungemein, weil es kein Schwanken zwischen falschem Pathos und einer ernstgemeinten Charakterentwicklung geben kann. Ungemein textnah werden Diederichs Stationen von Kindheit über Studium und Armee bis zur Übernahme der väterlichen Fabrik nachgezeichnet und dargestellt. Freilich, Diederich kann keine sympathische Figur werden. Schon in der Anlage des Textes ist dies schlicht nicht möglich und das soll auch nicht geschehen. Denn er hat alle Eigenschaften, die dem autoritären Charakter zugrunde liegen: Er tritt nach unten, während er nach oben buckelt. Seine moralischen und sittlichen Argumentationen sind hanebüchen mit einer ausgeprägten Doppelmoral. Er spielt sich auf, lügt, betrügt, ist tyrannisch und sucht Zuflucht in einer fragilen Männlichkeit, die allein auf einer imaginierten Überlegenheit beruht. So weit, so bekannt.
Was auf der Erlanger Bühne damit jedoch gemacht wird, ist herausragend. Max Mehlhose-Löffler als Diederich Heßling spielt diese Figur so phantastisch und überzeugend, dass es dem Zuschauer schwer fällt, nicht an der einen oder anderen Stelle doch so etwas wie Mitleid zu empfinden; für den misshandelten, irregeleiten Jungen, der sich doch nur irgendwie den Vorgaben der Gesellschaft anzupassen sucht. Aber gleichzeitig schafft er es durch sein Spiel dennoch, die notwendige kritische Distanz zu wahren. Selbst in den grotesken und geradezu lächerlichen Szenen, wenn sein Diederich wütend die Hände in die Seiten krampft, um nicht zu weinen, wenn er aus Liebe zusammenbricht, auch wenn er seine Angebetete vorher rüde verstieß, wird die Figur nie zusätzlich überzeichnet. Der Diederich der Bühne bleibt, was er ist: Ein unsympathischer Charakter voller Hinterlist, Abgründigkeit und der narzisstischen Besessenheit von der eigenen Größe. Flankiert wird diese großartige Darstellung durch die Leistung der anderen Beteiligten, die, jeder für sich, alles aus ihren Rollen herausholen. Josephine Mayer als einzige beteiligte Frau spielt alle ihre Figuren so überzeugend und einfühlsam, dass es eine wahre Freude ist. Vor allem die problematischen und harten männlichen Charaktere werden so in ihrer Brüchigkeit beleuchtet, das Weibliche im Männlichen herausgekehrt. Genau andersherum funktioniert die Darstellung der Agnes durch Leon Amadeus Singer, der das verzweifelte und zerbrechliche Mädchen fulminant verkörpert. Selbst die notwendigen Begattungsszenen (anders kann man es nicht nennen) versprühen dabei eine beklemmende Traurigkeit, nicht ohne eine gewisse tragödienhafte Komik.
Immer wieder tauschen die Schauspieler auf der Bühne ihre Kostüme, die alle im Bühnenbild selbst herumliegen. Schnelle Wechsel der Sprechakte folgen aufeinander, manchmal verschwimmen Kommentar und Dialog innerhalb einer Szene mehrmals. Hierbei sind Martin Maecker und Patrick O. Beck hervorzuheben, die die zahlreichen auftretenden Figuren mit Leben und Inhalt füllen. Erläuterungen zum Stück sind am Anfang häufiger, bis dem Spiel der Charaktere die gesamte Bühne eingeräumt wird. Das ist ein kluger Schachzug der Inszenierung, wird damit doch allen Zuschauern die Möglichkeit eingeräumt, am Stück gleichermaßen teilzunehmen. Dass es hierbei Szenen gibt, die auf den ersten Blick schwieriger einzuordnen sind als andere, liegt notwendig dem Format zugrunde, aber gleichzeitig bleibt auch das zu vernachlässigen, weil der Kontext immer wieder verständlich auf der Bühne dargestellt wird. Es sei noch erwähnt, dass die Sound- und Lichtkomposition ebenfalls dem hohen Niveau der Darstellung angepasst ist. Insbesondere die Schlussszene, die im Roman durch ein Gewitter atmosphärisch aufgeladen ist, wird in der Aufführung durch eine rollende Tonlawine dargestellt, die fast schon schmerzhaft wird. Die Geräusche des bald folgenden Weltkrieges, auf den im Werk vorausgedeutet wird, werden dabei vorweg genommen. Im Bühnenbild selbst werden mittig an den besonders orgiastischen Szenen, wenn sich Diederich in die Politik versteift, überzogene Bilder des deutschen Kaisers Wilhelm II. projiziert. In der besten Tradition der Propaganda vor 1914 wird die Zukunft als strahlendes Reich der Fülle dargestellt – wenn, ja wenn man nur bereit ist, sich diese zu nehmen.
Auf der erzählerischen Ebene wird all das durch die Gebrochenheit der Figuren, gepaart mit sklerotischer Härte, dargestellt. Alle sind irgendwie käuflich – sei es durch Geld, sei es durch Frauen. Alle betreiben ihr eigenes Spiel, Idealismus existiert nur bei einer älteren Generation, die aber auch ihren Frieden mit den Umständen gemacht hat, sich zurückgezogen hat in das private Schaffen des braven Bürgers. Selbst der örtliche Sozialdemokrat unterstützt den Nationalisten und Antisemiten Diederich bei seiner Wahl, wenn er etwas dafür bekommt. All jene, die es ernst meinen, die ein wirkliches Gefühl zur Welt besitzen, werden in dieser Gegenwart überrollt. Skrupellosigkeit, verbunden mit einer selbstbezogenen und falschen Moral, bleibt der beherrschende Gestus. Pech nur, wer in der falschen Familie, der falschen Klasse geboren ist. Der springt für den "gesellschaftlichen Fortschritt" auch gerne mal über die Klinge.
Es ist nicht besonders schwierig, hieran auch die Parallelen unserer Gegenwart aufzuzeigen. Aber gerade dabei hält sich das Stück angenehmerweise sehr zurück. Keine Montagen aus dem Jetzt, keine Überformungen von Kaiser Wilhelm durch Alexander Gauland. Der berühmt-berüchtigte "erhobene Zeigefinger" bleibt so gut wie aus. Es wird dem Zuschauer selbst überlassen, welche Schlüsse er für das Heute zieht. Das Theater als Schaubühne im besten Sinne. Eine absolute Empfehlung für alle, die über die Verworfenheit moderner Charaktere nachdenken möchten.


Weitere Aufführungen:

Fr 13.03.2020, Sa 14.03.2020, So 29.03.2020,  Mo 30.03.2020,  Di 28.04.2020,  Mi 29.04.2020