Die Erde ist noch rund, aber die Geschichten sind viereckig geworden

von Lennart Göbel, Christian Tiemann (11. März 2020)

© Martin Kaufhold


Mit Ödön von Horvaths Jugend ohne Gott wagt sich das ETA Hoffmann Theater an einen Klassiker und überträgt diesen in eine nicht näher definierte dystopische Zukunft. Diese Zukunft macht sich zunächst einmal visuell bemerkbar. Die Kostüme der namensgebenden Jugend erinnern an Kubricks "Uhrwerk Orange" Interpretation, indem Altes mit Neuem verbunden wird: Graue Pagenköpfe, weiße Halskrausen, glitzernde Bauchtaschen über einem auf die Darsteller:innen ausgebreiteten Pastellregenbogen. In der Eingangsszene bekämpft sich diese verrohte Jugend ohne Gott in einem ritualisierten Tanz, der kein Tanz ist. Die Schauspieler:innen geben sich hin, verrenken sich, aber es bleibt doch die Selbstdarstellung Einzelner, die Selbstdarstellung einer Gruppe, die sich äußerlich kaum voneinander unterscheidet. Hier zeigt sich die von Dramaturgin Victoria Weich intendierte Konformität der Einzelkämpfer:innen optisch so überzeugend, beinahe hypnotisch, dass man fast überrascht ist, als das erste Mal ein Wort gesprochen wird. 

Der Text der Bühnenfassung hält sich eng an Horvaths Romanvorlage. Erzählt wird die Geschichte einer Lehrerin, die sich mit ihren humanistischen Bildungsidealen einer verrohten Jugend gegenübersieht, die sich geschlossen gegen sie wendet, als sie einer Schülerin widerspricht, die schreibt "Alle Schwarzen sind hinterlistig, feig und faul". Bildung in der Welt des Stückes ist zu einer reinen Vorbereitung auf Krieg geworden und "Recht ist, was der eigenen Sippschaft frommt". Doch schnell wird deutlich, die Fronten sind nicht so klar gezogen, wie sie zunächst scheinen. Auch die Lehrerin ist nicht schuldlos und unter dem Deckmantel der Konformität ist auch die Schülergruppe heterogener als gedacht. Da ist zwar N, vorerst Antagonistin des Stückes, die die Ideologie des menschenverachtenden Systems aufgesogen hat, aber es gibt auch mit Z einen nachdenklichen, einfühlsamen Jungen, Verfasser des bedeutungsschweren Tagebuchs, mit B eine Schülerin, die sich im Laufe des Stückes selbst in den Widerstand begibt und T, einen kalten Beobachter des Geschehens, der seinen Mitschüler erschlägt, nur, damit er einmal sieht, wie es ist, wenn einer stirbt. Hinzu kommt ein Räubermädchen namens Eva, das außerhalb der Gesellschaft steht. Zahlreiche Randfiguren erweitern die Gruppe und so wird ein Querschnitt durch eine Gesellschaft geliefert, in der alle die jeweils anderen belauern. Die so erzeugte, bedrückende Stimmung, die bestimmt ist durch totalitäre Indoktrination und die zerstörerische Wirkung von Lüge, ist eine Gesamtleistung des jungen Ensembles.

In dieser angespannten Situation aus gegenseitiger Bespitzelung verketten sich die Umstände und schließlich ist ein Kind tot. Wer hat es getan? Ein Prozess soll die Antwort bringen, aber ist wirklich jemandem daran gelegen, dass diese Antwort auch der Wahrheit entspricht? Recht ist doch schließlich, was der eigenen Sippschaft frommt. Diese Frage ist es, jene nach Recht und Verantwortung, die Horvaths Text auch im Jahr 2020 noch so aktuell macht – mit zahlreichen Aufführungen im ganzen deutschsprachigen Raum und einem Spielfilm aus dem Jahr 2017. Wie funktioniert diese Parabel um gesellschaftliche Verantwortung bei der Regisseurin Elsa-Sophie Jach? Die Darstellung einer Gruppe, deren Mitglieder austauschbar sind, ist überzeugend. Gerade weil sich einzelne Schauspieler:innen herauslösen, um andere Rollen zu übernehmen, die Gruppe aber stets präsent bleibt. Ewa Rataj, die in der Hauptrolle einen Bogen aus Emotionen über das gesamte Stück spannt, den sie am Ende regelrecht abfeuert, ist nicht die Einzige, die in den 105 Minuten die Gelegenheit zu glänzen bekommt. So liefert Denis Grafe in der Rolle des gefallenen Gymnasiallehrers Julius Caesar einen frühen Höhepunkt der Inszenierung und Daniel Dietrich sticht als schwäbelnder Feldwebel auf Hoverboard heraus, einer komödiantischen Auflockerung des Stücks, die funktioniert, aber vielleicht nicht direkt notwendig ist.

Ob psychedelischer Fischtanz oder die auf den Vorhang projizierten Liveaufnahmen, es fehlt dem Stück nicht an Bildhaftigkeit. Maßgeblich dafür ist die Arbeit der Kostüm- und Bühnenbildnerin Johanna Stenzel. Wer die Romanvorlage kennt - die breite Masse, davon kann ausgegangen werden - wird keine Schwierigkeit haben, dem temporeichen Stück zu folgen. Zu vermissen bleibt der positive Ausblick, der in Horvaths Text in Form von B, einem engagierten Schüler, aufgezeigt wird, der eine subversive Gruppe gründet, die letztendlich hilft, das Verbrechen aufzuklären. Dieser Handlungsstrang wird im gerafften Ende der Inszenierung lediglich angeschnitten. Der einzige szenische Ausbruch aus der sonst textnahen und -lastigen Inszenierung - das Ensemble schrill unter Luftballons tanzt, springt, singt karaokesk - passt jedoch nicht in das Geschehen, verfehlt seine eventuell angedachte Wirkung. 

Was bleibt, ist ein in seiner Gesamtheit unterhaltsamer Theaterabend, getragen von einem starken Ensemble und ansprechender Bildsprache. Die angekündigte dystopische Zukunftsvision, die den Rahmen der Handlung stellt, hätte durchaus innovativer angedeutet werden können. Jedoch dauert das Zeitalter der Fische wohl rund 2000 Jahre, und so ist es noch vertretbar, dass das Radio auch hier als Leitmedium dargestellt wird, aus dem alles Gesagte als unumstößliche Wahrheit akzeptiert wird.