"Ist ein Verrat gerechtfertigt, wenn er im Namen einer größeren Zahl geschieht?"

von Anna Brodmann (12. März 2020)

© Christian Martin / Mathias Wiehle

 

In seinem neusten Stück zeigt e.g.o.n. ein ruhig inszeniertes und inhaltlich aufwühlendes Drama um die Frage von Schuld und Unschuld. "Ich hätte nicht mitgemacht" ist ein Satz, den man in Deutschland mindestens einmal in seinem Leben gehört hat. Doch wenn dich ein Diktator um eine simple Sache bittet und du deine Freiheit erst wiedererlangst, wenn sie erfüllt ist – würdest du Nein sagen?

Einen Attentäter zum Reden zu bewegen, der seine Komplizen auch unter Folter nicht preisgeben will – das ist die Aufgabe, die der Gouverneur Neun, in seinen Augen unschuldigen, Bürgern stellt. Sie dürfen dazu jedes Mittel verwenden, das sie möchten, und sobald die Aufgabe gelöst ist, erlangen sie alle ihre Freiheit zurück. Das ist die Prämisse, unter der e.g.o.n. in einer ca. zweistündigen Inszenierung verhandelt, wer schuldig ist – und wie man Unschuld erkennen kann.

Das stimmungsvolle Intro, der gezielte Einsatz von Videosequenzen, die wundervollen Kostüme und das minimalistische Bühnenbild kreieren eine Atmosphäre, die den Zuschauer von der ersten Sekunde in ihren Bann zieht. Die durchweg gut gespielten Dialoge und die Agatha-Christie-eske Suche nach einer Lösung kommen darin gut  zur Geltung und fesseln den Zuschauer bis zum Ende. Besonders im zweiten Teil des Stückes wird diese Stärke voll ausgespielt und wer And Then There Were None (deutsch: Und dann gabs keines mehr) von der Grande Dame der Krimis mag, wird das Stück insgesamt und besonders den zweiten Teil lieben.   
Dementsprechend schön werden die Beziehungen zwischen den einzelnen "Unschuldigen" herausgearbeitet und es ist packend zu sehen, wie sich Allianzen und Feindschaften bilden, wer aus welchen moralischen Gründen bestimmte Handlungen fördert oder verhindert. Dabei bleiben die Beweggründe der einzelnen Figuren und Faktionen stets nachvollziehbar und jede Handlung kann, auf die eine oder andere Weise, als die moralisch richtige gesehen werden.
Denn muss sich nicht der Einzelne für das Wohl der Mehrheit opfern? Dann sollte der Attentäter seine Komplizen auf der Stelle verraten, um die unschuldigen Gefangenen zu befreien.
Andererseits: Wer ist diese Mehrheit, für die er sich opfern soll? Ist es die Mehrheit der Menschen im Gefängnis oder doch die Mehrheit der Menschen in dem Land, die vom Gouverneur unterdrückt werden und auf die Rebellion angewiesen sind?  
All dies kulminiert letztendlich in der Frage: Wer ist für den Attentäter und wer ist gegen ihn? Und welche Konsequenzen darf ein "gegen ihn" haben?

Doch nicht nur diese großen Fragen beschäftigen den Zuschauer, auch die individuellen Charaktere selbst sind so facettenreich und glaubhaft gestaltet, dass man stets Neues an ihnen entdeckt und sich darauf freut, sie besser kennenzulernen. Besonders in den Nachtszenen, wenn bis auf zwei oder drei Gefangene alle Figuren schlafen, lernt man die Charaktere näher kennen und der Zuschauer wird eingeladen, mit jedem Einzelnen mitzufühlen. Die gute schauspielerische Leistung aller, und die besonders großartigen Leistungen von Christoph Pychal, Oliver Günay, Wolfgang S. Arneth und Lea Reis, hauchen den Figuren Leben ein. Besonders die Figur des Konsuls, mit ihrer zynischen Art und den sarkastischen Kommentaren, wirft einen konstant kritischen Blick auf das System und zeigt dem Zuschauer die großen (politischen) Zusammenhänge auf, ohne dabei belehrend zu wirken.

"Selbst mit Anlauf kommt niemand über seinen Schatten."

Andererseits hätten es vielleicht auch sieben Unschuldige getan.  
Vor allem in der ersten Hälfte sind einige Figuren dazu verdammt, auf einen einzigen Satz reduziert zu werden, den sie dafür aber umso beständiger wiederholen. Insbesondere an der Figur der Bäuerin lässt sich ein altes Problem des deutschen Theaters zeigen. Seit Goethes Gretchen werden wir heimgesucht von Frauenfiguren, die außer ihrer Unschuld (und einer Ziege) exakt keine Charaktereigenschaften besitzen und das altehrwürdige Klischee der "Unschuld vom Lande" von Generation zu Generation weitertragen. Sicher, ein Stück, das sich um (Un)Schuld dreht, kann schwer auf solche Stereotype verzichten, aber S. Lenz versucht es nicht einmal und zieht alle Register bei dem Klischee von der Unschuld vom Lande. Immerhin scheint dem Drehbuchautoren dies selbst einigermaßen bewusst gewesen zu sein, denn man fühlt sich als Zuschauer stets angenehm bestätigt, wenn klar wird, dass  auch keine der anderen Figuren die Bäuerin auch nur ansatzweise leiden kann. Zweifellos holt Bernadette Voh aus ihrer Rolle heraus, was möglich ist. Doch kann ich nicht anders als mir zu wünschen, dass, statt Ziegen-Geschichten zu erzählen, lieber noch einige Facetten der anderen Figuren thematisiert worden wären.

Dazu kommt, dass einmal zugunsten großer moralischer Fragen die innere Logik des Stückes ein wenig in den Hintergrund rückt. Abgesehen von der Tatsache, dass ein unschuldiger Bürger natürlich stets seine Zyankali-Kapsel bei sich trägt, wirkt die Weigerung des Attentäters, diese zu nutzen, völlig konstruiert und unlogisch. Sicher, wenn erst unser Tod dem Leben Sinn verleiht, ist die Wahl des eigenen Todes in Zeitpunkt und Art eine der größten Entscheidungen unserer Existenz. Dass der fanatische Attentäter sich diese Entscheidung nicht von neuen Fremden nehmen lässt, ist kaum verwunderlich. Aber wäre es nicht für den Diktator ein wesentlich größerer Schlag, wenn man seinen perfiden Plan, Unschuldige zu Henkern zu machen, durchkreuzen würde? Wäre es nicht ein letzter großer Akt der Rebellion, dem Diktator nicht die Deutungshoheit des eignen Todes zu überlassen?    
Sicher, die Ansichten und Einstellungen der Figuren werden vom Stück stets zur Debatte gestellt und die meisten stimmen nicht mit denen der Zuschauer überein. Aber an dieser Stelle scheint das Drehbuch seinem eigenen Anspruch schlicht und einfach nicht gerecht zu werden. Suizid als moralische Handlung ist nichts, was sich in diesem Setting sinnvoll verhandeln lässt.

"Die Absolution wurde Ihnen bereits erteilt."

Doch diese Kritikpunkte sind nicht mehr als ein Härchen in der Suppe einer hervorragenden Inszenierung. Zeit der Schuldlosen macht Spaß, auch wenn es sicher keine leichte Kost ist. Die durchgängige Spannung und die Suche nach einer Lösung für das jeweilige Problem lassen keine Langeweile aufkommen und fesseln bis zur allerletzten Sekunde. Für alle, die den seichten Netflix-Abend gegen eine großartige Inszenierung und tiefgründige Gespräche eintauschen wollen, gibt es eine absolute Empfehlung.