„Du darfst Dich nicht maschinenfeindlich äußern!“

Wildwuchs Theater 13.08.2020 – Die Maschine steht still

Von Sebastian Meisel (30. August 2020)

 

Theater in Zeiten der Pandemie. Zeit darüber nachzudenken, was Theater kann, was es soll, was es zu tun hat. Aufrütteln, Wach-Sein. Die Gegenwart kritisch begleiten, ohne den Anspruch auf Aufklärung aufzugeben. Das versuchte das Wildwuchs-Theater mit einer szenischen Lesung aus E.M. Forsters Erzählung Die Maschine steht still. Und am Ende muss man sagen: Die Zeit ohne Theater war viel zu lang! 

Darsteller*innen hinter Glas. Überall die Flaschen mit Desinfektionsmittel als Zeichen, dass diese Pandemie noch nicht vorüber ist. Gesichtsmaske, natürlich. Zumindest bis zum angewiesenen Sitzplatz. Spiel im Freien, im Innenhof des Palais Schrottenberg. Eine seltsame Ambivalenz der Ereignisse schon beim Betreten des Zuschauerraums – zwar im Freien, aber doch reglementiert durch die Gebote der Vorsicht und Rücksicht. Draußen, aber eben doch nicht ganz frei. Dinge, an die man sich sicherlich noch gewöhnen muss, wenn man mal wieder Darsteller*innen in verschiedenen Rollen sehen will.

Als Stück wählte das Ensemble des Wildwuchs ein Stück, das den meisten sicher eher unbekannt gewesen sein dürfte (dem Verfasser dieser Zeilen inbegriffen) – die Erzählung Die Maschine steht still von E.M. Forster. Geschrieben 1909, in Zeiten, in den wir Heutigen doch denken, dass die ganze Euphorie des Fortschritts und des Aufbruchs das Leben der Menschen beherrscht haben muss. Die Lesung bewies das Gegenteil – und wie!

Die Darsteller*innen, die abwechselnd verschiede Rollen lasen, standen hinter großen Glastüren. Natürlich, social distancing, aber durchaus mit mehr Hintersinn, als man zuerst vermuten könnte, aber hierzu gleich mehr. Schon zu Beginn war es die Hintergrundmusik, die eine ganz eigene Stimmung erzeugte. Freilich düster, freilich bedrohlich, aber dennoch schon mehr als das. Disharmonisch, kreischend, lauter und leiser werdend, mit Rückkopplungen spielend, in jedem Fall sehr eigen und wie sich herausstellen sollte, überaus passend. Schon hier muss das größte Kompliment ergehen: Die musikalische Begleitung, die man als Zuschauer diesmal sehr live sehen konnte, war überragend.
Aber zurück zum Stück. Um was ging es? Die Maschine steht still ist eine Dystopie im üblichen Wortsinn. In einer nicht näher benannten Zukunft leben die Menschen in gigantischen Tunneln unter der Erde. Jeder für sich, völlig vereinzelt. „Die Pflicht der Eltern endet mit der Geburt“. Einer dieser Sätze aus dem Buch der Maschine, von dem nicht klar ist, ob es Heilige Schrift, Lebensratgeber oder doch alles zusammen ist – oder um was es in diesem eigentlich geht. Im Mittelpunkt der Erzählung und der Darstellung steht Vashti, eine Frau wohl mittleren Alters, die man in der Gegenwart wohl als Wissenschaftlerin bezeichnet hätte. Die Schätzung des Alters beruht auf der Tatsache, dass sie einen Sohn hat – Kuno. Hier tritt ein typisches und leicht zu durchschauendes Motiv auf: Während Vashti sehr zufrieden ist mit ihrem Leben in der (Selbst-)Isolation, die Gebote der Maschine befolgt, ist ihr Sohn das ganze Gegenteil. In ihm regt sich die Sehnsucht nach Freiheit, nach einem Betreten der Oberfläche, nach Weite und nach – wie er später sagen wird – dem Raumgefühl.

 Die Erdoberfläche scheint unbewohnbar zu sein, ob vergiftet, verstrahlt oder sonst wie durch menschliche Hybris zerstört wurden, wird nicht weiter erwähnt. Offensichtlich gab es eine initiale Katastrophe, die die Menschen zwang, sich wie die Maulwürfe unter die Erde zu graben. Damit sie aber überleben können, brauchen sie die MASCHINE. Sie versorgt die Kreaturen unter derErde mit Nahrung, mit frischer Luft, mit Atemmasken, Büchern. Vielleicht war die Vision von Amazon schon 1909 gar nicht so weit weg, wie man gemeinhin denken will. Woher die Maschine kommt, wer sie erschaffen hat, was ihr eigentlicher Zweck ist, das ist nicht mehr ganz genau bekannt (Kuno: „Es hört sich an, als hätte ein Gott die Maschine erschaffen“). Aber sie ist es, was die Menschen der Erdtunnel den Fortschritt nennen. Ja, es gibt noch Reisen in Luftschiffen, es gibt noch rudimentäre Formen von Familien, aber alles ist nicht gern gesehen, aber auch nicht verboten. Viel eher, und hier wird das Stück hochaktuell, sind es Gebote einer vermeintlich höheren Moral.

Jede Beziehung der Menschen untereinander läuft über die MASCHINE. Analog zu Skype, Teams und Zoom sprechen die Menschen miteinander, halten Vorträge, pflegen „Freundschaften“. Körperkontakt ist verpönt, starke Zuwendung zueinander ebenso. Monadenartig leben die Menschen vor sich hin, ja sie suchen weiterhin – sie suchen Ideen. Sie suchen den Fortschritt weiterzuentwickeln. Natürlich sind sie längst nicht mehr die Herrscher der Maschine, sie ist auch nicht mehr ein Werkzeug des Menschen, sondern sie ist für sich selbst absolut geworden. Der Mensch will sich, wie Vashti sagt, vergeistigen, während die Maschine mit ihrer brutalen Anwesenheit schon das Gegenteil der Geistigkeit sein muss. Wie in jeder Dystopie ein utopischer Kern steckt, so muss man auch hier sagen: Hört sich denn das Szenario so schlecht an? Die natürlichen Bedürfnisse sind dem Menschen abgenommen wurden, er lebt in einem ewigen Schlaraffenland, wenn auch nicht unter dem freien Himmel. Aber jeder kann für sich tun, was er will. Die körperlich Starken werden im Säuglingsalter aussortiert. Die Zeichen haben sich verkehrt (Nietzsche, nur spiegelverkehrt und invertiert gelesen), die Schwachen, Weichen haben die „Herrschaft“ übernommen, sie sind die Angepassten für ein Leben unter der Erde. Eine ultimative Absage an das Leben – aber auch an die Sorgen, die Mühsal, die Arbeit.

Kuno kommt nun die Rolle zu, die in Platons Höhlengleichnis, auf das die Erzählung sehr offensichtlich anspielt, dem Philosophen zukam: Er ersinnt einen Plan, um auf die Oberfläche zu kommen und natürlich schafft er das. Sein erstes Gefühl? Die Abwesenheit der Lautstärke, des Summens der Maschine. In diesem Moment konnte man sich als Zuschauer erwischen, wie der disharmonische Lärm der einen die ganze Zeit umgab, wieder in das Bewusstsein drängte, nachdem man ihn erstaunlich gut ausblenden konnte. Das Unternehmen musste scheitern („Aber ich sah die Sonne!“), der Aufsteigende wieder in die Höhle und die Dunkelheit zurück. Ebenso wie in Platons Original, waren die Bewohner nicht eben froh, von der echten Welt zu hören, die da oben über ihren Köpfen war. Denn die Schatten (im Stück wieder in fröhlicher Umkehrung als Ideen bezeichnet) sind eben doch angenehmer. Sie sind irgendwie da, sie stören nicht, Realität ist das, was man daraus macht. Einzig die Maschine ist wirklich.

Aber: „Nicht mehr lange und die Maschine steht still“. Langsam, aber sicher steigern sich die Ausfälle und die Menschen stehen hilflos vor diesem angeblichen Naturereignis. Am Schluss fallen sie übereinander her, orientierungslos, hilflos, zu schwach für das Leben als Entscheidung. Und dennoch: „Das erste Mal schien sich Widerstand gegen den Verfall zu zeigen“. Müßig zu verbergen, dass dieser Widerstand genauso schnell in sich selbst zusammenbricht wie schließlich die gesamte Maschinenwelt.

Man kann dem Wildwuchs-Theater wieder einmal nur Hochachtung für die Auswahl des Stückes aussprechen. Einzig, dass die „eigentliche Botschaft“ wenig subtil herüberkam, mag kritisierbar sein. Auch wenn manche Passagen am Ende der etwa einstündigen Lesung etwas unsauber wurden, lebte das Stück doch durch und mit den Darsteller*innen. Sie gaben dem Stück die Menschlichkeit zurück, ohne in den eigentlichen Mittelpunkt zu rücken. Und gleichzeitig waren sie dreifach gebrochen: Zum einen durch die Glasscheiben selbst, die doch wieder, wie bei der Kommunikation über die Maschine, keine direkte Sprache zuließen. Zum anderen durch einen zentralen Monitor, in dem Livebilder gezeigt wurden, aber diese möglichst verzerrt, fast schon psychedelischer Natur. Zum dritten durch die musikalische Untermalung, die doch die Färbung der vorgetragenen Passagen erkennen ließ. Eine sehr einfache und doch erstaunlich wirkungsvolle Darbietung, denn sie hatte nichts mit der Irrationalität von „Coronaleugner*innen“ (ein in vielfacher Hinsicht problematischer und nicht zielführender Begriff) zu tun und musste dennoch als kritischer Kommentar auf unsere Gegenwart aufgefasst werden.

Ist Kommunikation gleich Kommunikation, auch wenn sie nur gebrochen über Bildschirme stattfindet? Wieviel Isolation ist möglich und wieviel ist notwendig, auch in Hinsicht auf eine globale Bedrohung? Wie sehr sind wir bereit, alle möglichen Einschränkungen zu akzeptieren, nur weil sie von einer vermeintlich höheren Autorität kommen? Wie schnell gewöhnen wir uns an den Ausnahmezustand – und wer verhängt diesen? Was ist das rechte Maß an Freiheit und Selbstbeschränkung? Das alles muss daher in der Frage der Frage enden: Was macht uns zu Menschen?
Die Zeit der Pandemie mag die richtige Zeit sein, um wieder darüber nachzudenken. Wer es bisher noch nicht tat, nach dem Auftritt des Wildwuchs wird man es tun. Es steht zu hoffen, dass es noch einige Zusatztermine gibt, so dass ein großes und größer werdendes Publikum in den Genuss der Lesung kommt.