„Haben Sie schon mal versucht, einen Traum zu umarmen?“

Von Sebastian Meisel (21. Oktober 2020)


Theater im Grünen - Wildwuchs Theater Bamberg 01. Oktober 2020

Weinberg. Wildwesen. Wechselspiele. Die jüngste Aufführung des Wildwuchs-Theaters ist mal wieder eine Herausforderung für den Zuschauer. Nicht nur aufgrund des unbeständigen Wetters, sondern weil er sich selbst in unterschiedlichen Rollen wiederfindet. Zwischen Nähe und Distanz. Frau und Mann. Und als Teil der Aufführung.

Könnte man sich in Bamberg einen schöneren Ort für ein Freiluft-Theaterstück denken? Der Weinberg des Michelsberges dient als phantastische Kulisse des Stückes „Theater im Grünen“ nach der Vorlage der französischen Autorin, Regisseurin und Schauspielerin Coline Serreau. Wer nun aber ein Stück der Idylle und der Harmonie erwartet, wird enttäuscht werden.

Wobei dies nicht unbedingt stimmt. Der Beginn ist es durchaus noch. Eine Frau sitzt in einer Naturlandschaft, ein Mann schläft in der Nähe. Er wacht auf, sieht sich um, sie kommen ins Gespräch. Spätestens hier, nach etwa zwei Minuten, wird aber schon klar, dass man es nicht mit einem klassischen, linearen Drama zu tun hat. Die Figuren sprechen kaum miteinander. Zwar kommunizieren sie, wenn man den stammelnden Austausch von Worten als Kommunikation bezeichnen will, aber der Inhalt des Gesagten bleibt dunkel. ER (überragend: Pascal Averibou) versucht sein Bestes, SIE (Alexandra Kaganowska) in ein menschliches Miteinander zu verwickeln. Ein Unterfangen, das schon nach wenigen Sekunden und einem vulgären Ausbruch ihrerseits scheitern muss.

Es entwickelt sich im Folgenden ein rasantes Spiel zwischen Nähe und Distanz. Immer wieder kurze Satzstücke, die auf Normalität hindeuten, gefolgt von einem raschen Ausbruch unverständlicher Wortfetzen, die das Gesagte wieder zunichtemachen. Körperlichkeit wird angedeutet und zurückgenommen, Vertrautheit simuliert und doch verweigert. Die Stimmung bleibt angespannt, fast aggressiv. Ist damit schon das Thema gesetzt? Ja und Nein. Die erste Station gibt noch keinen Aufschluss über das, was man mittlerweile gemeinhin Narrativ nennt. Entscheidend ist zu diesem Zeitpunkt eher etwas anderes: Schaffen es die beiden Schauspieler, die Aufmerksamkeit des Publikums auf das Schauspiel zu lenken oder verlieren sich die Zuschauer in der Schönheit der Umgebung? Soweit man das beurteilen kann, gelingt das Experiment an dieser Stelle sehr gut, gleichwohl bleibt offen, wie das Stück wohl ausgesehen hätte, wenn nicht Corona die Spielpläne aller Theater über den Haufen geworfen hätte.

Nun kommt zum ersten Mal das Publikum ins Spiel. Es darf sich bewegen und sich zur zweiten Station begeben. Zu den Klängen des Saxophon-Spielers, der den Wanderern voranzieht, um den Weg zu markieren (Benôit Dupé, herausragend), ergibt sich ein interessantes soziales Experiment. Wo platziert man sich, in Zeiten der Pandemie? Nah oder fern? Eng bei den Fremden oder doch eher isoliert? Siegt das Vertrauen in den gemeinsamen Körper des Publikums oder bleibt doch die Gefahr des Fremden übermächtig? Die Frage wird tendenziell zugunsten der ersten Option entschieden, je weiter der Abend fortschreitet, desto mehr.

Die zweite Station verbleibt zuerst im Rahmen des ersten Aufzugs. Nähe und Ferne, Anziehung und Abstoßung spielen miteinander. Langsam hellen sich die Figuren etwas auf: ER ist auf der Suche nach einer Frau, die ohne seine Hilfe nicht überleben würde. Das Patriachat lächelt von weitem. Und SIE? Es bleibt unklar, anzumerken bleibt nur die innere Zerrissenheit, fast schon brutale Kälte, die die Figur ausstrahlt. Ein gebrochenes Leben, soviel ist klar. Es geht um einen Sohn, einen Verlust (oder eine Befreiung?). Wer hier schon Doktor Freud und den Ödipus-Komplex hören möchte, der möge Recht haben. Es scheint aber, dass diese Erklärung das Wesentliche eher verdeckt denn erhellt.

Die Sache wird noch komplexer, noch fragmentarischer, wenn die dritte Figur auftritt, das Waldwesen Musidokin (Eugeniya Ershova). Sie/Er – ein magisches Zwitterwesen, eine Art invertierter Pan. Pan, der einzige Gott, der sterben konnte, gibt vielleicht zum ersten Mal eine Art Decodierungsmöglichkeit für dieses hermetische Stück ab. Sichtbar wird langsam, dass die Figuren keine Personifikationen sind, keine „Lebens“geschichte erzählt wird, sondern alle drei Symbole sind – nur Symbole für was? Die umgebende Landschaft, in der herzhaft gegessen und geliebt wird, ist der Abglanz des alten Paradieses – eine bukolische Landschaft, die aber mit sich und dem Verfall ringt. Weshalb? Das bleibt schwer zu beantworten. ER wird weggeschickt, Musidokin gefesselt, SIE sucht Schutz, Unterschlupf, aber auch Einsamkeit.

Alle Perspektiven auf die Figuren ergeben sich allein aus der Differenz. Nur unter dem Ungesagten wird etwas wie eine Form der Geschichte – zumindest als Frage – sichtbar. Die Figuren sind vor allem zuerst das, was die anderen nicht sind. SIE ist nicht ER, wie ER keine Mutter sein kann und wiederum Musidokin als wildes Zwischenwesen kein Sohn, kein Kind sein kann. Gleichsam sind sie aber alle alles, ein Aspekt, der am Schluss noch einmal von Bedeutung sein wird.

Sichtbar bleibt vor allem das Dargestellte selbst und an dieser Stelle muss ein großes Lob an das gesamte Team gehen, das dieses Stück inszeniert hat. Musik, Licht, Kleidung passen sich hervorragend in das Fragmentarische der Aufführung ein. Immer wieder wird versucht, die konventionellen Annahmen der Zuschauer zu erschüttern. Wie Pan bekannt dafür ist, Frauen zu verführen, verführt Musidokin nun SIE – das traditionelle Geschlechterverhältnis erfährt seine Umkehrung. Dieses Spiel der Auflösung setzt sich nach der Pause weiter fort. Vorher ziehen die Zuschauer wieder dem Saxophon hinterher, ein wunderbares Abbild des Rattenfängers von Hameln und ein Beispiel für die Macht der sozialen Konvention.

Nach der Verschnaufpause explodiert das Spiel förmlich. Jede Form des vernünftigen Dialogs löst sich in Wohlgefallen auf, selbst die Zeitebenen werden fragmentiert, die Erzählung springt förmlich und sichtbar hin und her. Es tritt ein Krieg in die Erzählung ein, von dem niemand weiß, wer diesen führt. Erklärbar wird dies nur durch den Gegensatz von Ihr, der Mutter, und Musidokin. Hier trifft Chaos auf Unordnung, Mütterlichkeit – wenn auch selbstbezogen und dem traditionellen Begriff entzogen – auf Einheit, Vereinigung. Das sind keine klassischen Gegensatzpaare, sondern Vorboten einer in sich selbst zerfallenden Welt („Ich habe das unangenehme Gefühl einer Welt anzugehören, die vergeht“). Dies wird noch weiter gesteigert, wenn im letzten Teil die Figuren munter die Rollen tauschen, ein Stück im Stück aufgespielt wird und schlussendlich der Verzicht auf jede Form des Verstehens, der Kommunikation und des Kontexts fast schon zelebriert wird. Am Ende bleibt Fragwürdigkeit zurück, aber dies im Sinne des Wortes – als An-Frage an einen selbst, an die eigene Deutung, an die eigene Konventionalität.

Das Schöne an diesem Stück ist aber dieses: Man muss sich nicht auf diese Art intellektuelle Spielerei einlassen. Wer will, kann einfach das Treiben der Schauspieler, das oft genug komödiantische Elemente hat und die herrliche Kulisse, in dem dieses Stück stattfindet, genießen. Es bleibt zu hoffen, dass es Therese Frosch, die das Stück verantwortet hat, gelingt, im Frühjahr eine Wiederaufnahme zu bekommen. Damit man dann bei bestem Wetter dem intergeschlechtlichen Treiben zwischen Sprache und Schweigen, Gesagtem und Ungesagtem in den Weinbergen zu Bamberg zuschauen kann.