„Verbrechensbekämpfung ist ein Handwerk. Man lernt es mit den Händen.“

Von Niklas Knüpling und Celine Buschbeck (27. Oktober 2020)


ETA Hoffmann Theater 20.10.2020

„Das Ueble zulassen, um das Gute zu tun“ – Der Theaterautor Björn SC Deigner baut mit Die Polizey das gleichnamige Fragment von Schiller aus und zeichnet die Geschichte der Polizei durch die Jahre der Kaiserzeit, des Nationalsozialismus, der DDR bis hin zur Neuzeit weiter. Er sieht sich zwar als politischen Schreiber, hat dabei jedoch nicht nur das Zeitgenössische im Blick. Genug Aktualität liegt dem Stück inne: Zwei Wochen nach der Ermordung George Floyds in den USA schickte Deigner den Entwurf an das ETA Hoffmann Theater. Schnell wird man im Laufe des Theaterspiels feststellen, dass das Personal der Polizei wechselt, die Mechanismen und Graubereiche jedoch die gleichen bleiben. So wird etwa der Fall Floyd nicht explizit erwähnt, seine Ursachen sind jedoch stets präsent.

Das Stück beginnt mit einem simplen, aber wirkungsvollen Bühnenbild: Es ist dunkel, ein paar vereinzelte Neonröhren beleuchten das Ensemble von hinten. Menschen stehen aufgereiht, stocksteif hintereinander, bewegen sich nicht. Mit Beginn des Spiels merkt man dann, dass nur vier davon überhaupt Menschen sind, verstreut zwischen zwölf Schaufensterpuppen. Durch die einheitliche schwarze Kleidung verschwimmen die Schausteller*innen mit der dunklen uniformen Masse. Bezeichnend und ausdrucksstark fällt ebenfalls der immergleiche Haarschnitt der Puppen und der Schausteller*innen auf. Es wirkt fast so, als hätte man jede beliebige Person aus der Masse herauspicken können – die späteren angesprochenen Probleme sind omnipräsent.

Der alte Schiller fängt an, einen groben Umriss der damaligen Verhältnisse zu geben. Sein Fragment handelt von der Pariser Polizei zur Zeit Napoleons, die sich explizit in der Nacht als Beschützer der Bürger*innen sieht. „Sie wirkt als Macht und ist bewaffnet, um ihre Beschlüsse zu vollstrecken.“, lautet das neunte Geschäft der Polizei aus Schillers titelgebendem Fragment. Die Wachtmeister sehen sich im Recht, verprügeln „[…] alles was verdächtig ist.“ (Schiller, 6. Gebot). Im Stück von Deigner wird ebenfalls das Thema Gewalt großgeschrieben. Es wird erzählt, dass Menschen lieber in die Seine springen als der Polizei zu unterliegen. Immer wieder berichtet der vergreiste Schiller von Pariser Zuständen, ehe sich die Geschichte fortsetzt.

Es folgt der Flaggenstreit der Weimarer Republik und die Herausarbeitung der Hierarchie im System der Polizei. Ein Kriminalbeamter, der das Richtige tun will und eine Gruppierung in der Polizei, die sich dem demokratiefeindlichen „Stahlhelm“ angeschlossen hat, melden will, wird von höheren Machtpositionen gestoppt und unter Druck gesetzt. Die faulige Stelle am Apfel – oder in der Institution der Polizei – kann nicht einfach abgeschnitten werden, sie „springt über“. Man kann sie nur erdulden. Es sind Kleingruppen gemeint, die sich abspalten und das Machtmonopol für ihre Zwecke nutzen – ein überzeitliches und problematisches Phänomen.

Die Truppe wird als schützenswerte Einheit dargestellt. Viele junge Männer wissen nicht, was auf sie zukommt. Das sieht man enorm an der Ausbildungsszene, bei der verschiedene Griffe zur Fixierung in einen aggressiven Tanz zur instrumentalen Version von Black Skinhead (Kanye West) ausarten. Männer, die sich der Prozedur entgegensetzen, sind Befehlsverweigerer und werden ausgeschlossen. Eine ruhigere, doch angespannte Szene folgt darauf. Am Beispiel einer Judenerschießung wird der Kontrast zwischen unnachgiebiger Autorität und den manipulierten Wenigen, die sich zur Gegenhandlung entscheiden, verdeutlicht.

Rechte Subversion bleibt ein Leitmotiv des Stücks. Die Vorfälle der NSU und des KKK sowie deren Anhänger*innen in den Reihen der Polizei werden milde bestraft. Die Befragung eines Polizisten, der in der düsteren Szenerie durch einen grellen Scheinwerfer im Mittelpunkt steht, wird abgebrochen. Das Theaterstück endet mit den Geschehnissen in Rostock-Lichtenhagen vom 22. bis 26.08.1992. Dabei wurde die zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber*innen und ein Wohnheim für vietnamesische Gastarbeiter*innen von mehreren hunderten Rechtsradikalen angegriffen. Zwischenzeitlich zog sich die Polizei zurück und überließ die Menschen ihrem Schicksal, sogar nachdem diese in einem brennenden Haus eingesperrt waren. Eindrucksvoll werden zum Abschluss der Gewalt Arme, Beine und Köpfe der Polizisten aufgehangen und dienen symbolisch als Vorhang, der sich zuzieht.

Am Ende sind die eineinhalb Stunden des Stücks viel zu schnell vorbei. Daniel Dietrich, Stefan Herrmann, Ewa Rataj und Anne Weise haben hervorragend gespielt und die wechselnden Zeitepochen ohne das Stutzen des Publikums glaubhaft verkörpert. Gerade das chronologische Springen in der Geschichte der Polizei zeigt, dass heutige Fragen nach dem Handlungsspielraum der Polizei schon immer aufkamen und bisher kaum Antworten gefunden wurden. Wer sich von diesem Stück eine eindeutige erhofft, wird ebenfalls enttäuscht werden. Es zeigt die dunklen Mechanismen der Institution, jedoch nicht wie diese zustande kamen. Das muss das Theaterstück jedoch auch gar nicht. Die eineinhalb Stunden sind gut investiert, wenn man sich die Missstände in Erinnerung rufen und über heutige Situationen nachdenken und sprechen will.

 

Weitere Spielzeiten: 28., 29. Oktober; 03., 04., 05., 12., 14., 17. November + weitere Termine

Auch interessant: „ETA fragt… Die Polizei in der Kritik“ am 13.11.2020 um 20 Uhr als Gespräch im Studio