Der Zyklus der Weltverbesserung

Niklas Knüpling und Martje Kuhr (28. Mai 2021)

 


„Wir brauchen eine Perspektive“ steht groß über den Eingangstüren zum E.T.A .-Hoffmann-Theater in Bamberg, die sich nach vielen Monaten endlich wieder öffnen dürfen – wir, als Rezensöhnchen, sind froh, bei der Premiere von „Der Riss durch die Welt“ dabei zu sein!

Nicht nur das Theater selbst wünscht sich eine Perspektive, sondern auch die Figuren der ersten Premiére seit Pandemiebeginn – „Der Riss durch die Welt“. In ca. 1,5 h treffen sich zwei Paare zum Abendessen in „Toms Hütte“, welche sich als eine Villa aus Glas und Holz mit großartiger Aussicht herausstellt. Die Paare gehören jeweils zu unterschiedlichen Gesellschaftsschichten: Sophia und Jared aus dem „Ghetto“, wie sie es selbst nennen, und Tom und Sue, welchen ein Mobilfunkanbieter gehört und außerdem im Satellitengeschäft aktiv sind. Sofia und Jared sind bei Tom und Sue zu Besuch, weil sie ihnen ihr Kunstprojekt vorstellen wollen, einen Fluss aus Blut, Öl und toten Tieren, mit anderen Worten: den Riss durch die Welt.

Der Abend gestaltet sich als eine sich im Kreis drehende Diskussion darüber, ob eine „Katastrophe biblischen Ausmaßes“ notwendig sei, um den aktuellen Zustand der Gesellschaft zu verändern. Dabei wird die gleiche Situation nochmal und nochmal gezeigt, aber aus unterschiedlichen Perspektiven.

Zum Dinner lädt Tom, ultrareicher Satellitenbesitzer, um die sechzig mit Rothko und Gauguin an der Wand, zwischen ihm und dem Himmel scheint sich nur sein von der Decke baumelndes Marlinskelett zu befinden. Seinen Protzbau aus Holz und Glas in idyllischer Lage bewohnt Tom mit der halb so alten Sue, seiner ehemaligen Assistentin, welche bis zur Lebensgefährtin befördert wurde. Man lebt gut auf dem Hügel, der das gut betuchte Paar außer Hörweite der Großstadt geborgen hält und zum Zählen von Rehen im Tal oder Bewundern seltener Büsche einlädt - Grundstück, soweit das Auge reicht.

Das Bühnenbild besteht dabei jedoch nur aus einer vermeintlichen Glasfront des Hauses, welche die Terrasse in die Dunkelheit zeichnet, die Details werden von den Figuren wörtlich dazu gemalt, sodass man als Zuschauer:in die Szene erahnen kann.

Sophia und Jared sind zu Gast bei Tom, um ihm Sophias neue Projektidee schmackhaft zu machen.  Wieso Jared mitgekommen ist, weiß niemand so genau. Ein Fluss soll es werden, aus Blut, Schwermetall, Öl. Das Ende der Welt darzustellen, lautet das hoch gehängte Ziel der Künstlerin, die sich für diesen ambitionierten Vorschlag selbstredend Kritik vom lebenserfahrenen Tom anhören muss. Aus diesem Unverständnis heraus wächst die Wut des zeitweise von geradezu animalischer Energie strotzenden Jareds, welchem Toms Borniertheit so sauer aufstößt, dass er sein Glas unerschwinglichen Weins kraftvoll gegen die Glasfassade donnert - er fühlt sich von Tom gedemütigt.

Die Schnittmenge zwischen den Leben der beiden Paare scheint gering zu sein. Einig sind sich alle in einem: Sie verstehen die anderen besser, als sie verstanden werden. Diese Disparität löst einen Kreislauf der Anschuldigungen aus, der jedes Mal mit dem Weinglas an der Wand endet. Dieser Sprung führt dazu, dass die Diskussion sich wiederholt, dieses Mal mit einem anderen Fokus oder von einer anderen Figur erzählt. So entstehen die unterschiedlichsten Sichtweisen auf ein und dieselbe Unterhaltung – alle haben Recht und niemand versteht, was der oder die andere eigentlich meint.

Es gibt den gemeinsamen Wunsch nach Veränderung, wobei Sophia die Zehn Plagen heraufbeschwört, ihren Fluss aus Blut fordert. Letztendlich braucht es eine Plage biblischer Ausmaße, um die Sklaverei der herrschenden Klasse über die Affen im Ghettozoo zu durchbrechen. Den Riss durch die Welt eben. Somit eröffnet sie gleichermaßen eine soziale wie ökologische Problematik und könnte sich hier womöglich Tom annähern. Dieser versucht sich jedoch dem biblischen Narrativ zu entziehen und fordert direkt einen neuen Gesellschaftsentwurf. Wie dieser jedoch aussehen könnte, steht im sternenklaren Nachthimmel über der einsamen Villa.

An der unterschiedlichen Auffassung über das, was nötig sei, um das geteilte Ziel zu erreichen, scheitert das Gespräch. Niemand scheint sich in der Rolle der Verantwortungsfigur sehen zu wollen. Die Unvereinbarkeit gesellschaftlicher Realitäten, etwa an aktuellen Klimadiskussionen zu erkennen, ist der zeitgenössische Unterbau des Stücks. Man müsse dringend was tun, allen sind immer nur selbst die Hände gebunden, man streitet, explodiert, schweigt, dreht sich im Kreis. Die Darstellung dieser Problematik ist auf unterhaltsame und kurzweilige Art gelungen, die Analyse moderner Streit- und Kritikkultur pointiert. "Wir brauchen eine Perspektive" skandiert Tom mehrfach, diesen Weg des Ausbruchs aus dem Nullsummenspiel lässt „Der Riss durch die Welt“ jedoch nicht erahnen. Der Theaterbesuch versteht wohl gerade wegen dieser Leerstelle zu unterhalten, vermag durch großartige schauspielerische Leistungen aller Beteiligten das dezente Bühnenbild auszufüllen und bietet reichlich Gedankenstränge zum Weiterspinnen. 

Weitere Vorstellungen am: 01., 04., 05. Juni