Wie verrückt kann der Olymp eigentlich spielen?

Von Elisa-Maria Kuhn (24. August 2021)


Das aktuelle Stück der Theatergruppe Wildwuchs Pandora: Ausgebüchst schöpft das Potenzial des griechischen Mythos auf humoristisch-überzogene Art aus und verwandelt die Eisengießerei Müller mit lauten Soundeffekten in Hephaistos‘ unterhaltsame Schmiede.

Wer die kuriosen Mythen der griechischen Antike auf die Bühne bringen möchte, stellt sich angesichts des olympischen Wahnsinns früher oder später die Frage: Wie verrückt können die olympischen Irrungen und Wirrungen bloß sein? Die unzähligen Intrigen und Konflikte der Olympier*innen und etwaigen mythischen Gestalten nachzuvollziehen und sich zugleich in die Dramatik jahrtausendealter Charaktere hineinzuversetzen, bleibt eine spannende Herausforderung. Das Ensemble des Wildwuchs Theaters interpretiert die göttliche Verrücktheit im aktuellen Stück Pandora: Ausgebüchst mit schrägem Humor nach modernen Maßstäben.

Vor einer industriellen Outdoor-Kulisse wird Pandora im Auftrag des wütenden Zeus in Hephaistos Schmiede erschaffen, um Prometheus‘ Bevorzugung der Menschen zu rächen. Die Hochzeit zwischen der jungen Frau und Epimetheus, Bruder des philanthropischen Titans, entfesselt den Fluch ihrer Büchse voller weltlicher Plagen, während Zeus Prometheus für den Feuerraub mit ewigen Qualen bestraft. Die zeitgemäße Inszenierung von Wildwuchs verarbeitet die charakteristischen Stationen der antiken Vorlage durch humorvolle, teils bewusst überzogene Szenen. Diese werden untermalt von einer techno-basierten, einnehmende Geräuschkulissen mit Musik von Dominik Tremel und Florian Bernd, während die überraschende Arie von Anna Nesbya einen berührenden Kontrast formt.
Die vierköpfige Besetzung spielt ausdrucksstarke, wankelmütige Charaktere mit lauten Emotionen, welche die Bühne zum Beben bringen. Der Gegensatz zwischen dem jähzornigen, liebestollen Zeus und der naiven Pandora entwickelt dabei eine ganz eigene Komik, beispielsweise durch direkte, parodistische Publikumsansprachen. Während Zeus mit der Vernichtung der Menschheit droht und die humane Zerstörungskraft anprangert, zeigt Pandora extreme Empathie und umgarnt die Zuschauer*innen mit Komplimenten.

Olympische Gesellschaftskritik und derbe Unterhaltung

In Zeus Ansprache schwingt ein Appell an die klimapolitische Denkweise und die Bedrohlichkeit humaner Zerstörungskraft mit, denn auch die Gött*innen und Titan*innen besitzen überraschend menschliche Züge. Zudem schneidet eine Szene über die Darreichung von Opfergaben an Zeus die Bedeutung einer nachhaltigeren Lebensweise an. Auch eine Prise Selbstironie, besonders zu Beginn des Stückes, weist auf die aktuelle Lage der Kulturlandschaft hin und zeigt die enorme Bedeutung der Wiederaufnahme des Theaterbetriebs für Schauspieler*innen nach monatelanger Pause.
Im Gegensatz dazu steht ein derber Humor, der immer wieder unerwarteterweise das Stück aufbricht. Unter anderem betritt Zeus inmitten Pandoras tiefgründigem Monolog die Bühne mit Entenkostüm, während die Musik wie aus dem Nichts zu komödiantischen Soundeffekten wechselt. Auch die Abschlussszene über die Bestrafungsmethodik von Zeus besitzt recht makabre Züge.

Die Inszenierung von Pandora – Ausgebüchst erzeugt laute Kontraste und besticht durch einen besonderen Humor, der unterhält und in die Tiefe geht. Der raue Charme des Stücks und der Bruch mit der theatralischen Unmittelbarkeit sowie die mitreißende Musik sorgen für eine gelungene Integration des Publikums. So spielt die Verkörperung der Verrücktheit von Gött*innen und Titan*innen eine spannende Rolle und deren Interpretation resultiert in gutem und unterhaltsamem Theater.

Weitere Aufführungen am: 10./11./12. September