Herzschmerzsoap und Kindermord

Von Theresa Anna-Maria Ehrl (3. Oktober 2021)


Medea – Der Paukenschlag, mit dem das Große Haus des Theaters in Hof wiedereröffnet wurde. Ein griechischer Stoff mit epischen Harmonien, großer Emotion und einer Menge Nebelmaschinen. Das Theater fährt mit allem auf, was das sanierte Gebäude an neuer Bühnentechnik hergibt und zwar schon beim ersten Aufzug.

Der Vorhang öffnet sich, die Bühne ist tiefergelegt, der Chor auf der Bühne von unten beleuchtet und gesichtslos durch transparent schwarze Tücher über den Köpfen. Die Vorgeschichte Medeas wir knapp zusammengefasst. Die Unglückliche hat sich in Jason verliebt, der mit ihrer Hilfe das Goldene Vlies stiehlt. Dabei verrät und opfert Medea ihre Familie und muss fliehen. Im Reich des König Kreons suchen sie Exil, doch statt hier mit ihrem Sohn und Jason das Ende ihrer Tage zu verbringen, wird Medea von ihrem Gatten verleumdet und mit dem zweiten Sohn hochschwanger verlassen. Der verspricht sich mitsamt seinem Sohn der Tochter des Königs, Dircé.

Jetzt setzt die eigentliche Handlung ein und sie beginnt mit den Worten „Du dachtest, ich wäre tot“. Medea taucht unvermittelt am Hof Kreons auf und stellt Jason zur Rede, versucht, seine Grausamkeit aufzudecken. Kreon verbannt das „gottlose und barbarische Weib“, das ihre Familie metzelte, um das Goldene Vlies zu stehlen. Dasselbe Goldene Vlies, das in den Besitz eben dieses Königs übergegangen ist, als er Jason als seinen Schwiegersohn vorschlägt. Man gewährt ihr einen Tag Aufschub, bevor sie ohne ihre Kinder - die werden Jason und seiner neuen Braut überlassen - das Reich verlassen soll. Ein Tag, der ihr genügt, um die grausamste Rache am eidbrüchigen Jason zu planen.

Ich packe meinen Koffer und nehme mit…

Meine toten Kinder. Auch, wenn die Wortwahl für die Rezension einer Oper vielleicht ungebührend ist, will ich mich ja trotzdem verständlich ausdrücken: Alter Vatter, bin ich verstört! Was nichts Schlechtes ist, die Handlung kannte ich vorher schließlich schon, griechische Dramen von Euripides sind ja durchaus keine unbekannte Spartenliteratur. Die technischen Möglichkeiten und eine moderne Prise Schusswaffen in der Inszenierung setzen aber noch einmal einen drauf. Ich werde euch nicht anlügen, als der Vorhang zur Leinwand wurde, auf der stummfilmartig die vermeintliche Handlung dahinter abgebildet wurde, dachte ich erst: Ok, wieder so ein unnötig moderner Ansatz, für den sich ein Seidenschalträger betont selbstbewusst auf die Schulter klopft. Ich musste aber schnell eingestehen, dass es das Stück zwar tatsächlich gruseliger und grausamer gemacht hat – was es nicht gebraucht hätte -, aber man in einer Nahaufnahme Mimik und Gestik nun einmal besser transportieren konnte als auf einer vom Publikum meterweit entfernten Bühne. Die Idee bekommt von mir also das wohlwollende Prädikat NACHVOLLZIEHBAR. Nachvollziehbar vor Allem deshalb, weil Susanna Serfling so zeigen konnte, dass sie nicht nur durch emotionale Intonation und Modulation eine Gefühlswelt erzählen kann, sondern auch durch stummes Schauspiel. In einem spartanischen, träumerisch beleuchteten Bühnenbild hält Medea ihr eigenes Versprechen: „Die ganze Welt wird erfahren, was ein beleidigtes Weib vermag“.