Gott und die Jungfrau

Von Anna Brodmann (3. Oktober 2021)

 

Mit Die Jungfrau von Orleans bringt das TiG ein Stück über Patriotismus, Fanatismus und die destruktive Kraft des religiösen Eifers in die Kirche – und beeindruckt damit auf vielen Ebenen.

Schillers Stück, das sich mit der Legende Jeanne d’Arcs, ihrem Aufstieg, militärischen Ruhm und Fall beschäftigt, war vor dem Hintergrund des aktuellen Zeitgeschehens (v.a. der Machtübernahme der beinahe ebenso religiös fanatischen Taliban), eine sehr zeitsensible Wahl des TiG. Und diese Aktualität und Zeitbezüge flechten sie auch geschickt auf verschiedene Weisen in die Vorstellung mit ein. Wer also Lust hat in der Geschichte die Probleme der Gegenwart zu entdecken und ein beeindruckendes und manchmal unbequem-wahres Stück anzuschauen, der ist mit der Jungfrau von Orleans gut beraten.

“I’m a bitch. I’m the bitch”

Doch nicht nur der Stoff selbst macht einiges her – es ist vor allem die spektakuläre Inszenierung des TiG im beeindruckenden Setting der Stephanskirche, die den Theaterabend zu einem einprägsamen Erlebnis macht. Platziert unter einem spektakulären Kronleuchter zeigen die Schauspieler:innen eine Glanzleistung, die vom himmlischen Chor und großartiger Orgel begleitet wird.

Es kann beinahe gar nicht genug betont werden, wie sehr Stück und Inszenierung von dem beeindruckenden Setting und der fantastischen Musik profitieren. Tatsächlich wirkt das Ambiente so sehr, dass man sich als Zuschauer:in erst einige Zeit daran gewöhnen muss, um nicht mehr erschlagen zu werden, sondern sich auf das Stück einlassen zu können. Da trifft es sich sehr gut, dass die Inszenierung sich besonders in der ersten Hälfte des Stückes viel Zeit lässt und die Handlung erst langsam in Gang kommt. Vielleicht sogar etwas zu langsam. Denn dieser erste Teil wird hauptsächlich von den großartigen Schauspieler:innen getragen. Besonders hervorzuheben sind hier Martin Habermeyer in seiner Rolle als perfekt überzogen kindlich-launischer König und Stephan Bach, der den ersten Teil der Aufführung mit einem furiosen „I’m the bitch – the bitch is back‘ beschließt. Und natürlich darf Jonathan Bamberg in seiner Rolle als Johanna nicht unerwähnt bleiben. Seine außerordentliche Darbietung schafft es, den Charakter der Johanna einerseits greifbar zu machen und ihr andererseits die Entrücktheit einer psychisch beeinträchtigten oder zumindest fanatisch religiösen Gestalt zu verleihen.

„Bin ich strafbar, weil ich menschlich war?“

Nur ein Punkt an der sonst überragenden Inszenierung kritisiert werden. So wird vor allem beim Übergang zum zweiten Teil des Abends deutlich, dass das Paceing der Inszenierung nicht ganz optimal war. Ließ sich die erste Hälfte noch viel Zeit damit Figuren und Themen einzuführen, so verkehrt sich dies in der zweiten Hälfte in sein Gegenteil. Die Handlung wirkt übereilt und, v.a. im Kontrast zur zweiten Hälfte, sehr zusammengekürzt. Da ich das Original-Stück nicht kenne ist diese Kritik allerdings mit Vorsicht zu genießen. Doch ob nun von Schiller so ungleichmäßig geplant oder nicht, ein Stück auf die vertretbare Länge einer Theaterabends herunterzukürzen ist eine Herausforderung und das Ungleichgewicht fällt keinesfalls so groß ins Gewicht, dass es den Genuss wirklich stören würde.

„Ein blindes Werkzeug fordert Gott“

Am Ende der Inszenierung des TiG steht die Erkenntnis: Die Jungfrau von Orleans in einem anderen Ambiente zu spielen ist möglich, aber sinnlos. Wer die Möglichkeit hat sollte sich diese auf so vielen Ebenen spektakuläre Inszenierung mit absolut großartiger Musik und unglaublicher Wirkung nicht entgehen lassen und in die Welt des aktuellen und historischen religiösen Fanatismus eintauchen.



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