„Wir sind die beste Gesellschaft, die der Welt unsere überlegene Regierungsform bringt“

Von Anna Brodmann (25. Oktober 2021)


Mit Reich des Todes bringt das ETA Hoffmann Theater ein unglaublich intensives, unbequemes, spektakuläres und wichtiges Stück zum 20. Jahrestag des 11. Septembers auf die Bühne. Es zeigt die Verknüpfung von Machtpolitik und Demokratie-Aushöhlung, von trockenen juristischen Rechtsgutachten und grausamster psychologischer Folter auf eindrückliche und erschütternde Weise.

„Da sind sie, da kommen sie, da tanzen sie!“

Schon in den ersten zehn Minuten des Stückes macht das ETA-Theater eines sehr klar: In dieser Inszenierung werden keine halben Sachen gemacht. Die Darstellung des Anschlags auf die Zwillingstürme gelingt nicht nur durch die großartig vorgetragenen und sehr eindrücklichen Texte, sondern auch durch ein wie gewohnt perfektes Bühnenbild und großartig eingesetzte Licht- und Multimediaelemente. Man kann die visuelle Gestaltung der Inszenierung kaum genug loben – beinahe jede Szene glänzt durch clevere Requisiten und Bühnenelemente oder die großartigen Kostüme. Das ETA schöpft hier aus den Vollen.

Doch nicht nur Kostüm und Bühnenbild sind bemerkenswert. Es ist die Leistung der Schauspieler:innen, die besonders in der ersten Hälfte zu beeindrucken weiß. Sie schaffen es, die zahlreichen eher trockenen politischen Monologe und Gespräche ebenso lebendig zu vermitteln, wie die wirklich mitreißenden, grausamen und hoch emotionalen Schilderungen von Folter. Diese Leistung muss insbesondere im Kontext der Premiere gewürdigt werden, in dem es einem Theatergast nicht gelang, sein Handy auszuschalten und dieses 1,5 Stunden lang im 5-Minuten Takt laut klingelte. Unter diesen Bedingungen eine so gute Performance abzuliefern, verdient höchsten Respekt und die Schauspieler:innen können dazu nur beglückwünscht werden.

„Souverän ist wer entscheidet“

Eines der großen Themen des Stückes ist die Demontage der Demokratie und die Entwicklung hin zu einem autoritären Staat. Aus offenkundigen Gründen lässt sich dies weniger gut visuell darstellen, weshalb hier vor allem die Darstellung der Schauspieler:innen den Handlungsstrang trägt.

Ich, als Studentin der Politikwissenschaft mit Schwerpunkt auf politischer Theorie und Faschismus- und Autoritarismusforschung, war davon hellauf begeistert, weil ich zahlreiche Schlagworte, Konzepte und Anspielungen leicht zuordnen konnte. Allerdings kann ich mir durchaus vorstellen, dass Personen mit weniger obskuren Interessen an dieser Stelle und vielleicht auch bei den schnellen Gesprächen zwischen den Politiker:innen etwas mehr Probleme haben werden zu folgen.

„Meistens bin ich traurig“

Ein Monolog, den ich an dieser Stelle hervorheben möchte, ist Stefan Hermanns fantastische Performance in der Rolle des Gefangenen, der sehr eindrücklich beschreibt, wie er gefoltert wird. Diese Szene ist hart, schmerzhaft, emotional und unfassbar eindrucksvoll. Es ist ohne Frage die große Stärke des Stückes, die Bilder zu zeigen, Folter nachzustellen und so lebensecht zu beschreiben, dass man nichts anderes als Erschütterung fühlen kann. Das unmenschliche und unvorstellbare Konzept der Folter gerät so auch für den Zuschauer in den Bereich des Vorstellbaren und man bekommt einen Eindruck von der unaussprechlichen Gewalt, die im Namen des „Kriegs gegen den Terror“ verübt wurde. Der gesamten Inszenierung kann es nicht hoch genug angerechnet werden, dieses schwere Thema so radikal ungemütlich und schonungslos zu behandeln, dass den Zuschauenden dessen sehr reale Tragweite bewusst wird.

Allerdings möchte ich hier ganz klar werden: In Reich des Todes werden Sie Szenen von Folter nachgestellt sehen. Sie sehen Fotographien von psychisch gefolterten Menschen. Es gibt gut gespielte und deshalb umso berührender Berichte von Folternden und Gefolterten. Dieses Stück ist stellenweise hart anzusehen und Personen die Opfer psychischer, sexueller oder physischer Gewalt geworden sind oder sich mit diesen Themen unwohl fühlen, sollten sich vor dem Theaterbesuch sehr bewusst sein, was auf sie zukommt. Es ist tragischerweise gerade die überragende Qualität der Inszenierung, die mich veranlassen muss, darauf hinzuweisen. Dieses Stück nimmt einem die wohligen Illusionen, die ein demokratisches System uns bietet und zeigt die hässliche Fratze des Terrors, der hinter ‚trockenen‘ politischen Entscheidungen steckt, in all ihrer Grausamkeit.

„Wollen Sie die neuen Bilder sehen? Sie können auch die Augenbinde nehmen.“

Insgesamt bietet Reich des Todes einen großartigen, aber auf keinen Fall leichten oder spaßigen Theaterabend. Das Stück eindrücklich, belastend und bewegendend. Es konfrontiert die Zuschauer:innen mit unliebsamen und grausamen Wahrheiten, die wir gern verdrängen und genau das macht Reich des Todes so sehenswert. Wer also bereit ist sich mit dem Themenkomplex auseinanderzusetzen, wer eine kritische Einordnung politischer Entscheidungen und ihrer Konsequenzen schätzt und wer weiß auf welche Bilder und Szenen er/sie sich einlässt, sollte sich diese Inszenierung keinesfalls entgehen lassen.



Weitere Vorstellungen: 13., 14., 15. Oktober; 03., 05., 06. November



Copyright: Birgit Hupfeld