Ist Goldregen wirklich wünschenswert?

Von Hannah Deininger (25. Oktober 2021)


Am Sonntag, dem 10. Oktober 2021, wurde im ETA Hoffmann Theater Bamberg die Premiere des Stücks Gold von Philipp Gärtner in einer Inszenierung von Wilke Weermann aufgeführt. In diesem fulminanten Debüt geht der Kapitalismus im wortwörtlichen Goldregen märchenhaft zugrunde. Die direkten Auswirkungen dieses Systemzusammenbruchs bekommt die Protagonistin Tilda deutlich zu spüren – bei ihrer Flucht vor den niederprasselnden Goldklumpen landet sie in der Kanalisation.

Tildas Leben läuft nicht gerade ideal. Nachdem sie von einem Lieferdienstfahrer übersehen und vom Fahrrad gefegt wurde, erhält sie Post vom Amtsgericht, dass der Unfall eindeutig ihre Schuld gewesen sei. Ihre WG (bei der sie ohnehin nur die Couch im Flur bewohnt hat) wirft sie raus – verzweifelt und hungrig verbringt sie die Nacht im Wald. Als sie am nächsten Tag auch noch fälschlicherweise eines Diebstahls im Kaufhaus beschuldigt wird, reicht es Tilda. Wie gut, dass ausgerechnet da der Himmel seine Tore öffnet und Goldklumpen regnen lässt. Praktischerweise erwischen die Klumpen den Kaufhausdetektiv und Tilda bringt sich in der Kanalisation in Sicherheit. Unten ist sie jedoch nicht allein. Sandra hat der Oberfläche und der dort herrschenden Mentalität schon vor längerem den Rücken gekehrt und von dem Goldregen nichts mitbekommen. Ohne es zu wissen, bewegen sich die beiden Frauen unter der Erde immer weiter aufeinander zu, während oben die bekannte Ordnung im zerstörerischen Goldregen auseinanderbricht.

Gold besticht vor allem durch übertrieben neutral-sachliche und dadurch komische Dialoge, eine tolle Soundtechnik und eine kreative, abwechslungsreiche Nutzung der Bühne. Die beiden Frauen in der Kanalisation und die Menschen im überirdischen Goldregen machen immer weiter, was zuweilen groteske Züge annimmt. Etwa, wenn eine Maklerin ein völlig zerstörtes Grundstück inklusive Leichen zu verkaufen versucht, Tildas Mutter mitten im Chaos eine Videobotschaft für ihre Tochter aufnimmt oder die Polizei so gar nicht mehr für Recht und Ordnung sorgt. Durch die Abwechslung zwischen „Ober- und Unterwelt“, die wechselnden Erzähler und die szenische Darstellung der einzelnen Handlungsteile, entsteht ein kurzweiliges, allerdings - trotz vieler Lacher - eher düsteres Theaterstück. Das Ende kommt plötzlich und stellt die große Frage: Was kommt nach der Zerstörung? Könnte man nicht mit mehr Gleichheit von vorne anfangen? Insgesamt wirft Gold viele hochaktuelle gesellschaftskritische Fragen auf – ohne jedoch eine wirkliche Perspektive aus dem Hamsterrad Kapitalismus aufzuzeigen. Eine Antwort auf diese abschließenden Fragen muss der/die Zuschauer:in also selbst finden.



Weitere Vorstellungen: Termine folgen und werden auf der Homepage des ETA Hoffmann Theaters Bamberg veröffentlicht.



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