Die Welt ist arm, der Mensch ist schlecht

von Ramona Löffler (1. Mai 2014)
 

Am Samstag feierte Dennis Kellys Die Opferung von Gorge Mastromas im E.T.A.-Hoffmann-Theater Premiere.

© Thomas Bachmann

"Ein guter Mensch sein? Ja, wer wär's nicht gern? Doch leider sind auf diesem Sterne eben die Mittel kärglich und die Menschen roh. Wer möchte nicht in Fried und Eintracht leben? Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so!" Diese Annahme ist nicht das einzige, das Dennis Kellys Die Opferung von Gorge Mastromas mit Brechts Dreigroschenoper gemein hat. Beide präsentieren sie Hauptfiguren, deren ethisch fragwürdige Lebensphilosophie aufgrund ihrer Stellung erheblichen Einfluss auf ihr soziales Umfeld hat. Damit stellen sie gleichzeitig die Frage nach dem Wert von Moral und Verantwortung - und in welchem Zusammenhang sie mit dem eigenen Lebensglück stehen.

 

Frank Behnke inszenierte das Stück temporeich und originell. Die Figur des Gorge verteilte er auf fünf Schauspieler, die sein Leben amüsiert erzählen. Den Spaß, den es uns macht, von den Missgeschicken, Zweifeln und Liebesabenteuern anderer zu erzählen, merkt man auch ihnen an. Sie springen problemlos von einer Figur, Stimmung, Geschichte zur anderen. Besonderen Eindruck hinterlässt Iris Hochbergers Darstellung der in vielerlei Hinsicht betrogenen Ehefrau, sowie der Dialog zwischen Gorge (Volker J. Ringe) und seinem Bruder (Gerald Leiß), in dem die emotionale Bandbreite von Rührung, Abscheu, Hoffnung, Abweisung, Zuneigung bis Wut reicht. Nachsichtig, geschockt, tragisch, mitleidsheischend, aber vor allem immer gespielt, gestellt, bauen sie aus einigen Versatzstücken seines Lebens eine schlüssige Biographie. Szenen aus Gorges Kindheit, Jugend und dem frühen Erwachsenenalter führen vor, wie er sich in Gewissenskonflikten meist für die menschenfreundliche Lösung entschied und nicht für seinen Vorteil. Güte oder Feigheit, die Frage stellt sich ihm, als er seinen gedemütigten Freund mit den anderen auslachen oder vor ihnen in Sicherheit bringen könnte, als er eine von ihm schwangere Frau zur Abtreibung überreden oder sie unterstützen könnte, und schließlich auch als er seinem Chef einen rettenden Ratschlag geben oder sich an dessen Untergang bereichern könnte. Könnte, immer wieder: Gorges Leben wird mitnichten als unaufhaltsamer Fall gezeichnet, er hat immer wieder die Wahl. Sein Verhalten ist keineswegs das Ergebnis vergangener Verletzungen, keine Kompensation von Minderwertigkeitskomplexen, sondern schlicht die Besinnung auf das alte Lied: "Du musst ein Schwein sein in dieser Welt. Daraus ziehst du Konsequenzen und du schaltest um auf schlecht. Die Welt ist ein Gerichtssaal und die Bösen kriegen Recht." Natürlich gewinnt er durch seine steile Karriere an Fallhöhe, doch trotzdem gelingt es dem Zuschauer nicht, behaglich dem wohlverdienten Absturz zu applaudieren - dafür war die Ausgangssituation "im oberen Drittel der unteren Hälfte" der unseren zu ähnlich, dafür ist Gorge Mastromas viel zu viel Durchschnitt. Auch wenn er einen extremen Fall von Machtbesessenheit und Rücksichtslosigkeit darzustellen scheint, verdient seine schrittweise Abkapselung von Freunden, Geliebten und Verwandten eher Mitleid als Abscheu. Und die Darstellung anhaltenden Applaus.

 
Weitere Vorstellungen finden am 4., 8.-11., 16.-18., 23. + 24. Mai jeweils um 20 Uhr im Studio des E.T.A.-Hoffmann-Theaters statt.