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Das Theater Hof gastierte mit Kurt Weills und Bertolt Brechts Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny am E.T.A.-Hoffmann-Theater

von Ramona Löffler (24. Juli 2014)
 

"Was ist der Taifun an Schrecken gegen den Menschen, wenn er seinen Spaß haben will?", fragt Jim die Witwe Begbick süffisant. Die Antwort ist ernüchternd: "Wir brauchen keinen Taifun. Denn was er an Schrecken tun kann, das können wir selber tun." Das bewies Brecht in seiner Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny: Drei Verbrecher gründen in einer öden Gegend Nordamerikas aus Mangel an Fluchtmöglichkeiten die "Netzestadt" Mahagonny, um kaufkräftige Goldsucher aus Alaska wieder ihres Geldes zu erleichtern. Unter ihnen ist auch Jim Mahoney und seine drei Freunde. Von der ruhigen Atmosphäre und den vielen Verboten der Stadt genervt, propagiert er das neue Motto "Du darfst" - zumindest, so lange du Geld hast. Von nun an gilt kein Gesetz mehr, außer sich hedonistisch auszuleben: Erstens, vergeßt nicht, kommt das Fressen. Zweitens kommt der Liebesakt. Drittens das Boxen nicht vergessen. Viertens Saufen, laut Kontrakt." Dass dies nicht der Erfüllung, sondern der Zerstörung der Besucher dient, zeigt die szenisch aneinandergereihte Todesfolge Jims und zweier seiner Freunde: Jakob überfrisst sich, Alaskajoewolf stirbt im Boxkampf und Jim wird zu Tode verurteilt, weil er drei Flaschen Whisky nicht bezahlen kann. Der einzige Überlebende der vier Holzfäller ist Heinrich, der stets Geld und Freundschaft trennte und nun von Joe gebeten wird, sich seiner Geliebten, der Prostituierten Jenny, anzunehmen. Das Stück endet mit dem Untergang der brennenden Stadt, was Brecht als Parallele zum biblischen Sodom und Gomorrah gestaltete. Der Gott, den er auf die Bühne holt, ist aber weniger erzürnt, als machtlos über die sündige Stadt. Die Bewohner zeigen sich dementsprechend wenig beeindruckt von seiner Verdammung und stellen zynisch fest: "An den Haaren kannst du uns nicht in die Hölle ziehen, weil wir immer in der Hölle waren."

Brechts Konzept des epischen Theaters ist auch hier erkennbar: Anstelle eines linearen Erzählstrangs treten Momentaufnahmen, die vom langsamen Niedergang der Stadt erzählen. Zudem geht es nicht um das subjektive individuelle Empfinden, sondern um soziale Massenprozesse: Jim Mahoneys Schicksal ist das Exempel einer grenzenlosen Gesellschaft, in der finanzieller Reichtum das höchste Gut ist. Peter Kupke, der selbst am Berliner Ensemble, der Wirkungsstätte Brechts, als Regisseur tätig war, inszenierte die von Kurt Weill betitelte "Zeitoper" allerdings wenig zeitgemäß, obwohl die kapitalismuskritische Thematik doch aktuelle Bezüge böte. Damit blieb die Wirkung des Stücks sicher hinter seinen Möglichkeiten zurück. Musikalisch harmonierten die Darsteller gut mit den Hofer Symphonikern. Besonders ragte die Solistin Inga Lisa Lehr als Jenny heraus, die mit einen wunderbaren Alabamasong beeindruckte. Stefanie Rhaue spielte die Witwe Begbick abwechselnd gebieterisch und einschmeichelnd, berechnend und demütig. Damit verlieh sie ihrer Figur am meisten Tiefe. Als gelungen erwiesen sich auch die Ballettszenen, die Jennys und Jims berührendes Gespräch über die liebenden Kraniche untermalten und den aufkommen Wirbelsturm darstellten. Trotz allem fehlte es der knapp dreistündigen Darbietung insgesamt an Schärfe und Zeitbezügen, um das Potential, das das über 80 Jahre alte Lehrstück zweifellos immer noch besitzt, stärker zu nutzen.