Ein Abend mit Max Goldt

Max Goldt las im E.T.A.-Hoffmann-Theater alte und neue Texte. Unser Autor war dabei und er war nicht alleine. Ein streckenweise hoffnungsfroher Abendbericht.

von Felix Gerhard (9. Oktober 2014)

Pressebild Max Goldt

© Billy+Hells

Ein Freund hatte mir versichert, es sei eine gute Idee, mit dem ersten Date zu Max Goldt zu gehen. Ich war mir da zwar nicht so sicher, aber in solchen Dingen kann ich ihm vertrauen. Außerdem fiel mir nichts Besseres ein. Schließlich, dachte ich mir, könne es nicht schaden, wenn ein anderer zumindest zwei Stunden lang für Unterhaltung und Humor sorgt. In der Zeit muss ich mir wenigstens keine Sorgen um den Schaden machen, den ich im Gespräch beim Italiener sicherlich anrichten würde mit meinem allzu trockenen Zynismus, der Max Goldt so ziemlich abgeht. Dafür ist er viel zu besonnen in seinem Blick auf die bei ihm stets zwangsläufig daherkommend absurd erscheinende Umwelt. Zudem ist die Einladung zu einem Leseabend bereits eine kleine Auszeichnung von Kultiviertheit und Kreativität, gerade zu einem solchen eines Titanic-Kolumnisten und Comictexters. Man zeigt gleich einmal, dass man sich auch abseits der ausgetretenen Pfade in deutscher Humorlandschaft auskennt und sich abends gerne ein wohlformuliertes Buch eines Literaturpreiseträgers gönnen kann, ohne sich hinterher hochnäsig Flicken auf die Ellenbogen zu nähen. Man hat noch nichts Beeindruckendes getan und steht in aller Bescheidenheit schon gut da.

Wie ich, pünktlich vor ihrer Tür, nicht schick, aber angemessen gekleidet, also eines der gebügelten Hemden zur sauberen Jeans und keine Blumen, denn ein Abend mit Max Goldt ist kein Opernbesuch mit Pomp und Gloria, eher die gehobene Mittelklasse im Theaterbesuchsbetrieb. Also genau das richtige für Studenten, die sich direkt auf dem Weg ins Bildungsbürgertum befinden, das aber noch nicht wahrhaben wollen, denen Thomas Mann zu prätentiös, Georg Schramm zu politisch und Mario Barth zu plump ist. So ähnlich muss man sich wohl Poetry Slam mit Niveau vorstellen. Wie dem auch sei, auf dem Weg zum E.T.A.-Hoffmann-Theater plaudern wir unverfänglich über Tagesverlauf und Vorfreude, rauchen eine letzte Zigarette und begeben uns zeitig in den vielleicht zu drei Vierteln gefüllten großen Saal des Theaters. Da kommt er denn auch pünktlich in Karohemd, Jackett und vollendeter Gemütlichkeit mit seiner Blättermappe auf die Bühne, setzt sich, nimmt einen Schluck Wasser und tut kund, wie sehr er sich freue, mal wieder in Bamberg zu sein. Na, wie ich mich erst freue, mit ihr, vor ihm, kann er mir ruhig glauben, aber jetzt gilt’s, aufpassen, kein Fehler machen, so wird das noch was heut Abend.

Das Schöne an den verklausulierten Betrachtungen Max Goldts ist, dass man eigentlich nie an den falschen Stellen lachen kann, weil er sich nicht auf Kosten anderer lustig macht oder in großem polemischem Rundumschlag die ganze Gesellschaft geißelt. In wohlgeformten Sätzen führt er nachdenkenderweise mancherlei vor, was einem gleich einleuchtet, man aber selbst bisher einfach nicht auf den Gedanken kam, zu erkennen. ›Warmduscher‹ ist nur ein Schimpfwort für Männer, ein ganz unpassendes obendrein, aber ›Warmduscherinnen‹ gibt es keine. Das wusste ich zum Beispiel nicht. Kundenrezensionen über Hotels im Internet sind an sich erschreckend, aber auch sehr lustig, wenn man sie treffend hintereinander collagiert. Das war mir in der Form auch nicht klar. Interviewantworten, die niemand wagt auszusprechen? Max Goldt hat sie aufgeschrieben und vorgelesen, fast 40 Stück. Sowas macht er ein paar Texte lang, dann geht man erheitert in die Pause zur Zigarette.

Da stehen wir zwanzig Minuten, sie dreht sich eine und während ich die unvermeidliche Frage, wie sie es denn bisher fände, versuche stotternd zu vermeiden, kommt die Erlösung in Form eines freundlichen Tabakschnorrers, der, nachdem er das Suchtmittel in seinen Fingern windet, vonwegen unseres offensichtlich noch nicht allzu weit fortgeschrittenen Alters fragt, ob wir auch hier bei Max Goldt wären, denn er, selbst vielleicht in den Dreißigern, hätte nur graue Köpfe, so seine Worte, vor sich gesehen. Offensichtlich saß er nicht neben uns, die wir neben einigen anderen ständig giggelnden Jungspunden und hinter einem Vater mit seinem Sohn saßen, der maximal in die siebte Klasse geht – also der Sohn. Vielleicht war der Vater tatsächlich Lehrer einer siebten Klasse und wollte seinem Sohn mal ein gutes Deutsch vorführen, ich weiß es nicht. Jedenfalls ist auch schön bei Max Goldt, wie wenig Voraussetzungen man braucht, um ihm folgen zu können. Er fängt einfach an irgendeinem Punkt an, den wir alle kennen und lässt sich dann so lange von Ansichten zu unwichtigen Details treiben, bis er meint, der Text wäre nun eine runde Sache oder das Unrunde würde den Text erst so richtig rund machen. Am Ende hat man was gelernt, zumindest aber doch gelernt, ein wenig aufmerksamer mit unserer Sprache durch die Welt zu gehen. Ob man sich dabei nun schief lacht oder vor Lachen kugelt, ist ihm relativ gleich. Er sitzt einfach da oben, liest völlig ohne jegliche Entertainmentelemente seine Texte, bedankt sich brav für jeden Applaus und gibt ungefragt eine Zugabe, weil er weiß, was einem die Etikette bei öffentlichen Auftritten vorschreibt.

Man muss sich Max Goldt als freundlichen Menschen vorstellen. Für all jene, die kein Titanic-Abo besitzen und dort seit 1989 seine wechselnden Kolumnen verfolgen, fasst er die Texte noch einmal eigens in Büchern zusammen, die wir kaufen und lesen dürfen. Er selbst hat uns quer aus seiner langen Veröffentlichungsreihe vorgelesen, neue Texte, noch ungedruckte, etwas ältere, alles dabei. Und wer will, kann sich sein neues Hörbuch kaufen, »Schade um die schöne Verschwendung« heißt das, da muss man sich zu Hause noch nicht einmal mehr die Mühe des Lesens machen. Das eignet sich, gerade weil es niemanden zu langen Lesestunden zwingt, hervorragend als Geschenk – oder als Andenken an einen reizenden Abend am Beginn einer langen glücklichen Beziehung. Aber so weit sind wir noch nicht.

Nachdem Max Goldt seine insgesamt etwa zehn Texte vorgetragen hat, verlassen wir, nun anderes als die Signierstunde im Sinn habend das Theater in Richtung Gastwirtschaft. An diesem Punkt des Abends galt es, wie vorgeführt, eine klassische Stilsicherheit an den Tag zu legen, in der die individuelle Klasse behutsam zur Geltung gebracht werden kann. Also ab ins Pizzini zu solidem Bier auf austariertem Tisch nebst erträglich lautstärkegeregelter Musik. Worüber man redet, darüber muss man sich nach einer solchen Lesung keine Gedanken machen. Kein Grübeln, keine öden Fragen über Lieblingsfilme mit anschließendem unangenehmem Schweigen bevor man nach dem Lieblingsessen fragt und alles aneinander vorbei aufzählt. Durch ein paar anstoßende Gedanken in Fahrt gebracht, quatschen wir auf dem Weg schon allerlei Kokolores, um uns im weiteren Gesprächsverlauf noch öfter dem vorgetragenen reichhaltigen Themenfundus anzunehmen. Mal dieses, mal jenes, kein Stocken, alles läuft gut, weil wir ganz unverfänglich über allerlei reden können, ohne gleich Gefahr zu laufen, in irgendwelche Fettnäpfchen wie Parteizugehörigkeit, Glaube oder Positionierung im Israel-Palästina-Konflikt zu treten. Dafür zielt Max Goldts Blick zu sehr auf das allgemein Menschliche, ja, man kann sogar fast sagen auf die vernünftige Anwendung des Verstandes im alltäglichen Dasein. Vielmehr versuche ich mit ihr mir gegenüber auch gar nicht zu praktizieren. Da merke ich erst, wie schwer das manchmal sein kann und wie hoch die Kunst des treffsicher und humorvollen Formulierens einzuschätzen ist. Nicht zu hoch. Als sie mir dann aber beim zweiten Bier zu verstehen gibt, wie großartig sie die zwar ungewohnten, aber letztlich doch passenden Vergleiche fand, ist der Abend für mich vollkommen gerettet. Dachte ich.

Als jemand anfängt, das Klavier auf eine Weise zu malträtieren, dass eine Mädelsgruppe glaubt, in den jeweiligen Refrains kreischend einzusteigen, wird es Zeit, die Lokalität zu verlassen und den Abend zu beenden, bevor ich noch öffentlich das Fluchen anfange. Also zahl ich für uns, geleite sie nach Hause, erwähne en passant, wie schön ich den Abend fand und dass man sich doch nochmal treffen könne. Das Hörbuch, wo noch mehr gute Sachen drauf seien, hätte ich bereits zu Hause. Vor der obligatorischen Umarmung stimmt sie mir zu und verschwindet im Hauseingang. Bisher hat sie sich noch nicht gemeldet. Illusionen mach ich mir aber keine, das wäre mir auch passiert, wenn wir in die Oper gegangen wären. Das kann einem mit allem passieren, auch bei Max Goldt, da hat man aber wenigstens einen guten Abend gehabt.