Blutschöne Abendstunden mit Georg Trakl

Auch heute noch gleicht die lyrische Sprache Georg Trakls einem Sog und dessen Lebensweg einem Faszinosum. Am 3. November ehrte Bamberg liest den Dichter mit einer Lesung im Jazzkeller. Viel Wahrheit und viel Schmerz.

von Philipp Schlüter & Felix Gerhard (4. November 2014)

Wer könnte etwas über Georg Trakl sagen, was stimmte? Man kann das Wenige aufzählen, was man weiß: Apotheker, Drogensüchtiger, Selbstmörder, Dichter, und kann sich doch nur diesem schwarzen Loch annähern, in das die Welt mit all ihrer Grausamkeit stürzte. Die Lesungsbühne war mit hellrotem Licht beleuchtet, was beim Besucher schon eine vage Ahnung an die Schlagworte der Traklschen Dichtung erweckte. Wie die Welt aussah, in der sich der junge Trakl damals bewegte, ist schnell erzählt: Hochstilisiertes Kaisertum und verblendete Kriegsbegeisterung, im Deutschen Reich wie auch in Österreich-Ungarn, und zwischen all dem der Medikamenten-Akzessist, der in all dem »zu wenig Liebe, zu wenig Gerechtigkeit und Erbarmen « sieht, wie er an einen Freund schreibt, dagegen aber »allzuviel Härte, Hochmut, und allerlei Verbrechertum«. Er ist eine schwer zu greifende Persönlichkeit, dessen Innerstes wohl der Kampf mit sich selbst und der modernen Welt des frühen 20. Jahrhunderts war. Um sich das ganze Ausmaß der Traklschen Welterfahrung ausmalen zu können, hilft jenes was er in einem Brief, adressiert an einen Freund, schrieb: er selbst sei »eine Spottgestalt aus Kot und Fäulnis in einem unseligen von Schwermut verpesteten Körper, Spiegelbild eines gottlosen, verfluchten Jahrhunderts. « Es wundert nicht, wenn so jemand in die seltsame Liebe zu seiner Schwester flüchtet. Auf der Suche ist nach einem sicheren Hort, einem Ruhepol für den gequälten Geist und in der Lyrik, dem Gesang einsamer Seelen, eine Stimme findet, die herausschreit, was da in Wallung geraten ist. Das Statement der Lesung war klar: Hier sollte in ernst-ästhetischem Rahmen das Gedenken einem Menschen und seinen Gedichten gewidmet sein, dem am Ende alles zu viel wurde.

Vielleicht wurde deshalb das Werk Trakls im Jazzkeller gevierteilt, um sein Faszinosum ertragbar zu machen, indem man es in seine Bestandteile zerlegt und sich diesen annähert, statt den Weltschmerz seines Erschaffers blind hinauszuschreien. Abwechselnd umkreisten Martin Neubauer, Martin Beyer, Oliver Lederer und Roni die verschiedenen Facetten dieser Lyrik. Letzter eröffnete die so betitelte Hommage an Georg Trakl zum 100. Todestag mit einem damaligen Gutachten der Apotheke des Garnisonsspitals über den jungen Salzburger. Im weiteren Verlauf der Lesung war Roni weiterhin für die Weitergaben von biografischen und zeitgenössischen Zeugnissen zur Person des Dichters an das gebannt lauschende Publikum verantwortlich. Das tat er manchmal ein wenig zu bedeutungsschwanger. Durch Gestik und Mimik wollte er die biografischen Zeugnisse dramatisch aufladen. Dabei können die sich besser entfalten, wenn man sie alleine für sich lässt. Ähnlich wie Martin Beyer, der aus seinem Roman Alle Wasser laufen ins Meer las, in dem es um das ungeklärte Verhältnis zwischen Georg und seiner Schwester Margarethe geht und dem erst gar nicht der Versuch anhaftet, diese Beziehung genau zu bestimmen. Auf angenehme Art und Weise zeigte Martin Beyer auf, wie es wohl zwischen den beiden gewesen sein könnte. Ein Versuch der Annäherung und keine Festlegung von Hypothetischem. Was da genau war, findet man auch nicht heraus, soll man auch nicht, denn Literatur versucht das nicht zu Beschreibende in Worte zu fassen, einen Raum für Gedanken zu schaffen, traumartig, wild, unverständlich in seinen Worten, aber umso deutlicher in deren Bildern. T.S. Elliot schrieb einmal »Genuine poetry can communicate before it is understood«, ja, das ist es! Martin Neubauer, seinerseits Schauspieler des Brentano Theaters Bamberg, trug ausgewählte Gedichte Georg Trakls in dunkel-düsterer, den Weltschmerz anklagender Manier vor. Das Dichterwort erzählt, ohne zu benennen, es trägt bereits alles in sich: das Verhältnis zur Schwester, der Rausch der Betäubungsmittel, das Leiden an der Welt. Hier blitze Trakl in Reinform auf. Im Kellersaal sah man Gesichter, deren Blicke ins Leere gingen. Man war ganz bei den hypnotischen Worten und Klängen der Gedichte und spürte die Schatten, welche zwischen den Gedichtzeilen lauern. Oliver Lederer transponierte die Gedichte am Piano ins Musikalische. Mit kraftvollen Akkorden unter luziden Melodien umspielt er die Texte, hier und da aufgebrochen, innehaltend. Wie in den Gedichten selbst schleicht sich in ruhigem Ton die Melancholie ein: »Aus den braun erhellten Kirchen/ Schaun des Todes reine Bilder«. Es wird gar nicht versucht, in kunstliedhafte Sphären emporzusteigen, Lederer orientiert sich eher am einfachen Bau der Gedichte, denn an deren vieldeutigen Inhalt und gewinnt ihnen somit eine weitere Facette ab. Letztendlich hat man vielleicht durch das Konzept des Abends einen Eindruck davon bekommen, aus welchem Geist die Gedichte entstanden sind. Dass das Aufsaugen alles Schlechten nicht in Leere endete.

Am Ende des Abends war man von der Wortflut mitgerissen, vom Lebensweg Georg Trakls innerlich wohl auch ergriffen. Vor genau 100 Jahren starb Georg Trakl an einer Überdosis Kokain, die er sich verabreichte, während er sich von einem Selbstmordversuch erholte. Ob mit Absicht oder aus Versehen, ist weder geklärt noch wichtig. Gedacht werden sollte der Kraft dieser Gedichte, ihrer Welten erzeugenden Bilder, die trotz allem Schwarz, viel Farbe in sich tragen. Georg Trakl, jemand der seinen Platz in der Welt nie richtig gefunden hat. Jemand, dessen Gedichte Ergebnisse von Rausch und Verzweiflung sind. Die jedoch in ihrer Tragik und Härte als schön gelten können. Zum Zeitpunkt seines Selbstmordes hatte er noch das ganze Leben vor sich, gleichwohl er innerlich bereits dunkle wie helle Welten wohl hundertfach durchschritten hatte. Es ist dieser leidgetränkte Faktor X, diese nicht erklärbare Verzweiflung, die im Mantel großer Worte daherkommt: »Doch plötzlich: Stille! Dumpfe Fieberglut/ Läßt giftige Blumen blühn aus meinem Munde«. Trakl vereinte alles in seinen Gedichten, folgt man ihren Pfaden, erfährt man mehr über ihn, als in Biografien geschrieben stehen könnte, als an Abenden gelesen werden könnte.