Beat, Buk and What Else?

von Felix Gerhard (30. November 2014)

Am vergangenen Dienstag lud das WildWuchs-Theater wieder ins Palais und in die Halbwelt von Trinkern, Zechern und anderen zwielichtigen Gestalten zum Barflies-Abend. Vielleicht nicht die Geschichten, die man seinen Enkelkindern erzählt, vielleicht nicht die Geschichten, die man vermisst, aber der Gin war billig.

»Jane, that’s show biz, so go back to sleep, dear, because/ no matter how hard they tried they/ just couldn’t find anybody exactly like/ you.// and neither can/ I.«

— Charles Bukowski, Barfly

Verdammt, ich war zu früh dran. Um neun Uhr ging’s erst los, aber irgendwas hatte mich geritten, schon um acht da zu sein. Also erstmal keinen Fehler machen, dachte ich mir, Gin und Tonic bestellen – Dienstag ist Gin-Tag im Palais –, die Füße still und mich unauffällig verhalten, irgendwo so weit wie möglich hinten, versunken in einem Sessel mit gutem Blick auf die Ecke, wo die Jungs gerade noch dabei waren den Sound zu richten. Aus den Boxen kam ein Tom Waits-Lied nach dem anderen, hatte wohl jemand vergessen den Shuffle einzustellen. Vor mir saßen zwei befreundete Ehepaare, von denen eines wohl schon mal beim monatlichen Barflies-Abend war, das konnte ich heraushören, darüber hinaus erfuhr ich aber nichts, weil der Mann lieber verzweifelt versuchte seiner Frau ihr Smartphone zu erklären, worauf sie aber gerade wenig Lust hatte, obwohl es, wie er meinte, doch ganz einfach sei, schau hier, machst du so und dann ziehst du so und schon hast du es da, ist doch ganz einfach, erklärte er ihr, aber sie wollte nicht verstehen, sie wollte bloß, dass es funktioniert. Das dauerte eine Weile, währenddessen das andere Ehepaar Zuflucht in die frei ausliegenden Bamberger Lokal-Werbe-Kultur-Infoblätter nahm. Geredet wurde nicht miteinander. Irgendwo zwischen Ledersofa, Sessel und Tisch standen zwei neonfarbene Kuben, die lustig grün und orange vor sich hinleuchteten und deren dekorativer Sinn sich mir in all der klassischen Baratmosphäre von dunklem Holz, gedimmten Licht und massiver Theke nicht ganz erschloss. Stattdessen benutzte ich meinen einfach als Tisch für den Gin. Der andere Mann, kürzlich wieder aus einem der Infoheftchen aufgetaucht, fragte sich offensichtlich, ob man sich wohl auch auf das Leuchtdings setzen könne und wie das eigentlich am Leuchten gehalten werde. Packt’s, dreht’s um, aha, so sieht das also von unten aus, interessant. Andere Menschen, andere Sorgen. Ich hatte Durst. Mit der Zeit kamen mehr Gäste, viele den WildWüchslern auch persönlich bekannt. Man kennt sich hier, es schien ein gemütlicher Abend zu werden. Als ich mich um kurz vor neun umsah, musste ich erschreckt feststellen, dass ich tatsächlich der Jüngste geblieben war – mit Mitte Ende zwanzig zwischen mittelalten Ehepaaren und schicken Anfangdreißigern. Muss man sich als Student heutzutage etwa nicht mehr den Alltag in Bars mit Geschichten vertreiben lassen? Offensichtlich. Vielleicht. Was weiß denn ich?!

Warum setzt man sich also Dienstagabend in eine Bar? Nicht in eine Kneipe, Gaststätte oder eine andere Art Lokal, nein, sondern in eine Bar. Weil man mal nicht das Übliche aus der gutbürgerlichen Gerüchteküche präsentiert bekommen will. Man denkt an das, was man aus Filmen, Büchern und Liedern kennt, an einen Piano Man, der davon singt, dass nicht er, sondern das Piano besoffen ist und der Teppich mal wieder ’ne neue Frisur braucht; an kaputte Typen voll stinkender Hoffnung in irgendeiner miesen Absteige in LA, die so lange einsam in ihr leeres Glas stieren, bis ihnen der Barkeeper aus Mitleid noch einen Whiskey einschenkt und keine Fragen stellt und trotzdem ne Geschichte bekommt; an Hafenspelunken in Marseille oder Hamburg, in denen Seewölfe so alt wie Käptn Blaubär oder so blau wie ebenjener – genau weiß das keiner – zum Schifferklavier Seemannsgarn auftischen, bis man ihnen ’ne neue Runde Rum ausgibt; da denkt man dran, wenn man die Ankündigung von Halbwelt, Zwielicht und Trinkern liest. Was bekommt man?

 

Vielleicht liegt das Problem dort, dass all die Typen in den Bars einem ein Theater vormachen und hier das Theater einem die Typen aus den Bars vormachen will. Denn dass ich nicht in diese Welt hineingezogen werde, liegt nicht unbedingt an den – mal eigenen, mal fremden – Texten, sondern daran, dass sie nicht wirken, weil man ihnen den Vortrag allzu oft anmerkt. Der Abend verliert immer dort, wo er zu viel will [1]. Ein Bukowskigedicht wird von einer leicht gezupften Gitarre begleitet und klingt mit dem seichten Hintergrundgeklimper auf einmal wie Lebenshilfe aus einer Zigarettenwerbung. Dialoge werden angespielt und verpuffen dann im Nichts ohne merkliche Pointe. Die ganze Zeit hatte ich Angst, es muss an mir liegen, du verstehst nicht, was sie wollen, hast zu wenig getrunken, trink mehr, trink Bruder trink, aber ich wurde nicht in Stimmung dazu gebracht, dabei hätte ich mir so gerne einen hinter die Binde gekippt. Ich kam mit dem Absurden nicht klar. Da reden zwei, mal an der Theke stehend irgendwas über Rausch und der dritte geht mit entstellender Maske durch die Bar. Das versteh ich nicht. Ich gebe auch ganz offen zu, das will ich nicht. Wenn ich in eine Bar gehe, will ich nicht denken, im Gegenteil, da brauche ich keine Metaebene, keinen doppelten Boden, sondern Unterhaltung von Typen, die sich ganz unironisch festhalten müssen, um auf dem Boden liegen zu können. Der ganz normale Wahnsinn ist mir lieber als alles Affentheater.

Dabei ist es doch so einfach und sie wissen auch wie es geht: Der eine schlägt auf irgendwas Trommelartigem einen stumpfen Puls, der andere stupide Akkorde und der dritte haut Beat-Poesie drüber – das ist einfach, das ist großartig. Aber klar, wie soll man selbst gegen solche Kunst anstinken? Bukowski hatte Bach und Mahler, Ginsberg und die Beat-Poeten den Freejazz und WildWuchs ein paar Akkorde auf der Gitarre. Da wird es schwer, im direkten Vergleich gegen diese Größen anzukommen. Gerade, wenn man den auch noch heraufbeschwört, indem man den Herrn Lehmann in einem eigenen Text auftauchen lässt und sich deswegen gleich mit Sven Regener messen lassen muss. Na, mach das mal und gewinn dabei! Meine Güte, was steckt da für ein Potential in dem Abend, in all den guten Ideen und Ansätzen, die aber so selten nur nach Hause gefahren werden. Man kriegt’s einfach nicht hin, wenn man es versucht, weil man eben nicht so kaputt ist, wie der gute alte Bukowski. Es bleibt immer ein Gefälle von Anspruch und Wirklichkeit, außer aber, man lässt den Anspruch weg, dann gibt’s auch kein Gefälle. Nach der Pause kam einer mit ’ner a cappella-Version von Auf der Reeperbahn nachts um halb eins um die Ecke, die war genauso schief und charmant, wie einer sich nach ner Buddel Rum wirklich für Hans Albers halten könnte. Der versucht nichts, der lebt in seiner Illusion, das ist schön, wenn dann sowas wie Hafenkneipenatmosphäre entsteht. Oder der störrische Franke, der seinen Scheiß schon macht, wie er sagt, nur diesen einen Satz – »Ich mach meinen Scheiß schon« –, den aber immer wieder, sich steigert, ich mach meinen Scheiß schon, kann man ihm ruhig glauben, er macht seinen Scheiß schon und man weiß direkt, was das für ein armer Kerl ist, was für eine traurige Geschichte dahinter stecken muss, auch wenn er nichts weiter sagt, als dass er seinen Scheiß schon mache und darauf besteht, dass er seinen Scheiß schon macht und klarstellt, wie sehr sich alle drauf verlassen können, wie er seinen Scheiß schon macht.[2] Das ist eine der Geschichten, die einem nur in Bars erzählt werden.[3] Das war der Moment, wo ich mir ein Bier bestellt habe und dachte, ja, mehr davon bitte. Also von beidem, vom Bier und von solch simpel scheinenden Storys.

Das ist immer mal wieder passiert. Quasi aus dem Nichts kommt da ein gutes Gedicht oder Lied, da freut man sich, weil man doch noch kurz weggetragen wird. Trotzdem wollte ich an dem Abend einfach nicht betrunken werden, ich kam einfach nicht recht in Stimmung. Knyphausen kam zu spät am Ende des Abends. Wobei ich mir auch kein besseres Ende vorstellen kann als dieses treffend melancholische So seltsam durch die Nacht, like a drunk in a midnight choir oder so ähnlich, wenn die drei dann zusammen einstimmen in das Hoch auf den Alkohol: Wir trinken immer viel zu viel, doch wir sehn gut dabei aus, ja, wir tun das mit Stil. Und wir warten auf den Taumel der Nacht, wenn das Licht ausgeht und unsere trunkene Seele erwacht. Dann bin ich aufgestanden, habe den Jungs noch was in den Hut geworfen, damit sie ihre Biere auch zahlen können und bin alleine nach Hause gegangen, wie man das halt so macht, nachdem man den Abend in einer Bar verbracht hat, um dem Alltag ein paar Stunden zu entfliehen.

[1] Ich könnte auch sagen, weniger ist mehr, aber der Spruch ist noch abgelutschter als meine Variante der Personifizierung des Abends in klassischer Feuilleton-Manier – als ob es der Abend wäre, der irgendwas für meine Unterhaltung könnte.

[2] Ich saß da, ich hab’s gehört, man kann mir glauben, so ein Kerl, der macht seinen Scheiß schon!

[3] Und man will ja nichts weiter, als ein paar Drinks kippen und dabei gute Geschichten hören. Wenn man aber den Liedern nicht lauschen kann, weil sie künstlich unterbrochen werden und ironisch überspielende Witze darüber gemacht werden, dass man gerade zum zweiten Mal den falschen Akkord gespielt hat, dann ist das so nervig, wie wenn einer in einer stinknormalen Kritik dauernd Fußnoten setzt, um einem über solche Umwege klar zu machen versucht, wie das ist, wenn man in Bamberg in einer Bar sitzt und sich einzureden versucht, dass man sich gerade in einer dunklen Halbwelt befindet, das aber nicht geht, weil die Illusion durchbrochen wird, ähnlich wie man als Leser dieser Kritik sich gerade unheimlich gerne irgendwas Einfaches wie eine Kritik durchlesen würde, damit man die Frage beantwortet bekommt, soll ich zu dem Barflies-Abend von WildWuchs gehen oder nicht,[a] man aber nicht bis zur Antwort vordringen kann, weil der blöde Rezensent sich in ewiglangen Fußnoten verheddert,[b] um einen Punkt zu machen, der in einem Halbsatz treffender ausgedrückt wäre.

[a] Nebenbei: ja, warum sollte man nicht hingehen?

[b] Hat man einmal die vierte Wand durchbrochen, gibt es kein Zurück mehr, man denkt nur noch in irgendwelchen Metaebenen, die man eigentlich vermeiden sollte. Dann ist die Illusion verloren, dass da nicht Theater gespielt wird, sondern wirklich Trinker sitzen, die Geschichten erzählen. Schade eigentlich.