Die Buddenbrooks zu Gast bei Weyermanns 

von Felix Gerhard (13. Dezember 2014)

© Thomas Bachmann

In der Villa Weyermann fand vorgestern Abend der Auftakt zur fünfteiligen Lesereihe zu den Buddenbrooks statt. E.T.A. Hoffmann-Theater-Ensemblemitglied Eckhart Neuberg las Thomas Manns wohl berühmtesten Roman in Auszügen.

»›Was ist das. – Was – ist das …‹ ›Je, den Düwel ook, c’est la quesion, ma très chère demoiselle!‹« Dies sind die ersten Sätze der Buddenbrooks , jener Großerzählung über den Verfall der so stolzen und ihres Bürgertums allzu bewussten Kaufmannsfamilie Buddenbrook aus Lübeck, deren langsamer, über vier Generationen hinweg in vielerlei Facetten ausstrahlender Niedergang, seinem Autor, dem Lübecker Kaufmannssohn Thomas Mann, Ruhm und Ehre einbringen sollte. In diesen Sätzen liegt bereits der erste von insgesamt fünf Leseabenden verborgen, zu dem das E.T.A.-Hoffmann-Theater vergangenen Mittwoch in die Villa Weyermann lud und es noch für drei weitere Termine im Januar tun wird. Gelesen wurde im, mit hohen Decken, dunklen Türen und dezenten Leuchtern, trotz seiner offensichtlich praktischen Schlichtheit durchaus repräsentativen, Flur, dessen weiße Wände beschrieben wesentlich kälter wirken, als sie mit kunstähnlichen Figuren und Bildern von Mitarbeitern oberhalb der sich durch den ganzen Raum ziehenden, etwa brusthohen Holzvertäfelung tatsächlich waren. Gewiss, es war nicht der Salon, aber mit gedämpftem Licht kam doch etwas Charme alter Zeiten auf. Nicht ganz die der Buddenbrooks, also der Mitte des 19. Jahrhunderts, aber die ihres Erschaffers reichte zur Genüge. Schritt man durch den Eingang, blickte man in diesen langen und schmalen Flur, auf dessen linker Seite, etwa auf der Hälfte, ein deckenhohes Glastor eingelassen war, und dessen Durchgang wiederum von einem kleinen schwarzen Podest versperrt war. Darauf standen ein rustikaler Holzstuhl und ein Metalltisch, auf dem sich eine weiße Bankierlampe sowie ein Glas Wasser befanden. Ausgerichtet auf diesen Punkt füllten die Stuhlreihen zu beiden Seiten den Raum. Der kann nicht allzu vielen Leuten Platz bieten, wodurch ein gewisser Eindruck von Privatheit entstand, von einer Art bürgerlichem Hauskonzert für die bessere Gesellschaft, der man beiwohnen durfte. Eckhart Neuberg betrat von hinten seine Bühne, setzte sich, erklärte kurz, was er nun im Speziellen lesen würde und ließ den Abend mit Richard Wagner einleiten.

 

Bevor ich fortschreite, möchte der geneigte Leser mir erlauben, kurz zum ersten Satz zurückzukehren. Es sprechen dort Tony Buddenbrook und ihre Mutter, Bethsy, die Frau von Johann, der den Betrieb von seinem Vater geerbt hat und ihn an seinen ältesten Sohn Thomas weitergeben wird, dessen Sohn Hanno wiederum nicht fähig sein wird, das Geschäft fortzuführen. Die eine keck und neugierig, des Lebens gierig, aber auch der Notwendigkeiten des Standes bewusst, die andere als liebende Mutter Buddenbrook beides, provinziell und prätentiös. Wollen die Familie und das Geschäft, die im Hause in der Mengstraße in eins zu fallen pflegen, erhalten werden, müssen diese Widersprüche aufgelöst sein, was sich naturgemäß als keine leichte Aufgabe darstellt. Thomas Mann hat für diese Problematik etwa 800 Seiten gebraucht, sie ausgebreitet auf mehrere Personen und ihre jeweils eigenen Geschichten, die sich nicht bloß zu einem Familienporträt, sondern auch zu einem, hier sei das abgenutzte Wort gestattet, Sittengemälde der Zeit zusammensetzt. Ein unmögliches Unterfangen wäre es also gewesen, vorne beim ersten Satz beginnen zu wollen und sich so lange in Richtung Schluss zu lesen, bis die fünf Abende vorbei sind. Diesen Fehler begeht Eckhart Neuberg zum Glück nicht. An diesem ersten Abend legte er den Fokus auf die Geschichte der Tony Buddenbrook, die zwar für den geschäftigen Teil des Buches nur einen Nebenzweig bildet, aber doch einiges wunderschön pointiert ausmalt. Da sie zweimal heiratet und, vermutlich weil sie noch einen eigenen Kopf hat, während sie versucht sich der Familienraison unterzuordnen, auch zweimal geschieden wird, ist es in den 90 Minuten Lesezeit nicht einmal möglich gewesen, ihre Geschichte von Anfang bis Ende zu erzählen. Der Abend endet noch vor der ersten Eheschließung. Aber gerade an diesem hier exemplifizierten Konflikt zwischen den Generationen scheitert die Familie unter anderem, weswegen es weniger auf das Ende Tonys ankommt, als auf die Beleuchtung ihrer Rolle in diesem Spiel um Geld und Glück. Lehnte man sich weit aus dem Fenster, könnte man sich zu der These versteigen, Tony könne repräsentativ für ihre beiden Brüder stehen, die sie in ihrer Brust zu harmonisieren sucht, indem sie zwar die Liebe sucht und hofft, die Heirat wäre eine einfache Sache, sodass ihr schönes Leben ohne Unterbrechung so weiter verlaufen möge, und gleichzeitig aber auch für das Geschäft eine geschickte Zweckehe einzugehen bereit ist. Kaufmann und Lebemann sind zwei Personen, die nicht zu vereinen sind. Darin liegt das Problem der Buddenbrooks, die irgendwann nur noch aus diesen beiden Polen bestehen und somit den Verfall, trotz stärkster Anstrengung, nicht mehr aufhalten können, da er bereits in den Personen selbst angelegt ist. An dieser Stelle soll aber weniger vorgegriffen werden, denn in den vorgetragenen Passagen ist die Welt noch in Ordnung. Vielleicht ändert sich das an den drei übrig gebliebenen Abenden, denn unklar ist, worauf dann der Fokus gelegt werden wird, welche Figuren den meisten Raum einnehmen werden. Klar hingegen ist, dass durch diese Behandlung des Romanstoffs man nicht auf alle Abende angewiesen ist, um an einem unterhalten zu sein.

Dieser Umstand liegt naheliegenderweise nicht nur an der Vorlage, die an den Abenden zu ihrer Ehre kommt, sondern auch an dem Vortrag selbst. Mit ruhiger und tiefer Stimme trägt Eckhart Neuberg den Text in weiten Teilen vor, sodass man irgendwann einfach die Augen schließen und der Geschichte folgen kann, anstatt zum Verstehen der manchmal durchaus etwas längeren Sätzen Manns, die, wenn man so will, etwas länger brauchen, um auf den Punkt zu kommen. In eleganten Bögen fließt die Sprache dahin, mehr als sie mitreißt. Ebenso ruhig das konstante Timbre, von dem aus die verschiedenen Akzente gesetzt werden. Die verschiedenen Figuren erhalten ihre eigene Sprache, seien es das leicht gekünstelte Französisch der Mutter Buddenbrook oder Dialekte. Zuweilen wird auf diese Weise aber auch mancher Charakter überzeichnet, was dem nicht gut tut, da es einengt und nur einen recht starren Blick auf die Interpretation dieser Figur eröffnet. Bei Herrn Grüning, dem ersten Ehemann Tonys besteht die Gefahr nicht. Er ist eine solchermaßen überzogene Karikatur eines opportunistischen Schönredners, dass er genauso gesprochen sein musste. Diese Humoresken sind natürlich herrlich auflockernd zwischen den Beschreibungen von Wohnungen und Personen, dürfen aber nicht, wie es zuweilen auch geschah, überhand nehmen, da die Ironie bei Thomas Mann stets eine ganz subtile Sache war, derer es Aufmerksamkeit bedarf. Neuberg spielt in solchen Passagen leider manchmal zu sehr auf der Klaviatur seiner Stimme, die er meist wohl und weislich einzusetzen weiß, aber manches mal eben doch über den Text hinausschießt, wofür man an anderen Stellen wieder aufgefangen und auf den Boden zurückgeholt wird, sodass vielleicht die guten alten Buddenbrooks manchmal etwas strapaziert werden, zum Glück aber mal nicht mit einer bräsigen Verfilmung, wodurch die Stimmung aber nur selten in Gefahr gebracht wird. Gediegen ging es zu, gediegen ging es zu Ende.