Menschlichkeit als Gedankenverrat

von Karsten Babucke (15. Januar 2015)

 

© Thomas Bachmann

 

Am 09.01.2014 fand die Premiere des Kammerstücks In der Sache J. Robert Oppenheimer im Treff des E.T.A.-Hoffmann-Theaters statt, in dem der Prozess, dem sich der renommierte Physiker und Entwickler der Atombombe stellen musste, behandelt wird.

Der Physiker J. Robert Oppenheimer war bekannt als genialer Physiker und »Vater der Atombombe«, die er in den vierziger Jahren im sogenannten »Manhattan-Projekt« entwickeln half. Wenigen ist jedoch bewusst, dass dieser ehrgeizige Wissenschaftler sich für seine Arbeit vor einem amerikanischen Gericht verantworten musste. Er wurde beschuldigt, die Entwicklung der H-Bombe oder Supernova vereitelt und somit in Zeiten des kalten Krieges und der McCarthy-Ära kommunistisch gehandelt zu haben.

Das auf den originalen Gerichtsakten beruhende Theaterstück von Heinar Kipphardt aus dem Jahr 1964 handelt von diesem Prozess, dem sich der Physiker vor einem Sicherheitsausschuss der amerikanischen Atomenergiebehörde, der Oppenheimer selbst angehörte, stellen musste. Notwendig, da er ohne einen Freispruch des Vorwurfs nicht mehr uneingeschränkt seiner Arbeit als Physiker nachgehen könnte. Viele kommen zu Wort, der Anwalt der Anklage, Roger Robb (Gerald Leiß), als Verteidiger Oppenheimers Lloyd K. Garrison (Eckhart Neuberg), sowie Kollegen, Geheimdienstoffiziere und natürlich am intensivsten der Angeklagte selbst, gespielt von Florian Walter. Im Kreuzverhör werden die Ereignisse um die Entwicklung der Atombombe und deren Abwurf auf Hiroshima ebenso aufgearbeitet wie tiefe Einblicke in das persönliche und private Umfeld des Physikers gegeben werden.

 

Das Stück bietet sowohl eine detailgetreue, wenn auch natürlich verkürzte, Aufarbeitung realer historischer Ereignisse, als auch Anknüpfungspunkte zu brisanten aktuellen Themen, wie der (Vorrats-)Datenspeicherung und sozialen Netzwerken. Ist man schuldig, wenn man bestimmte Verbindungen zu Freunden hat, die einer anderen Partei angehören? Kann man für vergangenes Verhalten verurteilt werden? So sind in Zeiten in denen für jeden einsehbar ist welchen Aktivitäten man in der Vergangenheit nachgegangen ist oder welche Freunde und Bekannte man in sozialen Netzwerken hat und welcher Gesinnung diese angehören, solche Fragen für jeden sehr brisant. Das textreiche Verhör stellt spannend die verschiedenen Lebensbereiche des Physikers Oppenheimer dar, die Vergangenheit mit kommunistischen Freunden, das private Umfeld, die Arbeit und der Wettbewerb unter den ehrgeizigen Physikern und ihn selbst als verantwortungsbewussten Menschen, der sich im Laufe seiner Karriere für die Menschlichkeit entschied.

Das E.T.A.-Hoffmann-Theater hat diese spannende Thematik mit dem Stück von Heiner Kipphardt in einer imposanten Kulisse umgesetzt. Die Handlung erstreckt sich über lange Wortgefechte, in denen sich der Angeklagte vor den Zeugen und dem Ausschuss verteidigen muss. Große Aktionen und Bewegungen auf der Bühne bleiben aus. Die Spannung des Stückes liegt sehr stark im Text, denn die Reaktionen der Akteure auf Anschuldigungen und Rückschläge bleiben stets überaus förmlich.

Weitere Vorstellungen: 10. +11., 21. -25. Januar

Dauer: ca. 90 Min