Von lächerlichen Kettenreaktionen und verheerenden Katastrophen – Vom Untergang ein Protokoll

von Theresa Ehrl (16. März 2019)

 

© Konrad Fersterer

Satirische Realität oder Traum: Was auch immer passiert ist, es war genial. Mir graut es vor dieser Rezension, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass ich dem Theaterstück Am Rand von Philipp Löhle nicht gerecht werde. Es handelt von Frederick Kaufmann, gespielt von Felix Mühlen, der als Polizist in eine Gemeinde kommt, in der es bis dato keinen Polizisten gab.

Randhausen ist ein Dorf, nahe der Grenze zu Tschechien und weit entfernt von jeglicher Kriminalität. Kein Wunder, dass die Bewohner sich dementsprechend verhalten: Der Schlüssel des Streifenwagens steckt, Haustüren sind unverschlossen, Pakete werden ungesichert vor der Tür abgestellt. Der neue Wachtmeister spricht ein ernstes Wörtchen mit den Anwohnern und schürt damit Paranoia. Er hat es geschafft, in mehrere Häuser einzubrechen, Gegenstände zu entwenden und ungefragt Autos umzuparken.

Alles in Butter

von Theresa Ehrl (08. Februar 2019)


© WildWuchs Theater


Das WildWuchsTheater hat seinem Ruf wieder einmal alle Ehre gemacht und mit „Der Geizige“ von Molière mühelos kreativ einen Klassiker auseinandergenommen und mit andern Puzzleteilen wieder zusammengesetzt.

Der Name ist Programm an diesem Abend, denn Krösus ist der, der ihn veranstaltet sicher nicht. Zumindest beteuert der Intendant als Stimme aus dem Off mehrmals die Mittellosigkeit des armen Theaters und schlägt höflichst vor, Mäzenen und Presse in den Arsch zu kriechen. An dieser Stelle herzlichen Dank für den Discounter-Sekt und dem halb-getoasteten Toast mit Lachsersatz in der Pause.

Spiel des Lebens

von Florian Grobbel (30. Januar 2019)

© Martin Kaufhold

Was es mit dem ersten Teil des Titels Kreise/Visionen von Joël Pommerats Drama zu schaffen hat, wird einem sofort klar, wenn man den Großen Saal des ETA Hoffmann Theaters betritt. So bildet das Bühnenbild eine kreisrunde, sich drehende Scheibe. Darauf und rundherum präsentieren uns die Schauspielerinnen und Schauspieler eine Zeitreise durch die letzten 700 Jahre, bei der es sich stets um den zweiten Teil des Titels dreht, denn Visionen hatten die Menschen schon immer.

Das Publikum wird gleich zu Beginn in den Bann der Inszenierung gezogen. Der Conférencier im roten Anzug – dargestellt vom kompletten Ensemble – richtet sich direkt an die Zuschauer und lädt sie ein, an einem einzigartigen Spiel teilzunehmen. Man ist gespannt, doch auch ein wenig nervös. Wie sind die Regeln? Was kann ich gewinnen? Und vor allem: Wie hoch ist der Einsatz? Diese Fragen werden jedoch fürs erste unbeantwortet gelassen und ohne weitere Umschweife werden dem Zuschauer einzelne szenische Darstellungen präsentiert. Insgesamt sieben Geschichten, welche zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten der Historie spielen, werden in zunächst rascher Abfolge erzählt. 

„Leb wohl, öffentlicher Diskurs!“

von Margarethe Lohneis (23. Januar 2018)

© Martin Kaufhold

Im Wohnzimmer von Britta und Richard zu Besuch auf ein Gläschen Wein – so beginnt die Premiere der Bühnenfassung von Juli Zehs 2017 erschienenem Roman Leere Herzen. Die Uraufführung des Stückes, in dem die erschreckende Utopie als gar nicht so utopisch, aber dafür umso erschreckender dargestellt ist, fand am 18.01.2019 auf der Studiobühne des ETA Hoffmann Theaters Bamberg statt.

Britta, emanzipierte Vorzeige-Alleinverdiener-Mama und ihrem Mann Richard, der sein berufliches Glück in einem Software-Start-up-Unternehmen zu finden sucht, fehlt es an nichts. Sie haben eine Tochter, ein bereits abbezahltes High-Tech Eigenheim, in das sie Freunde zu selbst gemachtem Sushi und Wein einladen. Sie sind das Ideal einer modernen Kleinfamilie in der Großstadt mit egalitärer Rollenverteilung und Selbstverwirklichung. Getrübt wird der perfekte Mikrokosmos allerdings durch das politische System, an deren Spitze „die Arschlöscher von der BBB“ (= Besorgte Bürger Bewegung) stehen. Auch dies ist Thema bei dem Freundestreffen im Hause Britta Söldner. 

Zwischen Melancholie und Glück

Von Rebecca Hertlein (6. Dezember 2018)

© Konrad Fersterer

Die bewegte und dennoch zuweilen scheinbar unspektakuläre Vergangenheit und Gegenwart Nürnbergs wurde am 30.11.18, zur Premiere von „Die Musik war Schuld“ im Nürnberger Staatstheater wieder lebendig. Der Liederabend von Vera Mohrs und Selen Kara hat die Atmosphäre Nürnbergs, die durch ihre Lieder und Geschichten geprägt wird, im Mittelpunkt. 

Es beginnt mit Hermann Kesten, dem heimatlosen Weltbürger, der sich „in keiner Stadt der Welt so zu Hause [fühlt] wie in Nürnberg. Und in keiner Stadt der Welt so fremd.“ Ebenso erzählen die Figuren des „Ehekarussels“, dem Brunnen am Weißen Turm, sowie deren Bildhauer, Jürgen Weber, ihre Geschichten. Dann gibt es noch den Verkäufer des „Straßenkreuzers“, Waldemar Graser, der im U-Bahn-Schacht „Weißer Turm“ unter dem „Ehekarussel“ steht und nebenbei wunderschöne Haikus schreibt. Oder den ehemaligen Schüler des Melanchthon-Gymnasiums, Rio Reiser, der aufmüpfig und später doch so erfolgreich war. Oder Hans Sachs, dessen Gedicht „Das bittersüße eh´lich Leben“ als Inspiration für den bereits erwähnten Brunnen diente. Hans Sachs und seine Beziehung/ Ehe zu Emily scheinen der Aufhänger für alle anderen Lieder und Geschichten zu sein. Sie alle, die realen und fiktiven, die vergangenen und gegenwärtigen Figuren, singen über sich, über Nürnberg und das Leben selbst. Im krassen Kontrast zu den aufwändigen Kostümen der Schauspieler steht das minimalistische Bühnenbild. Ohne viel Ablenkung stehen so nur die Lieder und die Geschichte der einzelnen Akteure im Vordergrund. Besonders erwähnenswert ist, dass jeder mehrere Rollen spielt und die meisten noch verschiedene Instrumente beherrschen. Begleitet von Vera Mohrs, die am Keyboard meistens im Hintergrund steht und dennoch die Schauspieler mit ihrer Musik leitet, wechselt die Stimmung von melancholisch zu albern, von bedrückt zu glücklich.