Die Hamletmaschine – Wildwuchs-Theater Bamberg

von Sebastian Meisel (21. November 2019)



© Denis Meyer


Angekündigt wurde die Aufführung mit den Worten: "Dementsprechend schwer fällt der unmittelbare Zugang zu dem Stück." Nun, hier wurde recht behalten. Aber ist das ein Problem? Kann es sein – muss es aber nicht. Über einen etwas anderen Theaterabend.

Manchmal versagt die Sprache. Nicht, weil es nichts zu berichten gäbe. Oder man sprichwörtlich sprachlos wäre – aus Schock, aus Ekel, aus Erstaunen. Sondern weil sich das, was beschrieben werden soll, den gewohnten Kategorien entzieht. Bespricht man ein Theaterstück, dann kann man sich, selbst wenn man keine eigenen Ideen hat, doch immer an ein paar Strukturen orientieren. Was passiert im ersten, was im zweiten Akt? Wie wird das Bühnenbild benutzt? Ist der so genannte "Rote Faden" durchweg erkennbar?

Wenn zwei nicht reden, dann – ja, was dann?

von Hannah Deininger (6. November 2019)


                                                                     © Konrad Fersterer

Am Samstag, den 02. November 2019, wurde im Staatstheater Nürnberg die Premiere des Stücks Nora von Henrik Ibsen in einer Inszenierung von Andreas Kriegenburg aufgeführt. Vor knapp 140 Jahren schrieb Ibsen über die namensgebende Protagonistin Nora, die erste sich auf der Bühne emanzipierende Frau. Damals war vor allem die Befreiung der Frau aus ihrem engen Rollenbild revolutionär, was mittlerweile weniger unwirklich wirkt. Doch auch heute hat das Stück Nora nichts von seiner Brisanz und Aktualität eingebüßt und findet sich deshalb zurecht auf der Bühne wieder.

Die Geschichte, die Ibsen erzählt, wirkt zunächst recht einfach: Es ist kurz vor Weihnachten, die Eheleute Nora und Torvald Helmer führen ein glückliches Eheleben nach traditioneller Rollenverteilung. Er arbeitet viel und verdient Geld, um die Familie zu versorgen, sie bleibt daheim, hütet die Kinder, sieht dabei hübsch aus und gibt das von ihm verdiente Geld wieder aus. Dieses kleinbürgerliche Glück wird noch perfekter, da Torvald zu Beginn des neuen Jahres eine Stelle als Bankdirektor antreten wird und somit noch mehr verdient. So weit, so gut. Doch natürlich gibt es auch in dieser Geschichte ein Ereignis in der Vergangenheit (welches, wird hier nicht verraten), das nun seinen langen Schatten auf die Familienidylle wirft.

Hier bin ich deutsch, hier darf ich’s sein

von Florian Grobbel (16. Oktober 2019)

© Martin Kaufhold

Es klingt ein wenig dubios, dass in irgendeinem kleinen Haus irgendeiner ruhigen deutschen Wohnsiedlung, wo die Welt noch in Ordnung ist und die Hunde des Nachbarn ihr Geschäft auf dem Rasen verrichten, das eigentliche Oberhaupt unseres Volkes hausen soll: Der Reichskanzler – ein Mann, der die Wahrheit über die betrügerische Firma der Bundesrepublik kennt und das deutsche Volk zur alten Freiheit zurückführen wird. Dass es jene Reichsbürger-Szene wirklich gibt, ist schon irritierend genug, dass sie jetzt Thema auf der Bühne wird, steigert die Verwirrung noch mehr. Mit Der Reichskanzler von Atlantis feierte das ETA Hoffmann Theater Bamberg am 13. Oktober die zweite Premiere dieser Spielzeit.

Jeden Morgen erwacht der Reichskanzler Fürst Burkard aus seinem Nachtschlaf und ist bereit für einen neuen Tag, an dem er mit vollem Stolz das Deutsche Reich verwalten wird. Bekleidet mit der ehrwürdigen Schärpe des Staatsoberhauptes und dem bequemen Polo-Shirt macht er sich an die wichtige Telefonsprechstunde, um alle Fragen des deutschen Volkes zu beantworten. Seltsamerweise legen alle Anrufer sofort auf, als er sich mit „Reichskanzler Fürst Burkard“ meldet.  In seiner Amtsstube, die in der Inszenierung besonders trickreich von Bühnenbildner Nikolaus Fricke gestaltet wurde, gibt es für alles einen Hefter und ein Kläppchen, denn Ordnung muss sein. So besteht der Kaiser auch darauf, dass sein Reichsinnenminister, der viel zu spät zur Konferenz erscheint, seine Schuhe am Eingang auszieht, damit keine Flecken auf den Teppich kommen. Gemeinsam verfassen sie ein Pamphlet, dass dem Wohle des Volkes dienen soll, aber natürlich erst nach der Kaffeepause, denn gerade bringt Fürst Burkards herzensgute Frau Jutta einen frischen Apfelkuchen herein.

Faust 1in2 – ETA Hoffmann Theater 11.10.2019

von Sebastian Meisel (13. Oktober 2019)

                                                                      © Martin Kaufhold

 

Fulminante Premiere oder inhaltslose Wiederholung des immer gleichen Motivs? Uneinig waren die Reaktionen des Premierenpublikums. Aber das hätte nicht sein müssen.

Vorab ist zu sagen, dass man den Mut des ETA Hoffmann Theaters bewundern muss. Den schwierigen, fast hermetischen Stoff des Faust auf die Bühne zu bringen, dazu noch in beiden Teilen, und diesen nicht nur selbst sprechen zu lassen, sondern eine Geschichte daraus zu weben, das verdient höchste Anerkennung. Das verlangt nicht nur vom Ensemble, sondern von allen Beteiligten – den Erstellern des Bühnenbildes, den Lichttechnikern etc. – Höchstleistung ab. Aber gleichzeitig ist diese Inszenierung des Urstoffes der Deutschen auch immer ein Wagnis. Denn wer kennt es nicht, die lähmende Beschäftigung mit diesem Roman im Deutschunterricht? Und wer wagt sich schon freiwillig an den noch komplexeren, noch abgedrehteren Faust II, in denen Lemuren, Mütter und Geister freischwebend ihr Stelldichein geben? Wo kaum noch eine Handlung auszumachen zu sein scheint?

Identitätssuche im Waschsalon

von Tabea Lamberti (07. Oktober 2019)

© Konrad Fersterer

 

Das Nürnberger Staatstheater zeigte am 05.10.2019 Ceren Ercans I love you, Turkey! und beweist, wie Humor und Ernst gelungen Hand in Hand gehen können.
Erstmals beim Internationalen Istanbuler Theaterfestival 2017 vorgeführt, erreicht Ercans Stück nun auch Deutschland und stimmt damit in eine Politdebatte ein, die an Aktualität nicht eingebüßt hat.

"Ausnahmezustand, Aushaltezustand, Ausbadezustand" – Schreiend wird I love you, Turkey! eröffnet und gleichzeitig der Tenor des weiteren Verlaufs angekündigt.