Zwischen Klößen und selbstzerstörerischen Versuchen

von Anna Deerberg und Marina Finster (29. Juni 2016)

 

 

© Werner Lorenz

 

Aktuell, kritisch, bambergerisch. Am 17. Juni feierte das Stück »Jekyll und Hyde« des Theaters im Gärtnerviertel im Innenhof einer ehemaligen Gastwirtschaft seine Premiere und Uraufführung. Die Novelle des schottischen Schriftstellers Robert Louis Stevenson wurde dabei in die heutige Zeit verlegt und greift nicht nur aktuelle, sondern auch lokale Probleme auf.

»Man is not truly one, but two«, begriff schon Stevenson und beschreibt damit Dr. Henry Jekylls Dilemma. Er ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet, forscht mit dem sogenannten Kuschelhormon Oxytocin und verfolgt dabei ein eigentlich ehrenwertes Ziel. Durch den Einsatz des Hormons will er die Menschheit verbessern, er will gute Menschen schaffen und ewige Kriege beenden. Doch dabei vergisst er die andere Seite der Medaille, er nimmt den Menschen ihr wertvollstes Gut – den freien Willen. Doch das erkennt Jekyll (Stephan Bach) längst nicht mehr, blind für Gegenargumente blendet er alle Warnungen aus und verlegt seine Forschung von Ratten auf sich selbst. So beginnt ein Kampf zweier Selbst in ihm.

Soul for Sale

von Marlene Hartmann und Lisa Strauß (18. Juni 2016)

 

© Martin Kaufhold

 

»Wie will ich ohne Seele sündigen?« scheint eine berechtigte Frage vor dem Hintergrund des Faust-Stoffs zu sein. Neu beleuchtet wird dies in Dr. Faustus lights the lights. Die Inszenierung von Remsi Al Khalisi feierte am 17. Juni im Studio des ETA Hoffmann Theaters Premiere.

Es war skurril. Es ist skurril. Es wird skurril – das steht bereits nach den ersten Sekunden fest. Ein Chor der Repetition formt Musik mit Worten. Inmitten erleuchteter kubischer Kulisse wird eine Fliegenjagd zum rhythmisch-dynamischen Dialog zwischen dem Teufel (Katharina Brenner) und Dr. Faustus (Stefan Hartmann), der seine Seele für das elektrische Licht verkaufte: »Was sah ich dich, elender Teufel, und bin übers Ohr gehaut, weil, ich hab' dir vertraut.« Latent präsent, wie die ihn ständig begleitende, nervtötend umhersummende Fliege, schleicht Mephisto durch die Szenerie. Dennoch scheint er in den Hintergrund gerückt – zwischen dadaistisch vorgetragenen Existenzfragen ist kein Platz mehr für den lügend betrügenden Teufel. »Ich bin der Teufel und ihr hört mir nicht zu!«

Bieder war gestern!

von Max Hetzelein und Katharina Stahl (11. Juni 2016)

 

 

© Marion Bührle

 

Den Schweizern gilt es als ihr Nationalepos. Im Dritten Reich wurde es zunächst als »Führerdrama« gepriesen, um schließlich doch verboten zu werden. Schillers Schauspiel Wilhelm Tell kann auf eine lange und bewegte Rezeptionsgeschichte zurückblicken. Das Staatstheater Nürnberg wartet nun mit einer Neuinszenierung auf – voller Bewusstsein um die schwierige Historie des Stücks.

Wilhelm Tell (Daniel Scholz) ist der Inbegriff des unbescholtenen Bürgers. Statt wie seine Freunde gegen die österreichische Besatzung zu rebellieren, zieht er sich in das Familienleben zurück. Er führt eine harmonische Ehe und weckt in seinen Söhnen die Liebe zur einzigartigen Schweizer Natur. Eine ungetrübte Alpenidylle, weit entfernt von den Niederungen der Politik. Bis Tell, unwissentlich, das Gesetz des Landvogts bricht. Weil er es versäumt, seinem Hut die Referenz zu erweisen, zwingt ihn der sadistische Beamte zum berühmten Apfelschuss auf den eigenen Sohn – womit er sich zugleich einen unerbittlichen Feind erschafft. Denn Tell erkennt, dass sich seine Familie niemals in Sicherheit wähnen darf, solange der Landvogt sein Unwesen treibt: »Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.«

Gib mir deine Augen

von Friederike Klett und Lisa Strauß (21. Mai 2016)

 

© Denis Meyer

 

Zwischen zwei und vier Prozent aller vom Menschen getroffenen Entscheidungen resultieren aus dem freien Willen. Wie unterscheiden wir uns also von der ferngesteuerten und programmierten Maschine? Ist unsere Überlegenheit ihr gegenüber wirklich auf einen verschwindend geringen Teil unseres Urteilsvermögens begrenzt? Bilden wir uns ein, unser eigener Herr zu sein, und kommt diese Einbildung aus uns selbst oder sind wir fremdgesteuert? Die Aufklärung stellte sich diese Fragen und musste grandios scheitern. Heute können diese Fragen fortgeführt werden, wie weit, zeigt das WildWuchs Theater mit E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann, inszeniert von Frederic Heisig.

Erwartungsgemäß stolpert ein konsternierter Nathanael auf die Bühne, schaut mit irrem Blick suchend in den Raum, wirkt verloren, bis er den Blätterstapel auf dem Schreibtisch wahrnimmt. Plötzlich beginnt er unablässig zu schreiben. Während er sich immer mehr im Geschriebenen verliert, positionieren sich eine Frau und ein Mann, der eine Puppe im Arm wiegt, daneben. Nathanaels Schreiben euphorisiert sich immer mehr, der Zuschauer vermutet Lothar und Clara auf der Bühne. Die Szene spitzt sich in einem Sprechchor der Personen zu, und bricht letztendlich die Erwartungen durch einen Streit um die Rolle des Nathanaels und um dessen Platz am Schreibtisch.

Comme il faut – Wie es sich gehört.

von Lisa Strauß (19. Mai 2016)

 

© Martin Kaufhold

 

Wie inszeniert man sich innerhalb der Gesellschaft? Welche Rolle nimmt man in der eigenen Familie ein? Lohnt es, sich in das Korsett von Erfolg und gesellschaftlichem Ansehen spannen zu lassen? Thomas Manns Die Buddenbrooks. Verfall einer Familie vereint all diese Fragen. Sibylle Broll-Pape inszeniert John von Düffels Bühnenbearbeitung des Jahrhundertromans und zeigt dabei eindrucksvoll den Niedergang eines Unternehmens, in dem das Kollektiv solange hochgehalten wird, bis es am Einzelnen zerbricht.

Die Inszenierung von Die Buddenbrooks veranschaulicht in atemloser Manier, dass man trotz aller Bemühungen, die Kontrolle zu behalten, am Ende völlig machtlos sein kann.Bereits zu Beginn ist ersichtlich, was während des dreistündigen Theaterabends Programm sein wird: Hanno (Sebastian Schneider), der jüngste Buddenbrook, liest in der Familienchronik und positioniert die Figuren in seinem Puppentheater, vor dem eine Kamera steht: Für die Familie Buddenbrook ist es immens wichtig, dass ihr Ansehen in der Gesellschaft gewahrt bleibt. Wenn sie vor der Außenwelt posiert, muss alles tadellos sein – jedes Familienmitglied spielt seine Rolle und versucht ihr gerecht zu werden.