Gib mir deine Augen

von Friederike Klett und Lisa Strauß (21. Mai 2016)

 

© Denis Meyer

 

Zwischen zwei und vier Prozent aller vom Menschen getroffenen Entscheidungen resultieren aus dem freien Willen. Wie unterscheiden wir uns also von der ferngesteuerten und programmierten Maschine? Ist unsere Überlegenheit ihr gegenüber wirklich auf einen verschwindend geringen Teil unseres Urteilsvermögens begrenzt? Bilden wir uns ein, unser eigener Herr zu sein, und kommt diese Einbildung aus uns selbst oder sind wir fremdgesteuert? Die Aufklärung stellte sich diese Fragen und musste grandios scheitern. Heute können diese Fragen fortgeführt werden, wie weit, zeigt das WildWuchs Theater mit E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann, inszeniert von Frederic Heisig.

Erwartungsgemäß stolpert ein konsternierter Nathanael auf die Bühne, schaut mit irrem Blick suchend in den Raum, wirkt verloren, bis er den Blätterstapel auf dem Schreibtisch wahrnimmt. Plötzlich beginnt er unablässig zu schreiben. Während er sich immer mehr im Geschriebenen verliert, positionieren sich eine Frau und ein Mann, der eine Puppe im Arm wiegt, daneben. Nathanaels Schreiben euphorisiert sich immer mehr, der Zuschauer vermutet Lothar und Clara auf der Bühne. Die Szene spitzt sich in einem Sprechchor der Personen zu, und bricht letztendlich die Erwartungen durch einen Streit um die Rolle des Nathanaels und um dessen Platz am Schreibtisch.

Comme il faut – Wie es sich gehört.

von Lisa Strauß (19. Mai 2016)

 

© Martin Kaufhold

 

Wie inszeniert man sich innerhalb der Gesellschaft? Welche Rolle nimmt man in der eigenen Familie ein? Lohnt es, sich in das Korsett von Erfolg und gesellschaftlichem Ansehen spannen zu lassen? Thomas Manns Die Buddenbrooks. Verfall einer Familie vereint all diese Fragen. Sibylle Broll-Pape inszeniert John von Düffels Bühnenbearbeitung des Jahrhundertromans und zeigt dabei eindrucksvoll den Niedergang eines Unternehmens, in dem das Kollektiv solange hochgehalten wird, bis es am Einzelnen zerbricht.

Die Inszenierung von Die Buddenbrooks veranschaulicht in atemloser Manier, dass man trotz aller Bemühungen, die Kontrolle zu behalten, am Ende völlig machtlos sein kann.Bereits zu Beginn ist ersichtlich, was während des dreistündigen Theaterabends Programm sein wird: Hanno (Sebastian Schneider), der jüngste Buddenbrook, liest in der Familienchronik und positioniert die Figuren in seinem Puppentheater, vor dem eine Kamera steht: Für die Familie Buddenbrook ist es immens wichtig, dass ihr Ansehen in der Gesellschaft gewahrt bleibt. Wenn sie vor der Außenwelt posiert, muss alles tadellos sein – jedes Familienmitglied spielt seine Rolle und versucht ihr gerecht zu werden.

Versuch einer Critischen Kultur vor die Deutschen

von Marlene Hartmann und Svenja Zeitler (2. Mai 2016)

 

© Martin Kaufhold

 

Was ist eigentlich Deutsch? Die Essenz der deutschen Seele scheint nicht greifbar und doch so problematisch vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse. Was zunächst mit mulmigem Gefühl begonnen wurde, konnte die Uraufführung am ETA Hoffmann Theater von Die deutsche Seele – inszeniert von Stefan Otteni – mit einer parodistischen Geschichte der deutschen Kultur in einen unterhaltsamen und gleichzeitig zum Nachdenken anregenden Abend verwandeln.

Es beginnt mit einer Aufforderung aufzustehen, um gemeinsam die deutsche Nationalhymne zu singen. Eine Geste, die in uns eine gewisse Skepsis und Widerwillen hervorbringt. Doch nach dieser Identitätsbezeugung wird das Publikum von einer identitätslosen Germania abgeholt, die vergessen hat, was es heißt, deutsch zu sein. Die Frage, wie man eine Kultur definieren soll, wenn selbst der Inbegriff ihrer Existenz nicht mehr weiß, wofür er steht, schwebt von da an im Raum. Und es beginnt eine Zeitreise durch die Biografie des Phänomens, das wir »deutsche Kultur« nennen.

Sein und Schein

von Lisa Strauß (10. April 2016)

 

 

© Werner Lorenz

 

Selbstdarstellung im Social Network, immer und überall. Daueronline mit dem eigenen Youtube-Channel, aber um welchen Preis? Dass die Identitätsfindung im 21. Jahrhundert unter keinen Umständen im Flugmodus stattfindet und wie daraus dennoch schnell ein Blindflug werden kann, zeigt Like Me, entwickelt vom Ensemble und dem Bamberger Autor Thomas Paulmann. Die Inszenierung von Nina Lorenz veranschaulicht den Alltag von Jugendlichen im permanenten Kreuzfeuer zwischen Sein und Schein.

Isa (Elena Weber), Mello (Olga Seehafer) und Jan (Martin Habermeyer) nehmen Stellung zum ungeklärten Tod einer Mitschülerin. Dabei wechseln sich Erklärungsversuche, Beschwichtigungen und Rückblenden der drei ab. Sie sollen Licht ins Dunkel des tragischen Geschehnisses bringen. Die Erzählungen des Vaters der Toten (Stephan Bach) aus der Retrospektive untermalen dabei greifbar das eigentlich Nicht-Fassbare der Tragödie.

Tragik ist Komik in Spiegelschrift

von Lisa Strauß (4. April 2016)

 

© Martin Kaufhold

 

Wie viel Pflichtbewusstsein gegenüber dem System stecken hinter Ruhm und Ehre, wie lässt sich das mit der Verwirklichung des eigenen Selbst vereinbaren und wie viel Wirklichkeit verträgt ein Traum? Diese Fragen werden in Prinz Friedrich von Homburg  thematisiert. Kleists letztes Drama ist der Inbegriff der Ambiguität – in der Inszenierung von Robert Gerloff werden am ETA Hoffmann Theater Altbewährtes und Innovatives in gelungener Weise miteinander verflochten.

Ein Jugendzimmer im 70er-Jahre-Stil, Poster, eine Lavalampe, ein Matratzenlager, eine Küchenzeile. Ein junger Mann (Katharina Rehn) im weißen Reiterdress mit schwarzen Stiefeln schiebt einen Lorbeerkranz in den Backofen, der zu kokeln beginnt, Rauch steigt auf. Special Effects dieser Art durchziehen das gesamte Stück, es ist ein Konglomerat verschiedener Anspielungen aus der Film- und Fernsehszene. Kapitelüberschriften werden abwechselnd mit Zitaten von Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Heinrich Heine eingeblendet, die das Bühnengeschehen unterstützend kommentieren.