Versuch einer Critischen Kultur vor die Deutschen

von Marlene Hartmann und Svenja Zeitler (2. Mai 2016)

 

© Martin Kaufhold

 

Was ist eigentlich Deutsch? Die Essenz der deutschen Seele scheint nicht greifbar und doch so problematisch vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse. Was zunächst mit mulmigem Gefühl begonnen wurde, konnte die Uraufführung am ETA Hoffmann Theater von Die deutsche Seele – inszeniert von Stefan Otteni – mit einer parodistischen Geschichte der deutschen Kultur in einen unterhaltsamen und gleichzeitig zum Nachdenken anregenden Abend verwandeln.

Es beginnt mit einer Aufforderung aufzustehen, um gemeinsam die deutsche Nationalhymne zu singen. Eine Geste, die in uns eine gewisse Skepsis und Widerwillen hervorbringt. Doch nach dieser Identitätsbezeugung wird das Publikum von einer identitätslosen Germania abgeholt, die vergessen hat, was es heißt, deutsch zu sein. Die Frage, wie man eine Kultur definieren soll, wenn selbst der Inbegriff ihrer Existenz nicht mehr weiß, wofür er steht, schwebt von da an im Raum. Und es beginnt eine Zeitreise durch die Biografie des Phänomens, das wir »deutsche Kultur« nennen.

Sein und Schein

von Lisa Strauß (10. April 2016)

 

 

© Werner Lorenz

 

Selbstdarstellung im Social Network, immer und überall. Daueronline mit dem eigenen Youtube-Channel, aber um welchen Preis? Dass die Identitätsfindung im 21. Jahrhundert unter keinen Umständen im Flugmodus stattfindet und wie daraus dennoch schnell ein Blindflug werden kann, zeigt Like Me, entwickelt vom Ensemble und dem Bamberger Autor Thomas Paulmann. Die Inszenierung von Nina Lorenz veranschaulicht den Alltag von Jugendlichen im permanenten Kreuzfeuer zwischen Sein und Schein.

Isa (Elena Weber), Mello (Olga Seehafer) und Jan (Martin Habermeyer) nehmen Stellung zum ungeklärten Tod einer Mitschülerin. Dabei wechseln sich Erklärungsversuche, Beschwichtigungen und Rückblenden der drei ab. Sie sollen Licht ins Dunkel des tragischen Geschehnisses bringen. Die Erzählungen des Vaters der Toten (Stephan Bach) aus der Retrospektive untermalen dabei greifbar das eigentlich Nicht-Fassbare der Tragödie.

Tragik ist Komik in Spiegelschrift

von Lisa Strauß (4. April 2016)

 

© Martin Kaufhold

 

Wie viel Pflichtbewusstsein gegenüber dem System stecken hinter Ruhm und Ehre, wie lässt sich das mit der Verwirklichung des eigenen Selbst vereinbaren und wie viel Wirklichkeit verträgt ein Traum? Diese Fragen werden in Prinz Friedrich von Homburg  thematisiert. Kleists letztes Drama ist der Inbegriff der Ambiguität – in der Inszenierung von Robert Gerloff werden am ETA Hoffmann Theater Altbewährtes und Innovatives in gelungener Weise miteinander verflochten.

Ein Jugendzimmer im 70er-Jahre-Stil, Poster, eine Lavalampe, ein Matratzenlager, eine Küchenzeile. Ein junger Mann (Katharina Rehn) im weißen Reiterdress mit schwarzen Stiefeln schiebt einen Lorbeerkranz in den Backofen, der zu kokeln beginnt, Rauch steigt auf. Special Effects dieser Art durchziehen das gesamte Stück, es ist ein Konglomerat verschiedener Anspielungen aus der Film- und Fernsehszene. Kapitelüberschriften werden abwechselnd mit Zitaten von Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Heinrich Heine eingeblendet, die das Bühnengeschehen unterstützend kommentieren.

Die Bühne der lebenden Toten

von Verena Bauer (24. März 2016)

 

Es ist erstaunlich, wie Nora Gomringer innerhalb von Sekunden die Aufmerksamkeit des gesamten – und nicht zu knapp gefüllten – Saales des ETA Hoffmann Theaters einfängt. Mit einem gewagten Mix aus gesprochenem und gesungenem Text eröffnet sie atmosphärisch den Dead or Alive Poetry Slam, »die lebhafteste Form des Slams«, wie die Lyrikerin augenzwinkernd ihre Anrede schließt.

Dead or Alive Poetry Slam – das heißt, vier Slammer treten gegen vier tote, von Schauspielern des Theaterensembles verkörperte Dichter an. Die Spannung steigt, während Christian Ritter und Nora Gomringer die Bewertungsschilder ans Publikum verteilen und die Tafeln vorbereiten, von denen später die vom Publikum an die Darbieter vergebenen Punkte prangen werden. Endlich ist es so weit, der Showdown ist eröffnet…

Alles nur Theater oder The Show Must Go On

von Lisa Strauß (16. März 2016)

 

© Denis Meyer

 

Alles nur Theater oder sind es tatsächlich die Bretter, die die Welt bedeuten? Dieser Dualismus ist Gegenstand des Theaterstücks Aufschrei. Oder das Zwei-Personen-Stück von Tennessee Williams. Es geht um Existenzialismus: Ums Eingesperrt sein, um Heimatlosigkeit und um (überspielte) Angst. Das WildWuchs Theater bringt den Stoff in einer Inszenierung von Susanne Bauernfeind auf die Bühne.

Es ist dunkel, Felice (Daniel Reichelt) stolpert auf die Bühne, macht die Scheinwerfer an und justiert akribisch das Bühnenbild. Die Anzahl der Requisiten ist überschaubar und besteht aus zwei schwarz-neongrün-gestreiften Stühlen, die nebeneinander stehen, einem Xylophon (das ein improvisiertes Klavier darstellen soll) und einem »Seifenwasser mit nur einem Strohhalm«.