Meister Hoffmanns Fliegender Zirkus: Eine Bamberger Groteske

von Marlene Hartmann und Katharina Stahl (29. Januar 2016)

 

© Martin Kaufhold

 

Zu Bamberg werden, einmal mehr, die Elixiere des Teufels gebraut. Dem ETA Hoffmann Theater gelingt mit der modernen Inszenierung eine zeitgemäße Neuauflage des Grusel-Klassikers – und eine genüssliche Absage an Normen, Erwartungen und die ewige Frage nach der Sinnhaftigkeit der Welt.

Vom Prior bis zur Mutter Oberin sind sich alle einig: Auf den jungen Mönch Medardus wartet eine glänzende theologische Laufbahn. Demütig, verantwortungsbewusst und mit einem herausragenden Rednertalent gesegnet steigt er schnell zur rechten Hand des Priors auf. Doch die Versuchung lauert schon darauf, ihn auf dem eingeschlagenen Lebensweg zum Straucheln zu bringen. Berauscht von seinen herausragenden Erzählkünsten und der aufkeimenden Liebe zur schönen Aurelie macht er sich hinter den strengen Klostermauern unmöglich. Gleichsam als Ablass für seine Verfehlungen begibt er sich auf diplomatische Mission Richtung Italien. Doch mit dieser Entscheidung nehmen die Probleme erst ihren Anfang – denn sein Weg erweist sich als buchstäblich mit Leichen gepflastert.

221b Bamberg

von Lisa Strauß und Katharina Stahl (17. Dezember 2015)

  

© Spielwerk Bamberg und Philm Film

 

Sherlock Holmes und die Hexe von Bamberg von Uli Spies beginnt wie ein Blockbuster: Bamberg um 1646, zur Zeit der Hexenverbrennung, Bilder des grausamen Prozedere werden auf einer Leinwand gezeigt – Es ist Nacht, man erkennt Fackeln, Männer zerren eine Frau aus ihrem Haus, irgendwo aus dem Off die Stimme eines Mädchens: »Mama?« Zu spät – Johanna von Ulrichstein wird öffentlich verbrannt – Schnitt...

…ungefähr 250 Jahre später: Sherlock Holmes (Johannes Burger) und Dr. John Watson (Paul Möhlmann) sitzen sich schachspielend im Zug gegenüber, soweit nichts Neues. Doch sie befinden sich auf dem Weg nach Bayreuth, was zunächst seltsam anmutet, sich aber schnell klärt: Dort werden die Wagner-Festspiele zum Besten gegeben, die sich ein eingefleischter Fan selbstredend nicht entgehen lassen kann. Quartier bezieht das Ermittlerteam allerdings notgedrungen im beschaulichen Bamberg, wo noch nicht alle Betten von Wagnersympathisanten belegt sind.

»Erst die Pflicht und dann die Liebe«

von Tessa Friedrich und Dominik Achtermeier (11. Dezember 2015)

 

© Martin Kaufhold

 

Die Welt der Kleinstadt Krähwinkel ist zugleich quietschbunt, kleinkariert und spießig. Regisseurin Isabel Osthues inszenierte das gleichnamige Stück als farbenfrohe Persiflage, die kleinstädterische Lebenshaltungen überspitzt und mit viel Witz aufs Korn nimmt. Und was bildet das Spießbürgertum zusätzlich besser ab als gelegentliche Schlager-Einlagen?

Die Sonne geht auf. Die Bürger kommen verschlafen, aber tadellos gekleidet aus ihren Häusern. Es wird sich der neueste Klatsch und Tratsch erzählt, der Bürgermeister bewundert sein Städtchen, man geht wieder zu Bett. Und wieder geht die Sonne auf und unter. Der Tagesablauf in der Kleinstadt Krähwinkel ist stets derselbe, doch niemand scheint sich an dieser Routine zu stören. Niemand, bis auf Sabine (Anna Döing), die Tochter des Bürgermeisters (Volker Ringe). Sie sehnt sich nach Freiheit, nach einem Leben in einer Gesellschaft, die ihr nicht andauernd vorschreibt, was sie zu tun und zu lassen hat – wie in Berlin, die Großstadt schlechthin, in der sie schon einmal für kurze Zeit leben durfte. Und in der sie sich auch verliebte.

Ist man zusammen weniger allein?

von Lisa Strauß (1. Dezember 2015)

 

© Werner Lorenz

 

Geheiratet, Karriereleiter erklommen, wohnhaft in einem Häuschen im Grünen: Check! Das Leben wie es sein soll. Oder? Lässt sich die Bilanz eines Lebens auf solch einen einfachen Nenner bringen? Die Unzertrennlichen von Thomas Paulmann, in der Inszenierung von Nina Lorenz, stellt eindrucksvoll nicht nur die Soll- und Habenseite in Frage, sondern widmet sich, von der ersten Minute an, vor allem dem Unberechenbaren.

Wenn man nicht wüsste, dass man sich in der KLAngwerkstatt im Publikum einer Theaterpremiere befindet, könnte man denken, man ist eingeladen, bei guten alten Freunden: Zum Kaffeeklatsch im Wohnzimmer von Honigschnäuzchen und Mucki, alias Marina (Olga Seehafer) und Günther (Thomas Paulmann). Roter, flauschiger Teppichboden, Stühle, ein Vogelkäfig, der das unzertrennliche Papageienpärchen Puschel und Kuschel beheimatet. Auch das obligatorische Weihnachtsbäumchen darf natürlich nicht fehlen, behangen mit blauen und lila Kugeln. Vervollständigt wird das Idyll durch den Schlager Marina, enthusiastisch vorgetragen von den beiden Protagonisten und einem Gitarrenspieler (Jakob Fischer). Jeder Ton sitzt, doch gerade diese Perfektion wirkt irgendwie aufgesetzt. Ein Gefühl das auch nach Beendigung der Songeinlage bestehen bleibt: Günther baut das Gästeklappbett auf, während Marina um das Wohlergehen ihrer Besucher bemüht ist. Als »Gast« im Publikum hat man das Gefühl, dass da etwas nicht stimmt – das vehemente Bemühen um freundliche Höflichkeit wirkt überspannt und beklemmend.

»Will things ever be the same again?«

von Tessa Friedrich (30. November 2015) 

 

© Martin Kaufhold

 

Atmosphärisch, beklemmend, direkt. Am 27. November feierte die Inszenierung von Sibylle Bergs Viel gut essen Premiere am ETA Hoffmann Theater. Regisseur Niklas Ritter erschuf Bilder, die beweisen, dass Theater in keinster Weise alt und verstaubt ist, sondern eine unwahrscheinliche Kraft besitzt.

»Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!«, ist seine Devise. Mitten in der Midlife-Crisis ist der Protagonist von Viel gut essen an einem Punkt angelangt, an dem er seinen Frust nicht mehr in sich halten kann. »Ich kann von mir behaupten, alles richtig gemacht zu haben.« – letztendlich verliert er aber doch alles, woran er seine mittelständische Identität fest macht. Seine Frau verlässt ihn mit dem Wunsch nach Selbstverwirklichung, sein Sohn entfernt sich immer mehr von ihm, er verliert seinen Job, seine Wohnung wird ihm gekündigt. Schuld daran: die Anderen. Ausländer, Homosexuelle, politisch Korrekte. In einer endlos langen Schimpftirade stellt er sich an den Herd, lässt seinem Ärger freien Lauf und kocht. Denn das ist einzige, was in seinem Leben noch konstant ist.