»Erst die Pflicht und dann die Liebe«

von Tessa Friedrich und Dominik Achtermeier (11. Dezember 2015)

 

© Martin Kaufhold

 

Die Welt der Kleinstadt Krähwinkel ist zugleich quietschbunt, kleinkariert und spießig. Regisseurin Isabel Osthues inszenierte das gleichnamige Stück als farbenfrohe Persiflage, die kleinstädterische Lebenshaltungen überspitzt und mit viel Witz aufs Korn nimmt. Und was bildet das Spießbürgertum zusätzlich besser ab als gelegentliche Schlager-Einlagen?

Die Sonne geht auf. Die Bürger kommen verschlafen, aber tadellos gekleidet aus ihren Häusern. Es wird sich der neueste Klatsch und Tratsch erzählt, der Bürgermeister bewundert sein Städtchen, man geht wieder zu Bett. Und wieder geht die Sonne auf und unter. Der Tagesablauf in der Kleinstadt Krähwinkel ist stets derselbe, doch niemand scheint sich an dieser Routine zu stören. Niemand, bis auf Sabine (Anna Döing), die Tochter des Bürgermeisters (Volker Ringe). Sie sehnt sich nach Freiheit, nach einem Leben in einer Gesellschaft, die ihr nicht andauernd vorschreibt, was sie zu tun und zu lassen hat – wie in Berlin, die Großstadt schlechthin, in der sie schon einmal für kurze Zeit leben durfte. Und in der sie sich auch verliebte.

Ist man zusammen weniger allein?

von Lisa Strauß (1. Dezember 2015)

 

© Werner Lorenz

 

Geheiratet, Karriereleiter erklommen, wohnhaft in einem Häuschen im Grünen: Check! Das Leben wie es sein soll. Oder? Lässt sich die Bilanz eines Lebens auf solch einen einfachen Nenner bringen? Die Unzertrennlichen von Thomas Paulmann, in der Inszenierung von Nina Lorenz, stellt eindrucksvoll nicht nur die Soll- und Habenseite in Frage, sondern widmet sich, von der ersten Minute an, vor allem dem Unberechenbaren.

Wenn man nicht wüsste, dass man sich in der KLAngwerkstatt im Publikum einer Theaterpremiere befindet, könnte man denken, man ist eingeladen, bei guten alten Freunden: Zum Kaffeeklatsch im Wohnzimmer von Honigschnäuzchen und Mucki, alias Marina (Olga Seehafer) und Günther (Thomas Paulmann). Roter, flauschiger Teppichboden, Stühle, ein Vogelkäfig, der das unzertrennliche Papageienpärchen Puschel und Kuschel beheimatet. Auch das obligatorische Weihnachtsbäumchen darf natürlich nicht fehlen, behangen mit blauen und lila Kugeln. Vervollständigt wird das Idyll durch den Schlager Marina, enthusiastisch vorgetragen von den beiden Protagonisten und einem Gitarrenspieler (Jakob Fischer). Jeder Ton sitzt, doch gerade diese Perfektion wirkt irgendwie aufgesetzt. Ein Gefühl das auch nach Beendigung der Songeinlage bestehen bleibt: Günther baut das Gästeklappbett auf, während Marina um das Wohlergehen ihrer Besucher bemüht ist. Als »Gast« im Publikum hat man das Gefühl, dass da etwas nicht stimmt – das vehemente Bemühen um freundliche Höflichkeit wirkt überspannt und beklemmend.

»Will things ever be the same again?«

von Tessa Friedrich (30. November 2015) 

 

© Martin Kaufhold

 

Atmosphärisch, beklemmend, direkt. Am 27. November feierte die Inszenierung von Sibylle Bergs Viel gut essen Premiere am ETA Hoffmann Theater. Regisseur Niklas Ritter erschuf Bilder, die beweisen, dass Theater in keinster Weise alt und verstaubt ist, sondern eine unwahrscheinliche Kraft besitzt.

»Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!«, ist seine Devise. Mitten in der Midlife-Crisis ist der Protagonist von Viel gut essen an einem Punkt angelangt, an dem er seinen Frust nicht mehr in sich halten kann. »Ich kann von mir behaupten, alles richtig gemacht zu haben.« – letztendlich verliert er aber doch alles, woran er seine mittelständische Identität fest macht. Seine Frau verlässt ihn mit dem Wunsch nach Selbstverwirklichung, sein Sohn entfernt sich immer mehr von ihm, er verliert seinen Job, seine Wohnung wird ihm gekündigt. Schuld daran: die Anderen. Ausländer, Homosexuelle, politisch Korrekte. In einer endlos langen Schimpftirade stellt er sich an den Herd, lässt seinem Ärger freien Lauf und kocht. Denn das ist einzige, was in seinem Leben noch konstant ist.

Scènes de la vie de bohème in Nürnberg

von Alena Verrel (25 November 2015)

 

© Jutta Missbach

 

Samstagabend, 19:30. Die Premiere von La Bohème in Nürnberg beginnt verhältnismäßig ruhig.

Als nicht mehr ganz so junge, jedoch noch durchaus als Studentin erkennbare Frau falle ich im Ambiente und unter den vielen wohlgekleideten Menschen um mich herum schon fast auf. Egal. Die von Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka inszenierte Oper von Puccini im Schauspielhaus fängt mich wieder auf. Ganz im Sinne der Geschichte ist auch das Bühnenbild (auch Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka) wenig glamourös – passend im leicht verranzten Künstlertums des Rodolfo (Ilker Arcayürek).

Pontypool ist überall

von Marlene Hartmann und Katharina Stahl (19. November 2015)

 

© Denis Meyer

 

Das Leben ist alles andere als gerecht zu Grant Mazzy. Einst ein im ganzen Land gefeierter Radiomoderator, ist ihm nur noch die Morning Show des Provinzstädtchens Pontypool geblieben. Gemäß seinem Motto »Wir machen keine Gefangenen« verschreckt er die genügsamen Kleinstädter jeden Morgen aufs Neue mit seinem beißenden Zynismus – zum wachsenden Unmut seines Teams. Seine Karriere steht erneut auf der Kippe, doch dann geschieht das völlig Unvorhersehbare: Pontypool wird plötzlich zum Mittelpunkt des Weltgeschehens. In der örtlichen Klinik bricht ein gewaltsamer Aufstand aus, der immer größere Kreise zieht – und keinerlei Rücksicht auf Menschenleben nimmt. Selbst bald von jedweden Informationen abgeschnitten, halten allein Mazzy und sein Team den Kontakt zur Bevölkerung. Und nur sie haben eine Chance, Pontypool zu retten.