Go big or go home

von Alena Verrel (20. Oktober 2015)

 

© Martin Kaufhold 

 

Der Weg zur Premiere der Nibelungen 1&2 am mit neuer Intendantin versehenem E.T.A.-Hoffmann-Theater am 17. Oktober war grau und verregnet.

Man fühlte sich direkt auf den Stoff eingestimmt und wurde nicht enttäuscht. Die Inszenierung unter der Regie von Sibylle Broll-Pape gab dem Stück von Friedrich Hebbel eine wunderbar dunkle Atmosphäre. Das klar strukturierte Bühnenbild von Rainer Sinell wurde hervorragend direkt zu Beginn mit den holografischen Videos von Peer Engelbracht und Stephan Komitsch untermalt. Ein beeindruckender Beginn.

Von Krawatten, Bleistiftröcken und Reißzähnen

von Tessa Friedrich (11. Oktober 2015)

 

© Werner Lorenz

 

Der Kampf um den Erfolg. Rücksichtslosigkeit, Egoismus, Intrigen. In Roland Schimmelpfennigs Stück Push Up 1-3, mit dem das Theater im Gärtnerviertel am 7. Oktober seine neue Spielzeit eröffnete, ist den Angestellten eines aufstrebenden Konzerns alles recht, um an die Spitze zu kommen. Belüge die Anderen, belüge dich notfalls selbst – »wer stehen bleibt, wird überholt.«

Episodenhaft schildert Push Up 1-3 den harten Konkurrenzkampf zwischen sechs Charakteren, die alle nur eins wollen: eine Versetzung mit Führungsposten nach Delhi, um ihre persönlichen Karrieren nach vorne und sich selbst an die Spitze zu bringen. Angelika (Ursula Gumbsch), verbitterte Frau des Chefs, die junge und sehr erfolgreiche Sabine (Heidi Lehnert), der ältere, aber fitnessverrückte Hans (Benjamin Bochmann), Frank (Martin Habermeyer), der sowohl psychisch als auch physisch in einer persönlichen Krise steckt, und die Büroaffäre Patrizia (Heidi Lehnert) und Robert (Stephan Bach). Getrieben von denselben Motiven und Ängsten bekämpfen sie sich gegenseitig, bis die Büros zu verbalen Schlachtfeldern werden. Über all dem schwebt der Chef des Konzerns, Kramer, der selbst nie auftritt, aber dennoch durchgehend präsent ist, denn nur ihm allein ordnen sich die Angestellten unter.

Status: ungeklärt.

von Laura Ott (26. Juli 2015)

 

© Dirk Müller

Am 12. Juli wurden im E.T.A.-Hoffmann-Theater die »Asyldialoge« aufgeführt.

Die Idee hatte die Berliner Bühne für Menschenrechte. Nach den »Asylmonologen« jetzt die »Asyldialoge«. Das Konzept ist gut: Aus einer Reihe Interviews mit Flüchtlingen aber auch Nicht-Flüchtlingen, die irgendwie in Kontakt stehen – also im Dialog, und das ist wichtig – haben sich drei Geschichten herauskristallisiert. Diese wurden fürs Theater gekürzt, verdichtet, aber – und das ist auch ganz wichtig, so Michael Ruf, Autor und Regisseur bei der Bühne für Menschenrechte – nichts ist dazu erfunden. Das geniale an der Idee: Das Theaterstück ist so konzipiert, dass es erstens auf jeder Bühne aufgeführt werden kann, denn außer dem Text brauchen die Schauspieler keine Requisiten und dass er zweitens an das jeweilige Ensemble, in diesem Fall das E.T.A.-Hoffmann-Theater, weitergegeben wird. Somit muss kein Bühnenarrangement von Theater zu Theater gekarrt werden und in Deutschland gibt es mittlerweile 250 Schauspieler, die an den »Asyldialogen« beteiligt sind.

Liebe ist nicht leise

von Lisa Strauß (23. Juli 2015)

© Gerhard Schlötzer

Wie weit ist man bereit für die Liebe zu gehen? Wofür entscheidet man sich, wenn die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen? Was macht die eigene Persönlichkeit aus, unter welchen Umständen überwindet man seine Laster und was hat man letztendlich davon? Damit wäre in Kürze umrissen, was in der Premiere der Zauberflöteim Rahmen der Bamberger Sommeroper am vergangenen Montag geboten wurde.

Mozarts Zauberflöte, eine Oper in zwei Akten – angenehm freudige Spannung bereits schon beim Stimmen der Instrumente: Wie hatte die Regisseurin Doris Sophia Heinrichsen Mozarts erfolgreiche Oper wohl umgesetzt? Es geht los, der Dirigent (Till Fabian Weser) betritt den Orchestergraben: die Ouvertüre beginnt, der Vorhang hebt sich, auf der Bühne zeigt sich die Kulisse einer Bibliothek. Dort sitzen Tamino (Timo Schabel)  in Jeans, Sneakers, seinen Pullover trägt er lässig über der Schulter und ein Mädchen in einem weißen Kleid – sie lesen. Hinter einer Fensterfront sind transparent drei Gestalten zu erkennen, die nacheinander verschwinden. Plötzlich erscheint auf einer Leinwand ein riesiges gelbes Auge, das wohl einem Reptil zuzuordnen ist. Der junge, eben noch entspannt lesende Mann wird panisch, flüchtet, fleht die Götter singend um die Rettung vor der Schlange an, die ihn verfolgt, und wird bewusstlos. Ist einem die Handlung der Zauberflöte geläufig, kann das Bühnenbild der ersten Szene zunächst verwirren. So hatte ich beispielsweise eine waldähnliche Kulisse erwartet. Während der Verfolgungsszene wird ein Ortswechsel durch eine grün gefärbte Trennwand angedeutet. Das Bühnenbild, gestaltet von Jens Hübner, ist dennoch (oder gerade deswegen) gelungen, denn: der schützende Raum inmitten der Bücher stellt den idealen Kontrast zur Außenwelt dar, in welcher der Held zahlreichen Gefahren ausgeliefert ist. Gekonnt wird die Bühne mit einfachen, aber wirkungsvollen Effekten an die jeweilige Szenerie angepasst. Mir fällt in dieser Inszenierung der vermehrte Einsatz von Dialogen anstelle des Rezitativs auf, was für ihren modernen Charakter spricht, der von der Kostümauswahl unterstrichen wird.

Kaba und Liebe. Ein Trauerspiel

von Niklas Schmitt (5. Juli 2015)

 

© Thomas Bachmann

Nach 26 Jahren verlässt der Intendant Rainer Lewandowski das E.T.A.-Hoffmann-Theater in Bamberg. Die letzte Note, die er setzt, ist das von ihm selbst geschriebene Stück Robyn Hod, das am vergangenen Samstag die Calderón-Festspiele eröffnet hat.

Die Qualität eines Kunstwerks kann nur daran bemessen werden, welchen Anspruch es an sich selbst stellt. Der vergangene 4. Juli wollte ein Sommertag sein und schaffte das auch ziemlich gut. Alles, wozu ich die meiste Zeit in der Lage war, war von einem Ventilator beschienen auf dem Bett zu liegen, alte Robin Hood-Verfilmungen zu gucken und zu versuchen, mich nicht unnötig viel zu bewegen. Der Weißwein im Kühlschrank war eine Meile entfernt und kein verdammter Mitbewohner erreichbar, der mir ein Gläschen ans Bett bringen wollte. Sonne? Hinter den Jalousien versteckt. Der Radiowecker war das Einzige, an dem ich meine Befindlichkeit im Tag orientieren konnte. Gegen halb acht machte ich mich dann auf den Weg zur Alten Hofhaltung, wo an besagtem Abend die Premiere der Calderón-Festspiele stattfand. Gegeben wurde Robyn Hod (sprich: Robin Hot), vom scheidenden Bamberger Intendanten Rainer Lewandowski geschrieben, von Georg Mittendrein inszeniert. Zugegeben, ich hatte es mir anders vorgestellt, aber mal aus dem Haus zu müssen und den Kreislauf in Schwung zu bringen, hielt ich auf dem Weg zum Domberg dann doch für eine gute Idee. Der Schweiß auf meinen Unterarmen wurde von der langsam aufkommenden Abendluft angekühlt, die Sonne war auf dem Weg, sich hinter der ein oder anderen aufziehenden Wolke zu verziehen oder verziehen zu lassen und sogar meine reizende Begleitung war pünktlich. Heureka, dachte ich, das wird ein guter Abend. Zumal ich seit jeher ein gewisses Faible für den rebellischen Waldbewohner von Sherwood Forest gehegt hatte. Den Reichen nehmen, den Armen geben. Sozialromantik für Geringverdiener mit revolutionärem Anstrich. Die Zeitung mit dem Griechenland-Special habe ich nicht geschafft zu lesen, lag zu weit weg.