Liebe ist nicht leise

von Lisa Strauß (23. Juli 2015)

© Gerhard Schlötzer

Wie weit ist man bereit für die Liebe zu gehen? Wofür entscheidet man sich, wenn die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen? Was macht die eigene Persönlichkeit aus, unter welchen Umständen überwindet man seine Laster und was hat man letztendlich davon? Damit wäre in Kürze umrissen, was in der Premiere der Zauberflöteim Rahmen der Bamberger Sommeroper am vergangenen Montag geboten wurde.

Mozarts Zauberflöte, eine Oper in zwei Akten – angenehm freudige Spannung bereits schon beim Stimmen der Instrumente: Wie hatte die Regisseurin Doris Sophia Heinrichsen Mozarts erfolgreiche Oper wohl umgesetzt? Es geht los, der Dirigent (Till Fabian Weser) betritt den Orchestergraben: die Ouvertüre beginnt, der Vorhang hebt sich, auf der Bühne zeigt sich die Kulisse einer Bibliothek. Dort sitzen Tamino (Timo Schabel)  in Jeans, Sneakers, seinen Pullover trägt er lässig über der Schulter und ein Mädchen in einem weißen Kleid – sie lesen. Hinter einer Fensterfront sind transparent drei Gestalten zu erkennen, die nacheinander verschwinden. Plötzlich erscheint auf einer Leinwand ein riesiges gelbes Auge, das wohl einem Reptil zuzuordnen ist. Der junge, eben noch entspannt lesende Mann wird panisch, flüchtet, fleht die Götter singend um die Rettung vor der Schlange an, die ihn verfolgt, und wird bewusstlos. Ist einem die Handlung der Zauberflöte geläufig, kann das Bühnenbild der ersten Szene zunächst verwirren. So hatte ich beispielsweise eine waldähnliche Kulisse erwartet. Während der Verfolgungsszene wird ein Ortswechsel durch eine grün gefärbte Trennwand angedeutet. Das Bühnenbild, gestaltet von Jens Hübner, ist dennoch (oder gerade deswegen) gelungen, denn: der schützende Raum inmitten der Bücher stellt den idealen Kontrast zur Außenwelt dar, in welcher der Held zahlreichen Gefahren ausgeliefert ist. Gekonnt wird die Bühne mit einfachen, aber wirkungsvollen Effekten an die jeweilige Szenerie angepasst. Mir fällt in dieser Inszenierung der vermehrte Einsatz von Dialogen anstelle des Rezitativs auf, was für ihren modernen Charakter spricht, der von der Kostümauswahl unterstrichen wird.

Kaba und Liebe. Ein Trauerspiel

von Niklas Schmitt (5. Juli 2015)

 

© Thomas Bachmann

Nach 26 Jahren verlässt der Intendant Rainer Lewandowski das E.T.A.-Hoffmann-Theater in Bamberg. Die letzte Note, die er setzt, ist das von ihm selbst geschriebene Stück Robyn Hod, das am vergangenen Samstag die Calderón-Festspiele eröffnet hat.

Die Qualität eines Kunstwerks kann nur daran bemessen werden, welchen Anspruch es an sich selbst stellt. Der vergangene 4. Juli wollte ein Sommertag sein und schaffte das auch ziemlich gut. Alles, wozu ich die meiste Zeit in der Lage war, war von einem Ventilator beschienen auf dem Bett zu liegen, alte Robin Hood-Verfilmungen zu gucken und zu versuchen, mich nicht unnötig viel zu bewegen. Der Weißwein im Kühlschrank war eine Meile entfernt und kein verdammter Mitbewohner erreichbar, der mir ein Gläschen ans Bett bringen wollte. Sonne? Hinter den Jalousien versteckt. Der Radiowecker war das Einzige, an dem ich meine Befindlichkeit im Tag orientieren konnte. Gegen halb acht machte ich mich dann auf den Weg zur Alten Hofhaltung, wo an besagtem Abend die Premiere der Calderón-Festspiele stattfand. Gegeben wurde Robyn Hod (sprich: Robin Hot), vom scheidenden Bamberger Intendanten Rainer Lewandowski geschrieben, von Georg Mittendrein inszeniert. Zugegeben, ich hatte es mir anders vorgestellt, aber mal aus dem Haus zu müssen und den Kreislauf in Schwung zu bringen, hielt ich auf dem Weg zum Domberg dann doch für eine gute Idee. Der Schweiß auf meinen Unterarmen wurde von der langsam aufkommenden Abendluft angekühlt, die Sonne war auf dem Weg, sich hinter der ein oder anderen aufziehenden Wolke zu verziehen oder verziehen zu lassen und sogar meine reizende Begleitung war pünktlich. Heureka, dachte ich, das wird ein guter Abend. Zumal ich seit jeher ein gewisses Faible für den rebellischen Waldbewohner von Sherwood Forest gehegt hatte. Den Reichen nehmen, den Armen geben. Sozialromantik für Geringverdiener mit revolutionärem Anstrich. Die Zeitung mit dem Griechenland-Special habe ich nicht geschafft zu lesen, lag zu weit weg.

Was der Bauer nicht kennt

von Felix Gerhard (22. Juni 2015)

 

© Werner Lorenz

»Da sich niemand mehr seines Trübsinns schämt, bleibt es die Aufgabe meiner Generation, die Fröhlichkeit in die Straßen zu tragen, jetzt und an jedem Tag des kommenden Jahres.« Wer hat das gesagt? Jedenfalls hat sich kaum jemand mehr an diesen Leitspruch gehalten als Giacomo Casanova, dessen Leben letzten Donnerstag zum ersten Mal im Theater im Gärtnerviertel auf die Bühne gebracht wurde.

Man muss sich Casanova als glücklichen Menschen vorstellen. Und wie viele glückliche Menschen ist er, was man oft nicht glauben will, Melancholiker. Seine Mutter verließ ihn früh und um diesen Schmerz zu verwinden, liebt er, oder versucht zu lieben, alle Frauen, zumindest aber so viele wie möglich. Hat er die eine, will er die andere, diese oder jene. Im Grunde rennt er aber nur der einzigen hinterher, die seine Seele rühren konnte. Davon spricht er natürlich ungern, viel lieber stellt er sich ein wenig als moderne Christusfigur dar, sich selbst für das Glück anderer opfernd. Von den einen wegen seiner Taten als gotteslästerlich verschrien, von den anderen bald für das Erschaffen eines neuen Gottes gepriesen. Dieser neue Gott ist Sex. Und ähnlich wie den Sohn der Maria hat man ihn gründlich missverstanden. Denn Casanova war mehr als nur ein Lebemann und Schwerenöter.

Mein erster Experimentierkasten »Gehirn«

von Kevin Dühr (18. Juni 2015)  

 

© Denis Meyer

Jetzt neu! Der Experimentierkasten »Gehirn« mit echter Tiefenpsychologie und vielen Extras zum Triebverhalten. Am vergangenen Dienstag war die Premiere von Lukas Bärfuss' Amygdala des WildWuchs Theaters Bamberg zu sehen. Die Inszenierung versucht dem Chaos in unseren Köpfen gerecht zu werden und bietet dem Stück entsprechend zwar keine Lösung für das Dilemma des menschlichen Versagens, gibt aber einen schwindelerregenden Einblick in unser Innerstes.

Ein Experiment. Zwei Probanden und jeweils bis zu 5000 Franken. Eine Versuchsanordnung eines Neurowissenschaftlers versucht die Dimensionen altruistischer Gewalt zu fassen. Jedes der beiden Testsubjekte erhält zunächst 1000 Franken. Sind sie in der Lage, dem jeweils anderen zu vertrauen und ihr Geld abzugeben, winkt eine Belohnung – anderenfalls geht einer von ihnen leer aus. Was sich als rational leicht zu entschärfende Situation darstellt, entpuppt sich aufgrund der temperamentvollen Charaktere als quasi unüberwindbares Hindernis. Darüber hinaus muss sich der leitende Wissenschaftler mit einer Ikone seines Fachs auseinandersetzen. Während der Stadtführung redet er sich um Kopf und Kragen, sodass bald klar wird, hier geht es nicht um die Stadt, sondern um sein zerrüttetes Selbst. Während zeitgleich eine Frau über ihre merkwürdige Begegnung mit einem Tier berichtet, setzt sich nun das Experiment an anderer Stelle fort. Die beiden Probanden planen ein Verbrechen an einer stadtbekannten Drogendealerin. Ein paar Straßen weiter tut eine Prostituierte für eine entsprechende Entlohnung fast alles. Als dralle Zuhörerin stillt sie sowohl körperliche als auch geistige Bedürfnisse. Wild springt die Geschichte von Schauplatz zu Schauplatz und skizziert Situationen innerhalb einer Stadt, ohne ein eindeutiges Bild entstehen zu lassen. In jeder Szene versteckt sich hinter der offensichtlichen Handlungsebene das Unterbewusstsein, ohne je klar hervorzutreten. Wie elektrische Impulse, die von Synapse zu Synapse schießen, versucht der Zuschauer allen Informationen zu folgen, um sich letztendlich doch zwischen dem Potential der Selbsterkenntnis, deren Handlungsfreiheit und dem Unterbewussten zu verlieren. Das ist Lukas Bärfuss‘ Amygdala.

The Show Must Go On

von Tessa Friedrich (28. Mai 2015)

 

 

»Flüchtlinge, Patrioten, Vaterlandsverräter« - im Rahmen des aktuellen Mottos des Theaters Hof darf Carl Zuckmayers Stück Des Teufels General in der jetzigen Spielzeit nicht fehlen. Doch wer eine Inszenierung im Stil der Nachkriegszeit erwartet, liegt hier falsch. Vorhang auf für General Harras!

Wenn alle anderen den rechten Arm in die Luft Strecken und »Heil Hitler!« rufen, begrüßt Harras sie mit »Guten Adolf!«: Der leidenschaftliche Pilot arbeitet zwar für die Nationalsozialisten, doch ihre Einstellungen und Taten verachtet er. Er selbst hält sich für einen Helden, unangefochten in der Kunst des Fliegens. Doch das blütenreine Superman-Kostüm des Generals wird schmutzig, als er für wiederholt aufkommende Materialfehler an Flugzeugen verantwortlich gemacht wird und eine zehntägige Frist erhält, um den Vorfällen auf den Grund zu gehen.