Was der Bauer nicht kennt

von Felix Gerhard (22. Juni 2015)

 

© Werner Lorenz

»Da sich niemand mehr seines Trübsinns schämt, bleibt es die Aufgabe meiner Generation, die Fröhlichkeit in die Straßen zu tragen, jetzt und an jedem Tag des kommenden Jahres.« Wer hat das gesagt? Jedenfalls hat sich kaum jemand mehr an diesen Leitspruch gehalten als Giacomo Casanova, dessen Leben letzten Donnerstag zum ersten Mal im Theater im Gärtnerviertel auf die Bühne gebracht wurde.

Man muss sich Casanova als glücklichen Menschen vorstellen. Und wie viele glückliche Menschen ist er, was man oft nicht glauben will, Melancholiker. Seine Mutter verließ ihn früh und um diesen Schmerz zu verwinden, liebt er, oder versucht zu lieben, alle Frauen, zumindest aber so viele wie möglich. Hat er die eine, will er die andere, diese oder jene. Im Grunde rennt er aber nur der einzigen hinterher, die seine Seele rühren konnte. Davon spricht er natürlich ungern, viel lieber stellt er sich ein wenig als moderne Christusfigur dar, sich selbst für das Glück anderer opfernd. Von den einen wegen seiner Taten als gotteslästerlich verschrien, von den anderen bald für das Erschaffen eines neuen Gottes gepriesen. Dieser neue Gott ist Sex. Und ähnlich wie den Sohn der Maria hat man ihn gründlich missverstanden. Denn Casanova war mehr als nur ein Lebemann und Schwerenöter.

Mein erster Experimentierkasten »Gehirn«

von Kevin Dühr (18. Juni 2015)  

 

© Denis Meyer

Jetzt neu! Der Experimentierkasten »Gehirn« mit echter Tiefenpsychologie und vielen Extras zum Triebverhalten. Am vergangenen Dienstag war die Premiere von Lukas Bärfuss' Amygdala des WildWuchs Theaters Bamberg zu sehen. Die Inszenierung versucht dem Chaos in unseren Köpfen gerecht zu werden und bietet dem Stück entsprechend zwar keine Lösung für das Dilemma des menschlichen Versagens, gibt aber einen schwindelerregenden Einblick in unser Innerstes.

Ein Experiment. Zwei Probanden und jeweils bis zu 5000 Franken. Eine Versuchsanordnung eines Neurowissenschaftlers versucht die Dimensionen altruistischer Gewalt zu fassen. Jedes der beiden Testsubjekte erhält zunächst 1000 Franken. Sind sie in der Lage, dem jeweils anderen zu vertrauen und ihr Geld abzugeben, winkt eine Belohnung – anderenfalls geht einer von ihnen leer aus. Was sich als rational leicht zu entschärfende Situation darstellt, entpuppt sich aufgrund der temperamentvollen Charaktere als quasi unüberwindbares Hindernis. Darüber hinaus muss sich der leitende Wissenschaftler mit einer Ikone seines Fachs auseinandersetzen. Während der Stadtführung redet er sich um Kopf und Kragen, sodass bald klar wird, hier geht es nicht um die Stadt, sondern um sein zerrüttetes Selbst. Während zeitgleich eine Frau über ihre merkwürdige Begegnung mit einem Tier berichtet, setzt sich nun das Experiment an anderer Stelle fort. Die beiden Probanden planen ein Verbrechen an einer stadtbekannten Drogendealerin. Ein paar Straßen weiter tut eine Prostituierte für eine entsprechende Entlohnung fast alles. Als dralle Zuhörerin stillt sie sowohl körperliche als auch geistige Bedürfnisse. Wild springt die Geschichte von Schauplatz zu Schauplatz und skizziert Situationen innerhalb einer Stadt, ohne ein eindeutiges Bild entstehen zu lassen. In jeder Szene versteckt sich hinter der offensichtlichen Handlungsebene das Unterbewusstsein, ohne je klar hervorzutreten. Wie elektrische Impulse, die von Synapse zu Synapse schießen, versucht der Zuschauer allen Informationen zu folgen, um sich letztendlich doch zwischen dem Potential der Selbsterkenntnis, deren Handlungsfreiheit und dem Unterbewussten zu verlieren. Das ist Lukas Bärfuss‘ Amygdala.

The Show Must Go On

von Tessa Friedrich (28. Mai 2015)

 

 

»Flüchtlinge, Patrioten, Vaterlandsverräter« - im Rahmen des aktuellen Mottos des Theaters Hof darf Carl Zuckmayers Stück Des Teufels General in der jetzigen Spielzeit nicht fehlen. Doch wer eine Inszenierung im Stil der Nachkriegszeit erwartet, liegt hier falsch. Vorhang auf für General Harras!

Wenn alle anderen den rechten Arm in die Luft Strecken und »Heil Hitler!« rufen, begrüßt Harras sie mit »Guten Adolf!«: Der leidenschaftliche Pilot arbeitet zwar für die Nationalsozialisten, doch ihre Einstellungen und Taten verachtet er. Er selbst hält sich für einen Helden, unangefochten in der Kunst des Fliegens. Doch das blütenreine Superman-Kostüm des Generals wird schmutzig, als er für wiederholt aufkommende Materialfehler an Flugzeugen verantwortlich gemacht wird und eine zehntägige Frist erhält, um den Vorfällen auf den Grund zu gehen.

»Man kann zwar nicht ewig die Luft anhalten. Aber doch ziemlich lange.«

von Laura Ott (26. Mai 2015)

 

© Sebastian Worch

Im Rahmen der 33. Bayrischen Theatertage bringt das Fränkische Theater Schloss Maßbach mit Tschick eine freche und gelungene Version des gleichnamigen Roadtrips von Wolfgang Herrndorf auf die Bretter des Großen Hauses des E.T.A.-Hoffmann-Theaters.

Maik Klingenberg (Nilz Bessel) sitzt auf einem Sessel, am Grund des Pools der Familie Klingenberg. Es ist dunkel, auf der Bühne glitzert golden eine vom Scheinwerfer beleuchtete Folie. Herausfordernd treten zwei Jungen vor das Publikum und sprechen es direkt an. Sie erzählen von der Schule, von Mädchen, ihren Eltern, vom Alleinsein und davon wie sie einfach losfahren, mit dem alten Lada, mit dem Tschick plötzlich bei Maik aufkreuzt. Tschick (Philip Pelzer) heißt eigentlich Andrej Tschichatschow und ist neu in der Klasse. Mit wenigen Requisiten, minimalistischem Bühnenbild und ganz ohne Musik kommt das Stück daher und lässt jeder einzelnen Vorstellung dieser Abenteuerreise ihren Raum, was denen entgegenkommt, die das Buch kennen – vermutlich viele. Das Auto fährt mit dem Rhythmus als Sprit, den die Schauspieler mit Handklatschen, Fußstampfen und Oberschenkelklopfen erzeugen. Mit dem Versickern des Tanks erlischt auch der Beat. Die Idee: Mit einem Schlauch den Tank eines fremden Autos anpumpen und ins eigene überführen. Das Problem: Wo findet man jetzt einen Schlauch? Tschick erinnert sich an eine Müllkippe und der schweifende Blick über uns, das Publikum, lässt durchblicken: Wir sind gemeint. Wir sind die Müllkippe. Ohne Berührungsängste klettern die beiden flink über unsere Stuhllehnen hinweg. Die Szene beeindruckt mich, das Bild einer weitläufigen Menschenmülldeponie direkt vor meinem Auge. Zurück auf der Bühne erscheint Isa (Johanna Maria Seitz), drahtig, wild, schön und ebenso überzeugend gespielt wie die beiden Jungs. Nach dem Kennenlernen und Tschicks zögerlichem Okay steigt Isa in Auto und Rhythmus mit ein. Zu dritt stampfen sie über die Bühne. Weiter geht die Fahrt! Tschick ist eine clevere Inszenierung des Romans von Wolfgang Herrndorf, die sich nicht auf der Genialität der Vorlage ausruht, sondern durch kleine, aber feine Uminterpretationen wie die der menschlichen Mülldeponie einen neuen Imaginationsraum schafft. In der letzten Szene befinden wir uns wieder im Wasser des Pools im Garten der Klingenbergs und ich habe so ein Gefühl, wie ein hochsteigendes Kribbeln, das mir sagt: Das ist das Leben. Und du steckst mittendrin.

Vive le Cheese

von Anna-Lena Oldenburg (26. Mai 2015)

 

© Christian Flamm

Vollkommen zurecht als Kuriosum angekündigt: Das kleine Theater Wasserburg aus dem Münchner Umland brachte das dort uraufgeführte Stück Käse – Die Komödie des Menschen, geschrieben 1939 vom 18-jährigen Wolfgang Borchert zusammen mit seinem Freund Günter Mackenthun, mit zu den Bayerischen Theatertagen. Nahezu unbekannt, in Schriftform kaum ausfindig zu machen und für lang Zeit verschollen, bildet Käse einen beeindruckenden Kontrast zu Borcherts bekanntem Kriegsheimkehrer-Drama Draußen vor der Tür. Dem Publikum im nicht gänzlich ausgelasteten großen Saal des E.T.A.-Hoffmann-Theaters bot sich ein musiklastiges, stampfendes Stück, das das Indoktrinationspotenzial von Kunst auslotete, Borcherts Reflexion über Krieg und Totalitarismus fortführte und das vor allem in lockere popkulturelle Referenzen gekleidetes Erbe des 20. Jahrhunderts zu sein schien. Kompliziert und mitunter verwirrend und unter seinen elektronisch versiegelten Oberflächen perfide und boshaft – und damit vielleicht sinnbildlich für die heutige Zeit?

Käse wurde von Borchert ursprünglich als Parodie auf Adolf Hitler geschrieben und so ist es auch der Plan des größenwahnsinnigen Käsehändlers Ambrosius Meier, der für sein »Volk«, das Theaterpublikum, kaum mehr als Verachtung übrig hat und sich deswegen perfekte Maschinenmenschen erschafft, den Mars zu kolonialisieren und die Erde mit Käsegas zu zerstören. Weitere Handlung und Figuren existieren wohl, doch ein zusammenhängender Plot lässt sich, aufgrund der vignettenartigen Performance, kaum rekonstruieren. Da treten wohl eine Nackttänzerin auf, ein genialer Schriftsteller, zwei perfekte Maschinenfrauen, die von lüsternen Chauvinisten erschaffen wurden. Drei Leinwände mit Videoprojektionen (zu sehen sind die Weiten des Universums, der geriebene Käse, die Marslandschaft, mitunter werden sie auch zur Projektion von hypnotisierenden Parolen genutzt, wie »TRINK TRINK TRINK« oder »KAE SE DUFT, GOE TTER LUFT«), drei Männer in typischer Kraftwerk-Montur (rotes Hemd, schwarze Krawatte) hinter drei Steuerungspulten. Kraftwerk, überhaupt, ist ein wichtiger künstlerischer Bezugspunkt des Abends, im Bezug auf Musik, Bühnenbild und Technikaffinität.