Die bitteren Tränen einer Schaufensterpuppe

von Johann Pfeiffer (14. Mai 2015)

 

© Thomas Langer

Rainer Werner Fassbinders Theaterstücke erfreuen sich im Moment großer Beliebtheit auf den deutschen Bühnen. Auch das Stadttheater Fürth schließt sich dem allgemeinen Trend an und führt in dieser Spielzeit Die bitteren Tränen der Petra von Kant auf. Die Inszenierung konfrontiert den Zuschauer mit dem Glamour der Modewelt, in der die Protagonistin die Bestätigung sucht, die ihr in der Liebe verwehr bleibt. Trotz zwei hervorragenden Hauptdarstellerinnen kommt der Abend aber nicht in Fahrt.

In den 70er Jahren verhalf Fassbinder dem Neuen Deutschen Film zum internationalen Durchbruch und gilt heute als der bedeutendste Regisseur seiner Generation. In seinem kurzen Leben – er starb 1982 mit nur 37 Jahren – drehte er 44 Filme. Nebenbei spielte er als Darsteller in den Filmen von Kollegen mit und verfasste mehrere Drehbücher und Hörspiele. Die Karriere des rastlosen Genies begann aber zunächst im Theater, was man wohl als produktiven Zufall betrachten kann. Nachdem der junge Fassbinder zwei Mal von der Filmhochschule abgelehnt worden war, fand er 1967 im Theater-Underground Münchens einen Ort, wo er sich künstlerisch austoben konnte. Als Regisseur und Dramatiker des Action-Theaters verursachte er mit direkten und provokanten Aufführungen regelmäßig Skandale. Die Stücke Fassbinders haben seitdem einen festen Platz auf den Theaterspielplänen, in den letzten Jahren liest man ihre Namen aber besonders häufig. Das mag daran liegen, dass bestimmte Fassbinder-Inszenierungen ein landesweites Echo erzeugen. Martin Kušej erhielt 2012 für seine Version von Die bitteren Tränen der Petra von Kant am Münchner Residenztheater den renommierten Theaterpreis Faust für die beste Regie. Vor kurzem feierte Susanne Kennedy mit Warum läuft Herr R. Amok?, eine Produktion der Münchner Kammerspiele, einen aufsehenerregenden Erfolg beim Berliner Theatertreffen. Der Rummel um einzelne Inszenierungen kann aber nicht der einzige Grund sein, wieso man die Texte wieder häufiger spielt. Was suchen wir in den Geschichten des eigenwilligen Multitalents?

Olé, Olé, Olé - Scheiß Katholiken!

von Kevin Dühr (13. Mai 2015)

 

© Marion Bührle

Eine Begegnung zweier traditionsreicher Mannschaften löst im Fußball starke Emotionen aus. Insbesondere jüngere Enthusiasten suchen gerne und finden in einem der beiden Kontrahenten einen Bezugspunkt, der vielleicht in ihrem Leben fehlt, und lassen sich gelegentlich zum Fanatismus hinreißen. Was aber passiert, wenn Begegnungen allgemeiner und nicht spielerischer Natur sind? Was passiert, wenn zwei Parteien aufeinander treffen, deren Anerkennung nicht mit sportlichen, sondern kriegerischen Mitteln durchgesetzt wird? Und was passiert mit den Menschen, die an dieser Auseinandersetzung beteiligt sind? Im Zuge der 33. Bayerischen Theatertage kam im E.T.A Hoffmann-Theater Bamberg die Produktion In aller Ruhe (Quietly) des Nürnberger Staatstheaters zur Aufführung, deren Text von Owen McCafferty sich mit Fragen nach Schuld, Vergebung und der Aufarbeitung traumatischer Erlebnisse auseinandersetzt.

In einem Pub in Belfast verfolgt der polnische Wirt Robert im Fernsehen ein Spiel der nordirischen Nationalmannschaft gegen das seines Geburtslandes. Als einer seiner Kunden, Jimmy, den Pub betritt, zeigt er sich verärgert über den Rückstand seines Teams. Doch der Nordire Jimmy ist wie die Jugendlichen vor dem Pub wenig an der Partie interessiert. Er ist wegen etwas anderem hier. Er verrät Robert, dass er jemanden treffen wird und dass es Ärger geben könnte, beschwichtigt ihn jedoch sogleich. Kurze Zeit später betritt Ian den Pub. Er und Jimmy sehen ähnlich aus, sind im gleichen Alter und in Belfast aufgewachsen. Eigentlich hätten sie beste Freunde sein können, wenn sie nicht innerhalb des gleichen Viertels von zwei unterschiedlichen Parteien instrumentalisiert worden wären. 1974, zwei Jahre nach dem sogenannten „Bloody Sunday“, an dem britische Soldaten 13 Menschen in der nordirischen Stadt Londenderry erschossen, sind Jimmy und Ian 16 Jahre alt. Ihr Alltag hält eine Balance zwischen Gewalt und dem Ordinären. Während Jimmys Vater den Fernseher in den nahe liegenden Pub befördert, um in geselliger Runde das WM-Spiel zwischen Deutschland und Polen zu sehen, wird Ian von einer Gruppe ihm nur flüchtig bekannter Männer der UVF darauf eingeschworen, nach dem Ausruf „Scheiß Katholiken!“ schnellstmöglich die Bombe und daraufhin die Tür des Pubs wieder in die Angeln zu werfen. Jetzt, 36 Jahre später, fordert Jimmy, der sich daraufhin der IRA anschloss, eine Erklärung am Ort des Geschehens.

Athena, Adonas, oder doch lieber Adolf?

von Laura Ott (11. Mai 2015)

 

© Iko Freese

Mit den 33. Bayrischen Theatertagen wird auch Der Vorname, basierend auf dem französischen Stück von Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte aus dem Jahr 2010 auf die Studiobühne des E.T.A. Hoffmann-Theaters geholt. Die Kammerspiele Landshut lassen tief blicken: Kleine unangenehme Details kommen zu Kouskous und Tachine auf den lecker gedeckten Tisch. Und wir live dabei!

Die Bühne liegt im Dunklen, in der Mitte eine aufgestellte Wand aus Holz, darauf das Abendmahl Jesu und seiner Jünger – im Negativ. Davor ein großer runder schwarzer Tisch, eine Couch und Bücher, überall Bücher. Dann geht das Licht an, ein gemütliches Licht, wie bei einer Stehlampe. Entspannende Musik rieselt aus den Lautsprechern. Dazu die Stimme aus dem Off, die uns erklärt wer die zwei Personen da auf der Bühne sind, die jetzt geschäftig den Raum bespielen: Wir befinden uns im Wohnzimmer des Ehepaares Pierre (Stefan Lehnen) und Babou (Stefanie von Poser), die ihre Freunde eingeladen haben. Es soll ausgiebig gegessen und geredet werden. Babou kocht. Pierre sucht den Kellerschlüssel. Lehnen wir uns zurück. Jetzt beginnt ein Ohren- und Augenschmaus! Das Geschirr klappert, der Wein atmet und wir auf unseren Sitzen fühlen uns wohl. Gemütlich, wie das Licht aus dieser riesigen Wohnzimmerlampe. Nachdem auch Claude (Knud Fehlauer) eingeführt wurde und sich alle in der Stube eingefunden haben, outet sich die Off-Stimme als Vincent (Sebastian Gerasch) und kommt ebenfalls durch die Tür. Jetzt fehlt nur noch Anna (Cornelia Pollak), die Vincents Freundin ist und schwanger und die später kommt, weil sie noch arbeiten muss. Beim Aperitif haben die Freunde ihren ersten Brocken zu verdauen. Vincent eröffnet ihnen den Namen seines ungeborenen Kindes: Adolphe soll er heißen, der Kleine, wie der Protagonist aus einem romantischen französischen Roman. Dass dabei jeder an Hitler denken muss, will ihm nicht einleuchten. Eine wilde Diskussion entbrennt. Als Anna hinzukommt gerät alles aus den Bahnen. „Ich lasse mir von niemandem sagen, was ich zu tun habe. Schon gar nicht von Menschen, die ihre Kinder Athena und Adonas nennen!“ Da ist es heraus und nun wird kein Halt mehr gemacht. Jeder wird in die Zange genommen. Warum also nicht mal alles rauslassen?

Ein zwielichtiges Vergnügen

von Anna-Lena Oldenburg (11. Mai 2015)

 

© Andrea Kremper

Meist bereut man es, wenn man in einer Kritik mit Superlativen um sich geworfen hat, wie eine Kreuzberger Kneipentour am nächsten Morgen. Was das Landestheater Coburg aber mit Fabian am 08. Mai im Rahmen der Bayerischen Theatertage auf die Bühne gebracht hat, lässt sich durchaus als kongenial bezeichnen: Aus einem chaotischen Himmel und Meer an Stühlen und Zeitungen entsteht ein vielschichtiges Portrait von Berlin kurz vor Hitlers Machtergreifung, umgesetzt mit einem multifunktionalen Bühnenbild, einer hohen Dynamik und Sinnlichkeit, ausgezeichneter, zum Teil grotesker Kostümierung und hervorragenden Schauspielleistungen, wo in dreifach, fünffach, sechsfach gespielten Rollen von sieben Schauspielern ein ganzes Arsenal eigenständiger Figuren aufersteht. Gepaart mit Kästners immer noch erstaunlich zeitgemäßem Text ergibt sich ein Theaterereignis, das seinesgleichen sucht. Schade nur, dass zumindest in Coburg selbst das Stück nur bis Ende März zu sehen war.

Dr. Jakob Fabian ist promovierter Germanist und verschwendet in Berlin seine Talente in der Werbeabteilung eines Zigarettenherstellers, zusammen mit seinem inkompetenten Kollegen Fischer, der schlechte Werbesprüche dichtet und seinem abscheulichen Chef, der ihn schlussendlich vor die Tür setzen wird. Von der Sinnlosigkeit seines Lebens niedergeschlagen, zieht er durch das Berliner Nachtleben und kommt dort mit der Unterseite der Stadt in Berührung: Frauen, die ihren Körper verkaufen, nachdem sie ihre Anstellung in der Fabrik verloren haben, ein genialer Erfinder, der sich erschaudert zurückzieht, nachdem er mit ansehen musste, welche ungewollten Triebe die zunehmende Technologisierung geschlagen hat, die allgemeine Lieblosigkeit in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Es wird sich viel ausgezogen, viel gefeiert, die Gesellschaft ist manisch darum bemüht, Wahrheiten nicht ins Auge sehen zu müssen. Dazwischen bewegen sich Fabian und sein bester Freund Labude, die beide schlussendlich dazu verdammt sind, an der Welt zu scheitern.

Wünsch Dir was!

von Johann Pfeiffer (09. Mai 2015)

 

© Werner Lorenz

Das Theater im Gärtnerviertel (TiG) zeigt Multiple Choice im Rahmen der Bayerischen Theatertage 2015, die zurzeit im E.T.A-Hoffmann-Theater Bamberg stattfinden. Das Ensemble-Stück bietet ein facettenreiches „Wunschkonzert“ mit vielen Möglichkeiten und offenen Fragen.

Jeder von uns hat sich bestimmt einmal die Frage gestellt: Was wäre wenn? Spätestens am Ende des Studiums kommt man ins Grübeln über die ungewisse Zukunft und die Entscheidungen der Vergangenheit, die sich in den meisten Fällen nur noch schwer ändern lassen. Habe ich mich für das richtige Studienfach entschieden? Hätte ich vielleicht doch auf eine (vermeintlich) sichere Karte setzen müssen wie Lehramt oder BWL? Wie würde mein jetziges Lebens aussehen, wenn ich noch mit meiner Ex-Freundin zusammen wäre? Oder könnte ich mit einer ganz anderen Frau glücklicher sein? Die Braunhaarige aus der Sachbuch-Lektorat-Übung am Donnerstag lächelt mich immer so nett an…