Traumreise der Möglichkeiten

von Felix Gerhard (14. April 2015)

 

© Thomas Bachmann

Endlich, will man sagen, wird der Buch- und Theatererfolg Tschick auch im ETA-Hoffmann-Theater in Bamberg aufgeführt. Vergangenen Sonntag war es soweit. Eine Traumreise durch das Leben der Jugend, oder zumindest ihrer Möglichkeiten, ist ja auch egal, Hauptsache, man hat seinen Spaß.

Manche Geschichten erzählen sich wie von alleine. Tschick ist so eine, diese rasante Geschichte um Maik Klingenberg und seinen Freund Tschick, die in den Sommerferien ein Auto ›ausleihen‹, um damit in die Walachei zu fahren und unterwegs nicht nur seltsame Typen, sondern auch das Leben und die Freundschaft kennenlernen, womit die beiden gleich ein Stück Kindheit hinter sich lassen. Es dürfte kaum jemanden geben, der von Wolfgang Herrndorfs Roman nicht schon zumindest etwas gehört hat. Und auf den Bühnen der Republik hat es sich in den letzten Jahren zu den meistgespielten Stücken etabliert, bevor es endlich auch im ETA-Hoffmann-Theater inszeniert wurde.

Augenschmaus und Ohrengraus – ein moderner Ballettabend in drei Teilen

von Verena Bauer (13. April 2015)

 

© Henning Rosenbusch

Kraftvoll für die Augen, etwas zu kraftvoll für die Ohren – so kann man die erste halbe Stunde des dreiteiligen Ballett-Abends »Hypnotic Poison«, der aus unterschiedlichen Blickwinkeln das Thema »Leidenschaft« beleuchtet, umschreiben. Die Kreation des Stuttgarter Choreografen Demis Volpi, gleichzeitig titelgebende des gesamten Balletts, hat großes Potenzial, mit emotional aufgeladenen Stories und kraftvollem Körpereinsatz des Tanzensembles das Publikum in seinen Bann zu ziehen, wären da nicht die Geräusche, die aus dem Lautsprecher ertönen.

Da ist zunächst ein schrilles Lachen, am Anfang lediglich irritierend oder gar amüsant, irgendwann nur noch störend, bis man sich zuletzt nur noch die Ohren zuhalten möchte. Was dazu getanzt wird ist sinnlich und aufreibend zugleich, geht aber völlig unter in der Geräuschkulisse. Dann ist da ein Mädchen auf der Bühne, das von einem Verführer in die Falle gelockt wird. Man möchte mitfühlen, fast spürt man die Angst – wäre da nicht die Hintergrundmusik, die einen davon abhält. Auch als der Fischer von der Nixe ins Wasser gelockt wird, kann der Funke einfach nicht überspringen. Zu viel Geräusch ist da, das sich unangenehm ins Innere des Gehörs frisst.

Eine regelrechte Wohltat ist dagegen die zweite Choreografie des Coburger Ballettdirektors Mark McClain. Sechs Frauen in unterschiedlichen, schwarzen Abendkleidern erzählen, jede für sich, ihre Geschichten von der Liebe. Da kommen die unterschiedlichsten emotionalen Bandbreiten zusammen, von der wehmütigen, unerwiderten Liebe über die Reize einer Hass-Liebe bis zum Schmerz des gebrochenen Herzen. Die Tänzerinnen bewegen sich mal leicht, mal mit intensivem Körpereinsatz zu jazzigen Sounds von Billie Holiday bis Aretha Franklin. Zwar ist hier nicht viel Neues zu sehen, das Bewegungsrepertoire bleibt im Großen und Ganzen klassisch. Doch was die Frauen ausdrücken, kauft man ihnen einfach ab. Hier springt der Funke über, man fühlt mit, wird von den Emotionen eingenommen und von den Stories mitgerissen. So sanft wie sie begonnen hat, klingt diese zweite und vielleicht schönste halbe Stunde des Ballettabends aus.

Sand in den Wunden

von Felix Gerhard (02. April 2015)

 

© Denis Meyer

Das Leben ist nicht schön, oder vielleicht doch, man weiß es nur nicht. Wenn man sich damit abgefunden hat, könnte es vielleicht dann doch ganz schön sein. Aber wo liegt dann der Sinn? In etwa darum geht es in Samuel Becketts Endspiel, womit das WildWuchs-Theater vergangenen Donnerstag Premiere gefeiert hat. Wo waren wir stehengeblieben?

Ach ja. Nein, doch nicht. Es bleibt wohl so, nichts Genaues weiß man nicht. Weder sagt Beckett einem in seinem Stück was Genaues, noch weiß man, ob gerade darin vielleicht der Sinn liegt, dass man nichts weiß. Zum Glück gibt es aber noch ein paar Dinge, die zumindest so scheinen, wie wir sie kennen. Damit kann man umgehen. Vier Personen sind auf der Bühne, die vier haben Namen, die die Personen bezeichnen, Nagg, Nell, Hamm, Clov. Von links nach rechts: In der Tonne der Vater, in der anderen Tonne die Mutter, beide stecken darin fest und können schlecht sehen und hören. In der Mitte der Sohn im Rollstuhl, blind und lahm. Und immer auf den schmerzenden Beinen der Diener, der sich nicht setzen kann. Ein Wecker ist ein Wecker, ein Bootshaken ein Bootshaken und ein Fenster ein Fenster, durch das man in den Rest der Welt schauen kann, also den Rest, der von ihr noch übrig ist. Die Figuren sehen aus, wie man sich vermutlich in den 80ern vorgestellt hat, wie man sich in den 30ern die Endzeit vorgestellt hat. Beige, Leinen, Sand und eine abgefahrene Blindenbrille für den Impresario in der Mitte. Daran wird sich nichts ändern, daran kann man sich festhalten, während die Dialoge abgleiten. Viel mehr Möglichkeiten hatte Regisseur Frank Froeba bei den genauen Regieanweisungen des Stückes auch nicht. Das ist die Konstellation, der Rest ist beredtes Schweigen.

Freud und Leid

von Felix Gerhard (09. März 2015)

 

© Werner Lorenz

Glaubt man Freud, erfährt jeder im eigenen Leibe einmal, was Sophokles vor etwa 2440 Jahren über König Ödipus niedergeschrieben hat, dass man den einen Elternteil liebt während man den anderen töten will. Nun könnte man das ewige Wiederkäuen dieser alten psychoanalytischen Kamelle alleine deswegen schon leid sein, wenn es nicht hin und wieder auf neue Art und Weise aufbereitet würde. Das Theater im Gärtnerviertel wagt nun eine ganz neue Version des alten Stoffes.

Der Mensch ist ein Geschichtenerzähler. Wissen oder Gefühle packt er in Erzählungen und gibt sie unterhaltend und somit memorierbar weiter. Alles, was er dafür braucht, ist eine gute Geschichte. Die vom König Ödipus, der unwissend seinen Vater erschlägt und seine Mutter heiratet, gehört zweifellos dazu. Nun kann man, je nachdem wie man erzählt, den Fokus anders legen. Beim Theater im Gärtnerviertel, das am vergangenen Freitag Premiere des König Ödipus feierte, liegt der eher auf der unterhaltenden Komik, die einem den alten Sagenstoff näher bringt, als auf der Tragik, die der sophokleischen Bearbeitung innewohnt.

Laute machen Leute

von Verena Bauer (05. März 2015)

 

© Henning Rosenbusch

„Es grünt so grün...“ - Dieses Zitat hat vermutlich jeder schon einmal gehört, selbst wenn er My Fair Lady noch nie gesehen hat. Kein Wunder, denn schon 1956 wurde es in New York uraufgeführt. Seitdem hat es in zahlreichen Inszenierungen und Bearbeitungen die Welt erobert. Dass das Musical seine Wirkung in all den Jahren nicht verloren hat, konnte das Ensemble des Coburger Landestheaters am gestrigen Abend bei seinem Gastspiel im E.T.A Hoffmann-Theater beweisen.

Mit ihrer derben Art und dem ausgeprägten Dialekt lässt Eliza Doolittle das Publikum immer noch kräftig schmunzeln und schafft es gleichzeitig, dass jeder sie ins Herz schließt. Klar, dass man sich eindeutig auf ihre Seite schlägt, wenn sie von Professor Higgins getriezt und gedrillt wird, nur damit der seine Wette gewinnt. Diese Wette, von Higgins' Freund Oberst Pickering vorgeschlagen, beinhaltet den Versuch des Professors, Eliza innerhalb von sechs Monaten zu einer Dame zu machen. Gelingt ihm dies, zahlt Pickering Elizas Ausbildungskosten für den Sprachunterricht bei Higgins. Denn der Mensch definiere sich schließlich über seine Sprache, nicht über seine Herkunft, so die feste Überzeugung des Professors.