Neros letzte Wehwehchen

von Philipp Schlüter (11. Januar 2015)

 

© Denis Meyer

 

Am 10. Januar feierte das Theaterstück Nero (Frederic Heisig) im Palais Schrottenberg seine Premiere. Das Wildwuchs-Theater präsentierte einen Kaiser (Daniel Reichelt) zwischen Größenwahn und Resignation. Humorvoll inszeniert und durch den Diener Phaon (Sebastian Stahl) mit Gitarrenklängen verfeinert, erlebte man Neros letztes, künstlerisches Aufbäumen mit.

Princeps Nero kam aus dem Jenseits, um mal ganz persönlich über sein hochrasantes Leben zu berichten (Christenverfolger, Feuerteufel Roms und leidenschaftlicher Sänger), seine Sicht der Dinge zu schildern und diese in das rechte Licht zu rücken. Das tat er am 10. Januar im Palais Schrottenberg und versicherte den Zuschauern gleich mit: Die Verfolger kommen, um Vergeltung zu üben. Mein letzter Tag auf Erden als römischer Kaiser ist gezählt. An diesem letzten Abend, bevor mein Kopf im Morgengrauen den Restkörper verlässt, will ich Bilanz meines Lebens ziehen.

Nero, der Todgeweihte, betritt den Raum. Doch selbst in dieser Stunde der Flucht setzt er nicht, wie jeder normal Fliehende, einen Fuß vor den anderen. Ein Kaiser geht auch in den letzten Stunden nur auf einem Untergrund, der dem Ersten des Staates würdig ist. Vier Diener sind bei ihm und einer, Phaon, E-Gitarren-Virtuose und helfende Hand zur Wahrung der kaiserlichen Etikette, ermöglicht erst diesen künstlerischen, letzten Abgesang. Mit den anderen Dienern steht der Kaiser zwar kurz im Dialog, sie treten jedoch als Personen nicht in Erscheinung. Als Phaon sich mit seiner E-Gitarre sitzend neben der Bühne in Position gebracht hat und Nero die Bühne besteigt, erst einmal lachen. Grund dafür ist der Dreiteiler Neros: Goldener Lorbeerkranz, schlicht-weißes Unterhemd und ein rosarotes Tutu. Lustige Theater-Kollektion á la Wildwuchs also, denkt man sofort. Die Nähe zum Publikum ist sofort vorhanden und ab dem Zeitpunkt, zu dem Nero die Bühne betritt ist klar: Hier kann ehrlich, ja wie unter Freunden gesprochen werden. Der Lorbeerkranz und das Tutu, Kaisertum und Künstlertum, vereint in einer Figur, die sich selbst als „Künstlerkaiser“ bezeichnet und vor seinem Ableben noch das „süßeste Gedicht“ überhaupt in die Welt hinaus singen will. Nero nimmt Platz im knallroten Gummiplanschbecken – der „Sandgrube“ – seinem letzten Refugium und der Monolog beginnt.

Die Buddenbrooks zu Gast bei Weyermanns 

von Felix Gerhard (13. Dezember 2014)

© Thomas Bachmann

In der Villa Weyermann fand vorgestern Abend der Auftakt zur fünfteiligen Lesereihe zu den Buddenbrooks statt. E.T.A. Hoffmann-Theater-Ensemblemitglied Eckhart Neuberg las Thomas Manns wohl berühmtesten Roman in Auszügen.

»›Was ist das. – Was – ist das …‹ ›Je, den Düwel ook, c’est la quesion, ma très chère demoiselle!‹« Dies sind die ersten Sätze der Buddenbrooks , jener Großerzählung über den Verfall der so stolzen und ihres Bürgertums allzu bewussten Kaufmannsfamilie Buddenbrook aus Lübeck, deren langsamer, über vier Generationen hinweg in vielerlei Facetten ausstrahlender Niedergang, seinem Autor, dem Lübecker Kaufmannssohn Thomas Mann, Ruhm und Ehre einbringen sollte. In diesen Sätzen liegt bereits der erste von insgesamt fünf Leseabenden verborgen, zu dem das E.T.A.-Hoffmann-Theater vergangenen Mittwoch in die Villa Weyermann lud und es noch für drei weitere Termine im Januar tun wird. Gelesen wurde im, mit hohen Decken, dunklen Türen und dezenten Leuchtern, trotz seiner offensichtlich praktischen Schlichtheit durchaus repräsentativen, Flur, dessen weiße Wände beschrieben wesentlich kälter wirken, als sie mit kunstähnlichen Figuren und Bildern von Mitarbeitern oberhalb der sich durch den ganzen Raum ziehenden, etwa brusthohen Holzvertäfelung tatsächlich waren. Gewiss, es war nicht der Salon, aber mit gedämpftem Licht kam doch etwas Charme alter Zeiten auf. Nicht ganz die der Buddenbrooks, also der Mitte des 19. Jahrhunderts, aber die ihres Erschaffers reichte zur Genüge. Schritt man durch den Eingang, blickte man in diesen langen und schmalen Flur, auf dessen linker Seite, etwa auf der Hälfte, ein deckenhohes Glastor eingelassen war, und dessen Durchgang wiederum von einem kleinen schwarzen Podest versperrt war. Darauf standen ein rustikaler Holzstuhl und ein Metalltisch, auf dem sich eine weiße Bankierlampe sowie ein Glas Wasser befanden. Ausgerichtet auf diesen Punkt füllten die Stuhlreihen zu beiden Seiten den Raum. Der kann nicht allzu vielen Leuten Platz bieten, wodurch ein gewisser Eindruck von Privatheit entstand, von einer Art bürgerlichem Hauskonzert für die bessere Gesellschaft, der man beiwohnen durfte. Eckhart Neuberg betrat von hinten seine Bühne, setzte sich, erklärte kurz, was er nun im Speziellen lesen würde und ließ den Abend mit Richard Wagner einleiten.

Beat, Buk and What Else?

von Felix Gerhard (30. November 2014)

Am vergangenen Dienstag lud das WildWuchs-Theater wieder ins Palais und in die Halbwelt von Trinkern, Zechern und anderen zwielichtigen Gestalten zum Barflies-Abend. Vielleicht nicht die Geschichten, die man seinen Enkelkindern erzählt, vielleicht nicht die Geschichten, die man vermisst, aber der Gin war billig.

»Jane, that’s show biz, so go back to sleep, dear, because/ no matter how hard they tried they/ just couldn’t find anybody exactly like/ you.// and neither can/ I.«

— Charles Bukowski, Barfly

Verdammt, ich war zu früh dran. Um neun Uhr ging’s erst los, aber irgendwas hatte mich geritten, schon um acht da zu sein. Also erstmal keinen Fehler machen, dachte ich mir, Gin und Tonic bestellen – Dienstag ist Gin-Tag im Palais –, die Füße still und mich unauffällig verhalten, irgendwo so weit wie möglich hinten, versunken in einem Sessel mit gutem Blick auf die Ecke, wo die Jungs gerade noch dabei waren den Sound zu richten. Aus den Boxen kam ein Tom Waits-Lied nach dem anderen, hatte wohl jemand vergessen den Shuffle einzustellen. Vor mir saßen zwei befreundete Ehepaare, von denen eines wohl schon mal beim monatlichen Barflies-Abend war, das konnte ich heraushören, darüber hinaus erfuhr ich aber nichts, weil der Mann lieber verzweifelt versuchte seiner Frau ihr Smartphone zu erklären, worauf sie aber gerade wenig Lust hatte, obwohl es, wie er meinte, doch ganz einfach sei, schau hier, machst du so und dann ziehst du so und schon hast du es da, ist doch ganz einfach, erklärte er ihr, aber sie wollte nicht verstehen, sie wollte bloß, dass es funktioniert. Das dauerte eine Weile, währenddessen das andere Ehepaar Zuflucht in die frei ausliegenden Bamberger Lokal-Werbe-Kultur-Infoblätter nahm. Geredet wurde nicht miteinander. Irgendwo zwischen Ledersofa, Sessel und Tisch standen zwei neonfarbene Kuben, die lustig grün und orange vor sich hinleuchteten und deren dekorativer Sinn sich mir in all der klassischen Baratmosphäre von dunklem Holz, gedimmten Licht und massiver Theke nicht ganz erschloss. Stattdessen benutzte ich meinen einfach als Tisch für den Gin. Der andere Mann, kürzlich wieder aus einem der Infoheftchen aufgetaucht, fragte sich offensichtlich, ob man sich wohl auch auf das Leuchtdings setzen könne und wie das eigentlich am Leuchten gehalten werde. Packt’s, dreht’s um, aha, so sieht das also von unten aus, interessant. Andere Menschen, andere Sorgen. Ich hatte Durst. Mit der Zeit kamen mehr Gäste, viele den WildWüchslern auch persönlich bekannt. Man kennt sich hier, es schien ein gemütlicher Abend zu werden. Als ich mich um kurz vor neun umsah, musste ich erschreckt feststellen, dass ich tatsächlich der Jüngste geblieben war – mit Mitte Ende zwanzig zwischen mittelalten Ehepaaren und schicken Anfangdreißigern. Muss man sich als Student heutzutage etwa nicht mehr den Alltag in Bars mit Geschichten vertreiben lassen? Offensichtlich. Vielleicht. Was weiß denn ich?!

Warum setzt man sich also Dienstagabend in eine Bar? Nicht in eine Kneipe, Gaststätte oder eine andere Art Lokal, nein, sondern in eine Bar. Weil man mal nicht das Übliche aus der gutbürgerlichen Gerüchteküche präsentiert bekommen will. Man denkt an das, was man aus Filmen, Büchern und Liedern kennt, an einen Piano Man, der davon singt, dass nicht er, sondern das Piano besoffen ist und der Teppich mal wieder ’ne neue Frisur braucht; an kaputte Typen voll stinkender Hoffnung in irgendeiner miesen Absteige in LA, die so lange einsam in ihr leeres Glas stieren, bis ihnen der Barkeeper aus Mitleid noch einen Whiskey einschenkt und keine Fragen stellt und trotzdem ne Geschichte bekommt; an Hafenspelunken in Marseille oder Hamburg, in denen Seewölfe so alt wie Käptn Blaubär oder so blau wie ebenjener – genau weiß das keiner – zum Schifferklavier Seemannsgarn auftischen, bis man ihnen ’ne neue Runde Rum ausgibt; da denkt man dran, wenn man die Ankündigung von Halbwelt, Zwielicht und Trinkern liest. Was bekommt man?

"Majestät, hier bin ich!" 

von Anna-Lena Oldenburg (15. November 2014) 

 

© Denis Meyer

Am 15. November feierte das Wildwuchs-Theater vor ausverkauftem Haus die Premiere ihres neuen Stückes "Die Stühle", einer "grotesken Farce" des Franzosen Eugène Ionesco. In den Hauptrollen Hanne Hacker und Florian Berndt – und der geheimnisvolle Berufsredner. 

Verhangene Fenster, geschwärzte Gemälde, ein abgeschlossener, durch den Ort der Veranstaltung zwangsläufig auch eleganter Raum, denn das Palais Schrottenberg, das macht schon etwas her. Man befindet sich wohl in der Nähe des Meeres oder eines anderen, stehenden, Gewässers, denn wie die Protagonisten anmerken: Hier riecht das Wasser faul. Ein Mann und eine Frau betreten die Bühne, ihre Gesichter verhüllt durch Nashornmasken (ein Verweis auf  Ionescos „Die Nashörner“, in Deutschland uraufgeführt sechs Jahre nach der Premiere von „Die Stühle“ im Pariser Théatre du Nouveau Lancry? Eine intertextuelle Verbindung, die gewollt die politische Komponente dieses eigentlich gewollt bedeutungsoffenen Stückes hervorhebt? Schließlich ging es doch in dieser späteren Parabel um „die willige Unterwerfung unter alle diktatorischen Herrschaftssysteme, auch unter die linken“ (Xenia-Theater Karlsruhe) und auch hier hängt doch rechts neben der Bühne eine kleine Marionette, mit der die Ehefrau das kriecherische Bemühen ihres Mannes um die Gunst des Kaisers begleitet, der die Gesellschaft am Ende des Abends beehrt). 

Jedenfalls steht dieses Ehepaar auf der Bühne, schaut aus dem undurchsichtigen Fenster, redet, schaut und geht aneinander vorbei. Dann weichen die Masken und enthüllen den Blick auf die Gesichter der beiden Protagonisten: Zwei junge, schöne, manchmal lethargische, manchmal vor Energie sprühende Menschen, deren Teint allerdings darauf hindeutet, dass wir es hier mit Herrschaften fortgeschrittenen Alters zu tun haben (zu erschließen anhand der Hinweise auf den immerhin 75. Hochzeitstag) oder mit lebenden Toten (die zynischere Interpretation). Diese beiden Eheleute nun stellen Szenen einer Ehe nach, die dem Zuschauer eng und erdrückend vorkommt: Die Frau, Semiramis, betont, dass ihr Mann es hätte zu mehr bringen können, als zum Hausmarschall, ein feiner Euphemismus für den ehrbaren, aber für dieses Paar offensichtlich nicht genug prestigeträchtigen, Beruf des Hausmeisters. So schwanken die beiden zwischen Hysterie und Ernüchterung, streben auseinander und zusammen, sind verbunden als Frau und Mann, Mutter und Sohn, bauen sich gegenseitig auf und zerstören sich, reden miteinander und häufig auch gegeneinander, bzw. aneinander vorbei. 

Die Nacht der Lebenden Poetry-Slam-Fans

von Karsten Babucke (4. November 2014)

Kaum war Halloween, die Nacht des Gruselns und der auszutreibenden Geister und Toten, vorbei, schon holte die Veranstaltung „die Nacht der Lebenden, Toten“ so manchen Verstorbenen wieder auf die Bühne. Im E.T.A. Hoffmann Theater gaben sich am 4. November verstorbene und lebendige Poeten ein schaurig gutes Stelldichein.

Der „Dead or Alive Poetry Slam“, wie das Event auch genannt wird, ist das Highlight jedes Poetry-Slam-Fans in Bamberg. Die Organisatoren, die sich „Bamberg ist Slamberg“ nennen, laden zweimal im Jahr vier Größen der Poetry-Slam-Szene nach Bamberg ein, um sie gegen schon verstorbene Poeten antreten zu lassen. Diese werden durch professionelle Schauspieler des Bamberger E.T.A. Hoffmann Theaters verkörpert.

Der akkurate Schiedsrichter Christian Ritter und die eloquente Nora Gomringer führten, unter musikalischer Begleitung des Plattenkünstlers DJ Kermit, durch den Abend. Sie wählten die Jury aus, die an diesem Abend nach erfundenen Stellenausschreibungen ausgewählt wurde. So wurde das Publikum kurzerhand zur kritischen, aber auch großzügigen, Jury ernannt.

Wie jeder Poetry Slam steht auch dieser Wettstreit unter einem eisernen Reglement. Die Poeten sollten in sieben Minuten ihre Darbietung beenden können, möglichst das Singen vermeiden und sie dürfen keine Requisiten benutzen. Denn ohne Regeln kann man sich ja glatt noch den Tod holen. Und so wechseln sich an einem „Dead or Alive Poetry Slam“ die lebenden und die gespielten toten Poeten ab und reimen um die Ehre, Spaß an der Sprache und den Bamberger „Crazy Hoffmann“ Pokal.