Kann man den Kapitalismus lieben?

von Anna-Lena Oldenburg (17. Februar 2015)

 

© Thomas Bachmann

 

Es gibt Romantischeres als sich am 14. Februar ein Stück über den großen Betrug am Sparer anzuschauen. Andererseits bot die Premiere von Schuld und Schein im E.T.A.-Hoffmann-Theater aber auch kurzweilige, schnelle, meinungsstarke Unterhaltung mit Bildungsanspruch – ein gelungener Abend mit wenig Platz zur Widerrede.

Eine Kasse, ein Abakus, ein Sparschwein und ein Vorhang bedruckt mit Geldscheinen, das sind die wenig subtilen Requisiten, die einen durch diesen Abend über das Geld begleiten und von denen vor allem die Kasse eine dramaturgische Aufgabe übernimmt, lässt die Conférencieuse doch jedes Mal die  Kasse klingeln, sobald im Zuge ihrer Erläuterungen oder im Dialog der allegorisch angelegten Figuren (Eckhart Neuberg als Staat in seinen unterschiedlichen Ausprägungen, vom blutleeren Monarchen des absolutistischen Staates, bis zur heutigen Demokratie im schwarzen Anzug; erfreulicherweise weiblich besetzte, rivalisierende Banken sowie die naive Sparerin, die doch bloß ihren bescheidenen Wohlstand vergrößern möchte) ein wirtschaftswissenschaftlicher Schlüsselbegriff fällt. Hierbei wird vor allem die Geschichte der Banken nachgezeichnet und ihrer zunehmenden, vom Staate quasi zwangsverordneten, Bereicherung an den Bürgern, die ihnen ihr Geld (oder, wie hier vereinfacht angenommen wird, ihr einziges Goldstück) anvertraut haben. Banken und Staat werden hierbei als diabolisch-konspirative Partner dargestellt: Gierig, opportunistisch und unverantwortlich im Umgang mit dem Geld anderer. Falls bei den geldverwaltenden Akteuren Zweifel aufkommen, dann immer nur darüber, ob die Anleger wirklich alles mit sich machen ließen, wobei die Antwort darauf stets auf dem Fuße folgt: Ja, denn eigentlich verstehe niemand, was hier vor sich geht, wisse sich niemand so recht zu wehren gegen ein übermächtiges Wirtschaftssystem, nähmen alle zu bereitwillig an, dass den Sparer benachteiligende Phänomene wie Inflation und Geldentwertung Naturgesetze seien, obwohl sie doch menschgemachte Mittel zum Abbau von Staatsschulden sind.

Kühler Norden, feuriger Vogel

von Veronika Biederer (01. Februar 2015) 

 

© Carola Hölting

Am 28. Januar 2015 wurde im E.T.A.-Hoffmann-Theater in einem Gastspiel des Landestheaters Eisenach Strawinskys temperamentvoller Feuervogel mit Sibelius’ eisig-melancholischem En Saga vor einem begeisterten Publikum technisch überzeugend kombiniert.

Andris Plucis, der nun seit dem Sommer 2009 Leiter und Choreograf beim Ballett des Theaters Eisenach ist, hat sich mit der Verbindung zweier nordischer Kreativitätspole, nämlich Strawinsky und Sibelius, an eine eisbrecherische Synthese gewagt, die durchaus als gelungen bezeichnet werden kann.

Strawinsky, der mit seiner Komposition zum Ballett Feuervogel am 25. Juni 1910 am Pariser Nationaltheater einen großen Erfolg verbuchen konnte, verarbeitete zwei russische Volksmärchen zu einer exotischen, starken Hymne. Als Choreograf setzt Plucis in seiner neuesten Inszenierung auf ebenso starke und ausdrucksvolle Tänzer.

Der Feuervogel überzeugt sowohl mit weichen, natürlichen Klängen, bei denen die Tänzer fast schon fragil auf der Bühne erscheinen, als auch mit machtvollen und dynamischen Parts. Diese werden besonders fulminant, wenn der böse Zauberer Koschtschei auftritt und sein Recht auf Herrschaft geltend macht. Der Feuervogel und der Prinz vollführen einen pantomimischen Tanz, der zeigt, dass die beiden durch ihre Unterschiedlichkeit keine Basis für eine Kommunikation haben. Während der Prinz und die Prinzessin ihrem zarten Liebesspiel nachgehen, umkreist sie der Feuervogel immer wieder mit skeptischer und auch warnender Miene.

Menschlichkeit als Gedankenverrat

von Karsten Babucke (15. Januar 2015)

 

© Thomas Bachmann

 

Am 09.01.2014 fand die Premiere des Kammerstücks In der Sache J. Robert Oppenheimer im Treff des E.T.A.-Hoffmann-Theaters statt, in dem der Prozess, dem sich der renommierte Physiker und Entwickler der Atombombe stellen musste, behandelt wird.

Der Physiker J. Robert Oppenheimer war bekannt als genialer Physiker und »Vater der Atombombe«, die er in den vierziger Jahren im sogenannten »Manhattan-Projekt« entwickeln half. Wenigen ist jedoch bewusst, dass dieser ehrgeizige Wissenschaftler sich für seine Arbeit vor einem amerikanischen Gericht verantworten musste. Er wurde beschuldigt, die Entwicklung der H-Bombe oder Supernova vereitelt und somit in Zeiten des kalten Krieges und der McCarthy-Ära kommunistisch gehandelt zu haben.

Das auf den originalen Gerichtsakten beruhende Theaterstück von Heinar Kipphardt aus dem Jahr 1964 handelt von diesem Prozess, dem sich der Physiker vor einem Sicherheitsausschuss der amerikanischen Atomenergiebehörde, der Oppenheimer selbst angehörte, stellen musste. Notwendig, da er ohne einen Freispruch des Vorwurfs nicht mehr uneingeschränkt seiner Arbeit als Physiker nachgehen könnte. Viele kommen zu Wort, der Anwalt der Anklage, Roger Robb (Gerald Leiß), als Verteidiger Oppenheimers Lloyd K. Garrison (Eckhart Neuberg), sowie Kollegen, Geheimdienstoffiziere und natürlich am intensivsten der Angeklagte selbst, gespielt von Florian Walter. Im Kreuzverhör werden die Ereignisse um die Entwicklung der Atombombe und deren Abwurf auf Hiroshima ebenso aufgearbeitet wie tiefe Einblicke in das persönliche und private Umfeld des Physikers gegeben werden.

Neros letzte Wehwehchen

von Philipp Schlüter (11. Januar 2015)

 

© Denis Meyer

 

Am 10. Januar feierte das Theaterstück Nero (Frederic Heisig) im Palais Schrottenberg seine Premiere. Das Wildwuchs-Theater präsentierte einen Kaiser (Daniel Reichelt) zwischen Größenwahn und Resignation. Humorvoll inszeniert und durch den Diener Phaon (Sebastian Stahl) mit Gitarrenklängen verfeinert, erlebte man Neros letztes, künstlerisches Aufbäumen mit.

Princeps Nero kam aus dem Jenseits, um mal ganz persönlich über sein hochrasantes Leben zu berichten (Christenverfolger, Feuerteufel Roms und leidenschaftlicher Sänger), seine Sicht der Dinge zu schildern und diese in das rechte Licht zu rücken. Das tat er am 10. Januar im Palais Schrottenberg und versicherte den Zuschauern gleich mit: Die Verfolger kommen, um Vergeltung zu üben. Mein letzter Tag auf Erden als römischer Kaiser ist gezählt. An diesem letzten Abend, bevor mein Kopf im Morgengrauen den Restkörper verlässt, will ich Bilanz meines Lebens ziehen.

Nero, der Todgeweihte, betritt den Raum. Doch selbst in dieser Stunde der Flucht setzt er nicht, wie jeder normal Fliehende, einen Fuß vor den anderen. Ein Kaiser geht auch in den letzten Stunden nur auf einem Untergrund, der dem Ersten des Staates würdig ist. Vier Diener sind bei ihm und einer, Phaon, E-Gitarren-Virtuose und helfende Hand zur Wahrung der kaiserlichen Etikette, ermöglicht erst diesen künstlerischen, letzten Abgesang. Mit den anderen Dienern steht der Kaiser zwar kurz im Dialog, sie treten jedoch als Personen nicht in Erscheinung. Als Phaon sich mit seiner E-Gitarre sitzend neben der Bühne in Position gebracht hat und Nero die Bühne besteigt, erst einmal lachen. Grund dafür ist der Dreiteiler Neros: Goldener Lorbeerkranz, schlicht-weißes Unterhemd und ein rosarotes Tutu. Lustige Theater-Kollektion á la Wildwuchs also, denkt man sofort. Die Nähe zum Publikum ist sofort vorhanden und ab dem Zeitpunkt, zu dem Nero die Bühne betritt ist klar: Hier kann ehrlich, ja wie unter Freunden gesprochen werden. Der Lorbeerkranz und das Tutu, Kaisertum und Künstlertum, vereint in einer Figur, die sich selbst als „Künstlerkaiser“ bezeichnet und vor seinem Ableben noch das „süßeste Gedicht“ überhaupt in die Welt hinaus singen will. Nero nimmt Platz im knallroten Gummiplanschbecken – der „Sandgrube“ – seinem letzten Refugium und der Monolog beginnt.

Die Buddenbrooks zu Gast bei Weyermanns 

von Felix Gerhard (13. Dezember 2014)

© Thomas Bachmann

In der Villa Weyermann fand vorgestern Abend der Auftakt zur fünfteiligen Lesereihe zu den Buddenbrooks statt. E.T.A. Hoffmann-Theater-Ensemblemitglied Eckhart Neuberg las Thomas Manns wohl berühmtesten Roman in Auszügen.

»›Was ist das. – Was – ist das …‹ ›Je, den Düwel ook, c’est la quesion, ma très chère demoiselle!‹« Dies sind die ersten Sätze der Buddenbrooks , jener Großerzählung über den Verfall der so stolzen und ihres Bürgertums allzu bewussten Kaufmannsfamilie Buddenbrook aus Lübeck, deren langsamer, über vier Generationen hinweg in vielerlei Facetten ausstrahlender Niedergang, seinem Autor, dem Lübecker Kaufmannssohn Thomas Mann, Ruhm und Ehre einbringen sollte. In diesen Sätzen liegt bereits der erste von insgesamt fünf Leseabenden verborgen, zu dem das E.T.A.-Hoffmann-Theater vergangenen Mittwoch in die Villa Weyermann lud und es noch für drei weitere Termine im Januar tun wird. Gelesen wurde im, mit hohen Decken, dunklen Türen und dezenten Leuchtern, trotz seiner offensichtlich praktischen Schlichtheit durchaus repräsentativen, Flur, dessen weiße Wände beschrieben wesentlich kälter wirken, als sie mit kunstähnlichen Figuren und Bildern von Mitarbeitern oberhalb der sich durch den ganzen Raum ziehenden, etwa brusthohen Holzvertäfelung tatsächlich waren. Gewiss, es war nicht der Salon, aber mit gedämpftem Licht kam doch etwas Charme alter Zeiten auf. Nicht ganz die der Buddenbrooks, also der Mitte des 19. Jahrhunderts, aber die ihres Erschaffers reichte zur Genüge. Schritt man durch den Eingang, blickte man in diesen langen und schmalen Flur, auf dessen linker Seite, etwa auf der Hälfte, ein deckenhohes Glastor eingelassen war, und dessen Durchgang wiederum von einem kleinen schwarzen Podest versperrt war. Darauf standen ein rustikaler Holzstuhl und ein Metalltisch, auf dem sich eine weiße Bankierlampe sowie ein Glas Wasser befanden. Ausgerichtet auf diesen Punkt füllten die Stuhlreihen zu beiden Seiten den Raum. Der kann nicht allzu vielen Leuten Platz bieten, wodurch ein gewisser Eindruck von Privatheit entstand, von einer Art bürgerlichem Hauskonzert für die bessere Gesellschaft, der man beiwohnen durfte. Eckhart Neuberg betrat von hinten seine Bühne, setzte sich, erklärte kurz, was er nun im Speziellen lesen würde und ließ den Abend mit Richard Wagner einleiten.