"Majestät, hier bin ich!" 

von Anna-Lena Oldenburg (15. November 2014) 

 

© Denis Meyer

Am 15. November feierte das Wildwuchs-Theater vor ausverkauftem Haus die Premiere ihres neuen Stückes "Die Stühle", einer "grotesken Farce" des Franzosen Eugène Ionesco. In den Hauptrollen Hanne Hacker und Florian Berndt – und der geheimnisvolle Berufsredner. 

Verhangene Fenster, geschwärzte Gemälde, ein abgeschlossener, durch den Ort der Veranstaltung zwangsläufig auch eleganter Raum, denn das Palais Schrottenberg, das macht schon etwas her. Man befindet sich wohl in der Nähe des Meeres oder eines anderen, stehenden, Gewässers, denn wie die Protagonisten anmerken: Hier riecht das Wasser faul. Ein Mann und eine Frau betreten die Bühne, ihre Gesichter verhüllt durch Nashornmasken (ein Verweis auf  Ionescos „Die Nashörner“, in Deutschland uraufgeführt sechs Jahre nach der Premiere von „Die Stühle“ im Pariser Théatre du Nouveau Lancry? Eine intertextuelle Verbindung, die gewollt die politische Komponente dieses eigentlich gewollt bedeutungsoffenen Stückes hervorhebt? Schließlich ging es doch in dieser späteren Parabel um „die willige Unterwerfung unter alle diktatorischen Herrschaftssysteme, auch unter die linken“ (Xenia-Theater Karlsruhe) und auch hier hängt doch rechts neben der Bühne eine kleine Marionette, mit der die Ehefrau das kriecherische Bemühen ihres Mannes um die Gunst des Kaisers begleitet, der die Gesellschaft am Ende des Abends beehrt). 

Jedenfalls steht dieses Ehepaar auf der Bühne, schaut aus dem undurchsichtigen Fenster, redet, schaut und geht aneinander vorbei. Dann weichen die Masken und enthüllen den Blick auf die Gesichter der beiden Protagonisten: Zwei junge, schöne, manchmal lethargische, manchmal vor Energie sprühende Menschen, deren Teint allerdings darauf hindeutet, dass wir es hier mit Herrschaften fortgeschrittenen Alters zu tun haben (zu erschließen anhand der Hinweise auf den immerhin 75. Hochzeitstag) oder mit lebenden Toten (die zynischere Interpretation). Diese beiden Eheleute nun stellen Szenen einer Ehe nach, die dem Zuschauer eng und erdrückend vorkommt: Die Frau, Semiramis, betont, dass ihr Mann es hätte zu mehr bringen können, als zum Hausmarschall, ein feiner Euphemismus für den ehrbaren, aber für dieses Paar offensichtlich nicht genug prestigeträchtigen, Beruf des Hausmeisters. So schwanken die beiden zwischen Hysterie und Ernüchterung, streben auseinander und zusammen, sind verbunden als Frau und Mann, Mutter und Sohn, bauen sich gegenseitig auf und zerstören sich, reden miteinander und häufig auch gegeneinander, bzw. aneinander vorbei. 

Die Nacht der Lebenden Poetry-Slam-Fans

von Karsten Babucke (4. November 2014)

Kaum war Halloween, die Nacht des Gruselns und der auszutreibenden Geister und Toten, vorbei, schon holte die Veranstaltung „die Nacht der Lebenden, Toten“ so manchen Verstorbenen wieder auf die Bühne. Im E.T.A. Hoffmann Theater gaben sich am 4. November verstorbene und lebendige Poeten ein schaurig gutes Stelldichein.

Der „Dead or Alive Poetry Slam“, wie das Event auch genannt wird, ist das Highlight jedes Poetry-Slam-Fans in Bamberg. Die Organisatoren, die sich „Bamberg ist Slamberg“ nennen, laden zweimal im Jahr vier Größen der Poetry-Slam-Szene nach Bamberg ein, um sie gegen schon verstorbene Poeten antreten zu lassen. Diese werden durch professionelle Schauspieler des Bamberger E.T.A. Hoffmann Theaters verkörpert.

Der akkurate Schiedsrichter Christian Ritter und die eloquente Nora Gomringer führten, unter musikalischer Begleitung des Plattenkünstlers DJ Kermit, durch den Abend. Sie wählten die Jury aus, die an diesem Abend nach erfundenen Stellenausschreibungen ausgewählt wurde. So wurde das Publikum kurzerhand zur kritischen, aber auch großzügigen, Jury ernannt.

Wie jeder Poetry Slam steht auch dieser Wettstreit unter einem eisernen Reglement. Die Poeten sollten in sieben Minuten ihre Darbietung beenden können, möglichst das Singen vermeiden und sie dürfen keine Requisiten benutzen. Denn ohne Regeln kann man sich ja glatt noch den Tod holen. Und so wechseln sich an einem „Dead or Alive Poetry Slam“ die lebenden und die gespielten toten Poeten ab und reimen um die Ehre, Spaß an der Sprache und den Bamberger „Crazy Hoffmann“ Pokal.

Blutschöne Abendstunden mit Georg Trakl

Auch heute noch gleicht die lyrische Sprache Georg Trakls einem Sog und dessen Lebensweg einem Faszinosum. Am 3. November ehrte Bamberg liest den Dichter mit einer Lesung im Jazzkeller. Viel Wahrheit und viel Schmerz.

von Philipp Schlüter & Felix Gerhard (4. November 2014)

Wer könnte etwas über Georg Trakl sagen, was stimmte? Man kann das Wenige aufzählen, was man weiß: Apotheker, Drogensüchtiger, Selbstmörder, Dichter, und kann sich doch nur diesem schwarzen Loch annähern, in das die Welt mit all ihrer Grausamkeit stürzte. Die Lesungsbühne war mit hellrotem Licht beleuchtet, was beim Besucher schon eine vage Ahnung an die Schlagworte der Traklschen Dichtung erweckte. Wie die Welt aussah, in der sich der junge Trakl damals bewegte, ist schnell erzählt: Hochstilisiertes Kaisertum und verblendete Kriegsbegeisterung, im Deutschen Reich wie auch in Österreich-Ungarn, und zwischen all dem der Medikamenten-Akzessist, der in all dem »zu wenig Liebe, zu wenig Gerechtigkeit und Erbarmen « sieht, wie er an einen Freund schreibt, dagegen aber »allzuviel Härte, Hochmut, und allerlei Verbrechertum«. Er ist eine schwer zu greifende Persönlichkeit, dessen Innerstes wohl der Kampf mit sich selbst und der modernen Welt des frühen 20. Jahrhunderts war. Um sich das ganze Ausmaß der Traklschen Welterfahrung ausmalen zu können, hilft jenes was er in einem Brief, adressiert an einen Freund, schrieb: er selbst sei »eine Spottgestalt aus Kot und Fäulnis in einem unseligen von Schwermut verpesteten Körper, Spiegelbild eines gottlosen, verfluchten Jahrhunderts. « Es wundert nicht, wenn so jemand in die seltsame Liebe zu seiner Schwester flüchtet. Auf der Suche ist nach einem sicheren Hort, einem Ruhepol für den gequälten Geist und in der Lyrik, dem Gesang einsamer Seelen, eine Stimme findet, die herausschreit, was da in Wallung geraten ist. Das Statement der Lesung war klar: Hier sollte in ernst-ästhetischem Rahmen das Gedenken einem Menschen und seinen Gedichten gewidmet sein, dem am Ende alles zu viel wurde.

Ein Abend mit Max Goldt

Max Goldt las im E.T.A.-Hoffmann-Theater alte und neue Texte. Unser Autor war dabei und er war nicht alleine. Ein streckenweise hoffnungsfroher Abendbericht.

von Felix Gerhard (9. Oktober 2014)

Pressebild Max Goldt

© Billy+Hells

Ein Freund hatte mir versichert, es sei eine gute Idee, mit dem ersten Date zu Max Goldt zu gehen. Ich war mir da zwar nicht so sicher, aber in solchen Dingen kann ich ihm vertrauen. Außerdem fiel mir nichts Besseres ein. Schließlich, dachte ich mir, könne es nicht schaden, wenn ein anderer zumindest zwei Stunden lang für Unterhaltung und Humor sorgt. In der Zeit muss ich mir wenigstens keine Sorgen um den Schaden machen, den ich im Gespräch beim Italiener sicherlich anrichten würde mit meinem allzu trockenen Zynismus, der Max Goldt so ziemlich abgeht. Dafür ist er viel zu besonnen in seinem Blick auf die bei ihm stets zwangsläufig daherkommend absurd erscheinende Umwelt. Zudem ist die Einladung zu einem Leseabend bereits eine kleine Auszeichnung von Kultiviertheit und Kreativität, gerade zu einem solchen eines Titanic-Kolumnisten und Comictexters. Man zeigt gleich einmal, dass man sich auch abseits der ausgetretenen Pfade in deutscher Humorlandschaft auskennt und sich abends gerne ein wohlformuliertes Buch eines Literaturpreiseträgers gönnen kann, ohne sich hinterher hochnäsig Flicken auf die Ellenbogen zu nähen. Man hat noch nichts Beeindruckendes getan und steht in aller Bescheidenheit schon gut da.

Show us the way to the next whisky-bar

Das Theater Hof gastierte mit Kurt Weills und Bertolt Brechts Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny am E.T.A.-Hoffmann-Theater

von Ramona Löffler (24. Juli 2014)
 

"Was ist der Taifun an Schrecken gegen den Menschen, wenn er seinen Spaß haben will?", fragt Jim die Witwe Begbick süffisant. Die Antwort ist ernüchternd: "Wir brauchen keinen Taifun. Denn was er an Schrecken tun kann, das können wir selber tun." Das bewies Brecht in seiner Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny: Drei Verbrecher gründen in einer öden Gegend Nordamerikas aus Mangel an Fluchtmöglichkeiten die "Netzestadt" Mahagonny, um kaufkräftige Goldsucher aus Alaska wieder ihres Geldes zu erleichtern. Unter ihnen ist auch Jim Mahoney und seine drei Freunde. Von der ruhigen Atmosphäre und den vielen Verboten der Stadt genervt, propagiert er das neue Motto "Du darfst" - zumindest, so lange du Geld hast. Von nun an gilt kein Gesetz mehr, außer sich hedonistisch auszuleben: Erstens, vergeßt nicht, kommt das Fressen. Zweitens kommt der Liebesakt. Drittens das Boxen nicht vergessen. Viertens Saufen, laut Kontrakt." Dass dies nicht der Erfüllung, sondern der Zerstörung der Besucher dient, zeigt die szenisch aneinandergereihte Todesfolge Jims und zweier seiner Freunde: Jakob überfrisst sich, Alaskajoewolf stirbt im Boxkampf und Jim wird zu Tode verurteilt, weil er drei Flaschen Whisky nicht bezahlen kann. Der einzige Überlebende der vier Holzfäller ist Heinrich, der stets Geld und Freundschaft trennte und nun von Joe gebeten wird, sich seiner Geliebten, der Prostituierten Jenny, anzunehmen. Das Stück endet mit dem Untergang der brennenden Stadt, was Brecht als Parallele zum biblischen Sodom und Gomorrah gestaltete. Der Gott, den er auf die Bühne holt, ist aber weniger erzürnt, als machtlos über die sündige Stadt. Die Bewohner zeigen sich dementsprechend wenig beeindruckt von seiner Verdammung und stellen zynisch fest: "An den Haaren kannst du uns nicht in die Hölle ziehen, weil wir immer in der Hölle waren."