Gefühl gegen Gesellschaft

von Sophia Klopf (8. November 2018)

© Werner Lorenz

 

Das Theater im Gärtnerviertel läutet seine neue Spielzeit mit dem Klassiker Anna Karenina ein. Das TiG, welches sich bekannterweise für jedes Stück eine neue Bühne rund um das Gärtnerviertel sucht, ist dieses Mal im Lui 20 aufgeschlagen, die interkulturelle Begegnungsstätte des Vereins „Freund statt Fremd“. Das Rezensöhnchen hat sich die Premiere am 10. Oktober nicht entgehen lassen.´

Wer den Roman Anna Karenina schon gelesen hat, fragt sich wohl: Wie schafft man ein Buch, das über 1000 Seiten umfasst, auf das Wichtigste zu reduzieren? Schließlich muss man einen Haufen an Personen und Handlungssträngen überblicken. Autor und Regisseur ist die Herausforderung gut gelungen und die Inszenierung schafft es, die Schlaglichter der Geschichte zu zeigen.

„Alles nur Gauner in dieser Stadt“

von Günter Strickle (29.Oktober 2018)

 

© Konrad Fersterer

Wie kommt englischer Humor in Franken an? Sehr gut! Dieser Eindruck wurde bestätigt bei der Premiere von„Komödie mit Banküberfall“ am 20. Oktober 2018 im Schauspielhaus beim Staatstheater Nürnberg. Die Autoren des Stückes, Henry Lewis, Jonathan Sayer und Henry Shields gehören zu der britischen Theatergruppe „Mischief Theatre“, die vor zehn Jahren von einer Gruppe von Studenten der „London Academy of Music & Dramatic Art" gegründet wurde und mittlerweile von Großbritannien bis New York und von Europa bis Asien bekannt ist.

Mit der Inszenierung von Regisseur Christian Brey in Nürnberg konnten die Zuschauer die deutschsprachige Erstaufführung erleben. Erleben im wahrsten Sinne des Wortes, nach nur wenigen Minuten zeigten wiederholtes Lachen und häufig spontaner Applaus, dass auch das Publikum voll bei der Sache war, oft wurde bereits gelacht, wenn aus einem Satz oder einer Handlung nur im Ansatz schon zu erkennen war, worauf es hinauslaufen würde. Und das lag nicht etwa nur daran, dass die Autoren des Stückes mit den Tücken Sprache und Objekt spielten und den schlechten Kern der meisten am Geschehen Beteiligten offenlegten, sondern auch daran, dass die Schauspieler*innen in Sprache, Gestik und Mimik einfach große Klasse waren.

Und was passierte mit Helena, Kassandra und Co.?

von Hannah Deininger (09.10.2018)

© Konrad Fersterer

Am Sonntag, den 07. Oktober 2018 wurde im Staatstheater Nürnberg die Premiere des Stücks „Die Troerinnen/Poseidon-Monolog“ in einer Inszenierung von Jan Philipp Gloger aufgeführt. Das Stück mit Hintergrund im alten Griechenland durch den Tragödiendichter Euripides wurde von Konstantin Küspert in die heutige Zeit verlagert. „Die Troerinnen“ erzählt von den Frauen Trojas, genauer von ihrem Schicksal nach dem Fall ihrer Stadt.

Schon das Bühnenbild nimmt den Zuschauer mit in die Gefühlswelt nach dem Ende des Trojanischen Krieges, der immerhin zehn Jahre währte und vielen bekannten Helden (z.B. Hektor und Achilles) das Leben kostete. Was die Troerinnen, die überlebenden Frauen von Troja, wohl vor allem fühlen, ist eine gähnende Leere. Diese wird durch die schwarze, sich scheinbar ins Unendliche ausdehnende Bühne gut unterstrichen. Einzig ein langer, grauer Steg mit Tür am Ende ist im Bühnenbild vorhanden.

Verwüstung durch Fortschritt

von Margarethe Lohneis (20. Oktober 2018)

© Martin Kaufhold

Im Rahmen der Premierenvorstellung von Robert Woelfls „Überfluss Wüste“ am 11.10.2018 im ETA Hoffmann Theater Bamberg wurde dem Publikum in zweierlei Hinsicht eine große Ehre zuteil. Zum einen durfte es eine Uraufführung bewundern, zum anderen ließ es sich der Autor des Stückes nicht nehmen, höchstpersönlich auf ein Stück einzustimmen, welches versucht, den Zeitgeist einer Generation – gestrandet auf dem Grat zwischen Fluch und Segen des technischen Fortschritts – zu vermitteln.

Das Mekka der Hightech-Freaks? Der Sitz technischer Innovation? Der IT-Motor des gesamten Universums? Ganz klar: Silkon Valley. Hier befindet sich ein Think Tank der smartesten Köpfe, zu deren Kreis auch die vier Protagonisten aus „Überfluss Wüste“ Zoe, Josh, Finn und Sebastian gehören könnten. Der Autor des Stückes, erfährt der interessierte Zuschauer, hat sich im Laufe seiner Arbeit intensiv mit dem Phänomen des Silikon Valleys auseinandergesetzt. Jedoch wäre es auch ohne dieses Wissen möglich, einen Zusammenhang zwischen jener Innovationshochburg und dem Handlungsort des Stückes zu ziehen. Der Handlungsort befindet sich in der Wüste Nevadas, bei den „Quellen der Unsterblichkeit“, durch die sich große, weltverändernde, weltuntergangberechnende, verliebtheiterrechenbarmachenwollende Programmierer bzw. die, die es werden wollen bzw. die, die eben davon in die Verzweiflung getrieben werden, Inspiration und bahnbrechende Einfälle erhoffen. Bereits ihre heldenhaften Vorbilder wie Bill Gates, Steve Jobs oder Mark Zuckerberg taten es ihnen gleich. Genau dort, an einem tiefen Riss in der Erde, findet eine schicksalhafte Begegnung von vier jungen Programmierern statt.

Riesen-Oper um Sinn des Lebens, Liebe und Patriotismus

von Günter Strickle (9. Oktober 2018)

 

© Ludwig Olah

 

Warum er sich gleich zu Beginn seiner Amtszeit solch eine große Oper vorgenommen habe, wurde der neue Intendant am Staatstheater Nürnberg, Jens-Daniel Herzog, bei einem Gespräch mit der Presse wenige Minuten vor der Aufführung gefragt. Er antwortete, der richtige Zeitpunkt für so ein großes Werk sei entweder nach langer Zeit, wenn einem im Haus alles vertraut sei, oder gleich zu Beginn. Er habe sich für die zweite Möglichkeit entschieden. So stand also am 30. September 2018 am Staatstheater Nürnberg im Opernhaus zur Eröffnung der Spielzeit 2018/2019 die Premiere von Krieg und Frieden, Weltkriegsoper von Sergej Prokofjew auf dem Spielplan.

Weltkriegsoper deshalb, weil der Komponist während des Zweiten Weltkrieges beschloss, den Roman Krieg und Frieden von Leo Tolstoi zu einer Oper zu machen. Die Geschichte schien sich zu wiederholen. Der Roman von Leo Tolstoi beschreibt die Situation vor, während und nach Napoleons Russlandfeldzug 1812. Durch eine kluge Entscheidung des russischen Feldmarschalls Kutusow konnte Napoleon die Hauptstadt Moskau nicht wirklich erobern, seine Truppen mussten sich bald zurückziehen. Dies gelang aber auch nur deshalb, weil Elite und Volk sich außergewöhnlich patriotisch verhalten haben. Diesen Patriotismus nochmals heraufzubeschwören war wohl die Absicht  Sergej Prokofjews, gerade zu jener Zeit diese Oper zu schreiben, als der russische Diktator Stalin Hitlers Russlandfeldzug abwehren musste. Mit der Aufführung der Oper feierte nicht nur der Staatsintendant Jens-Daniel Herzog, der auch Regie führte, seinen Einstand. Auch für Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz war es ihre erste große Herausforderung am Opernhaus Nürnberg.