In der Krise liegt die Chance  –  Der Schriftsteller Markus Orths im Theater

von Günter Strickle (29. Juli 2018)

 

© WildWuchsTheater

Zum Abschluss - oder gar als Höhepunkt ? - der 31. Bamberger Poetikprofessur der Otto-Friedrich-Universität Bamberg stellte sich das WildWuchsTheater mit der Premiere am 10. Juli und zwei weiteren Aufführungen am 11. und 13. Juli in den Haas-Sälen in Bamberg der großen Herausforderung, unter dem Titel »SHORTHSTORIES« drei bekannte Erzählungen des 31. Bamberger Poetikprofessors Markus Orths als kurze Theaterstücke aufzuführen.

Herausforderung schon deshalb, weil das Theaterstück nicht nur für die allgemeine Öffentlichkeit bestimmt war, sondern in das interdisziplinäre Forschungskolloquium »Von der ganz normalen Verrücktheit der Welt« als erster wissenschaftlicher Tagung zur Untersuchung des bislang vorliegenden Gesamtwerkes von Markus Orths als besonderer Programmpunkt eingebunden war. Der Autor Markus Orths, der mehrere Erzählbände, zahlreiche Romane, die in insgesamt achtzehn Sprachen übersetzt worden sind, Hörbücher, ein Theaterstück sowie Literatur für Kinder geschrieben hat, war zum Sommersemester 2018 von Prof. Dr. Andrea Bartl und Dr. Sebastian Zilles, Professur für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Bamberger Universität, als Poetikprofessor eingeladen worden. Er war nicht nur während des Kolloquiums im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia und in den Räumen der Universität zugegen, er erschien am 13. Juli persönlich in Begleitung mehrerer Tagungsteilnehmer in den Haas-Sälen zur Aufführung des WildWuchsTheaters.

Wie weit würdest du gehen für ein Kind?

von Hannah Deininger (15. Juli 2018)

 

© BUEDG

Am Donnerstag, den 12. Juli 2018 konnte man in der Alten Seilerei die Premiere des englischen Stücks no pink. no blue. nach Federico García Lorcas Yerma erleben. Das moderne Stück – präsentiert von der Bamberg University English Drama Group – erzählt von einer Frau, die zwischen Karriere und Beziehung einen Kinderwunsch entwickelt. 

»Her«, gespielt von insgesamt vier Darstellerinnen, hat sich gerade zusammen mit ihrem Mann ein Haus gekauft, ist 32 Jahre alt und erfolgreiche Online-Journalistin, als sie beschließt, dass es Zeit ist, ein Kind zu bekommen. Warum, weiß sie nicht so genau, vielleicht ja, weil alle das so machen. Je länger es dauert, desto verzweifelter wird sie. Die Verzweiflung frisst sich ihren Weg in alle Lebensbereiche: die Paarbeziehung, den Job, den Kontakt zu Schwester und Mutter. In kurzen Szenen, die an Schnappschüsse erinnern, werden die Zuschauer eingeladen, verschiedenste Einblicke in das Leben der namenlosen Hauptprotagonistin zu gewinnen. Anfangs fröhlich und selbstbewusst erscheint »ihr« am Ende ein Entkommen aus der Verzweiflung unmöglich.

Ich schrei zurück

von Günter Strickle (08. Juli 2018)

 

© Jochen Quast

 

»Ich schrei zurück.« Diesen Satz und immer gleich die Einschränkung, es gehe nicht wegen des Mundschutzes, gebraucht ein Mann am Zugang zur Intensivstation immer wieder. Dort liegt sein Vater mit Verbrennungen dritten Grades, weil er sich in suizidaler Absicht selbst angezündet hat. Mit einem Monolog beginnt die Premiere des zeitgenössischen Theaterstückes paradies spielen am Abend des 29. Juni 2018 im Markgrafentheater Erlangen. Es geht aber nicht nur um Darstellung der Hilflosigkeit und die Suche nach Antworten durch die Angehörigen eines Menschen, der solch eine Verzweiflungstat begeht, sondern im weiteren Verlauf um die Darstellung des Verhaltens von fünf Menschen und eines Zugkondukteurs in einem ICE, der ohne ersichtliche Ursache außer Kontrolle gerät, immer schneller wird und sogar am vorgesehenen Haltebahnhof durchrauscht. Eine dritte Handlungsebene beginnt mit einem Gespräch zwischen einer chinesischen Arbeiterin und deren Partner, die beschließen, der Hoffnungslosigkeit, dem Smog und der Tristesse einer chinesischen Industriestadt zu entfliehen in das Land ihrer Träume, nämlich Italien zu ziehen, ausgelöst durch das Label ›Made in Italy‹ in den Hemden, die sie in der Fabrik nähen.

In seinem Monolog vor der Intensivstation stellt der Sohn Fragen nach dem Warum einer solchen Verzweiflungstat, schildert die Unausweichlichkeit, die Zwänge. Sein Vater habe gekämpft, ist aber auf vorgesehenen Bahnen immer Schritt für Schritt gegangen, es gibt kein Ausweichen, der nächste Schritt folgt immer dem vorausgegangenen. Jetzt liegt der Vater da und lebt nur noch mit Hilfe von künstlicher Beatmung, künstlicher Herzstimulierung und vielen Schläuchen. Es werden viele Operationen nötig sein, um die Überreste des Hemdstoffes aus 65 % Polyester und 35 % Baumwolle, die sich ins Fleisch eingebrannt haben, zu entfernen. Die Ärzte haben ihn aufgeklärt über Phantomschmerzen, Heilungsprozesse und Spätfolgen von Verwundungen.

Die alte Art?

von Theresa Pausenberger (6. Juli 2018)

 

© Martin Kaufhold

 

Kurzbeschreibung: Lysander liebt Hermia, diese wird von Demetrius geliebt, den Helena liebt. Zumindest am Anfang. Dann lieben Demetrius und Lysander Helena und Hermia bleibt außen vor. Wem die ganzen Namen bekannt vorkommen und sich trotzdem »Hä?« denkt, der liegt richtig: Es ist Zeit für »Ein Sommernachtstraum« von William Shakespeare.

Am Anfang steht das große Problem an Theseus’ Königshof: Hermia soll Demetrius heiraten, obwohl sie und Lysander zusammen sein wollen, während eine Handwerkertruppe ein Theaterstück zu Ehren des Königs probt. Marie Nest spielt diesen Unwillen sehr passend mit einem langgezogenen Fiepen. Die Schauspielerin verkörpert auch hochkomisch Elfe und Thomas Schnauz. Den Alphakampf verdeutlichen Lysander (Marcel Zuschlag) und Demetrius (Paul Maximilian Pira) durch moderne Gesten und Mimik. Dadurch hat man eher das Gefühl, man stehe vor einer Disco als am altehrwürdigen attischen Königshof, was aber einen erfrischenden Wind in das Stück bringt. Dieser zieht sich das ganze Spiel hindurch und macht es unterhaltsamer, auch weil die ein oder andere Wendung der Handlung des shakespeare’schen Liebesgeplänkels nicht unbedingt überraschend kommt. Vor allem der alt bekannte »Esel« wird von Stefan Hartmann humorvoll gespielt.

I’m a loser, baby!

von Günter Strickle (1. Juli 2018)

 

© Jochen Quast

 

Es ist der 07. Juni 2018, 20.00 Uhr. Ort: Erlangen, Theaterhof Wasserturmstraße. Es ist kühl, ungefähr eine Stunde zuvor ist über Erlangen ein heftiges Gewitter mit Starkregen niedergegangen. Kurz vor halb acht hat es endlich aufgehört zu regnen, gerade rechtzeitig zum Einlaß zur Premiere. Veranstalter und Zuschauer haben großes Glück, der Open Air Liederabend im Theaterhof übers Gewinnen von Ekat Cordes kann pünktlich beginnen. Die vom Theater für den Not- und Regenfall vorgehaltenen kostenlosen Regencapes brauchen auch später nicht verteilt zu werden. Die Zuschauer sitzen auf Bänken und an Tischen Innenhof vor der Bühne. 

Es geht los. Mit fetziger Musik und tänzerischer Darstellung. Der Hauptdarsteller BIG L mit von einem Stirnband gehaltenen schulterlangen, gewellten grauen Haaren und einem glänzenden Overall mit Umhang singt, zunächst zwei Damen und ein junger Mann, alle mit rosa Umhängen, begleiten ihn dabei mit komischer Gestik und Mimik. Im Hintergrund spielen ein Schlagzeuger und ein Organist. Seitlich in einigem Abstand vor der Bühne steht eine lebensgroße goldene Lama-Nachbildung, das von den tanzenden Damen in die Szenerie mit einbezogen wird. Es geht ums Gewinnen, aber eigentlich ums Scheitern. BIG L stellt seine Mitspieler vor und vermittelt dem Publikum, woran sie gescheitert sind. Er ist derjenige, der sich ihrer annimmt. Sie müssen aber alles mit ihm teilen und für ihn da sein. Nacheinander tauchen noch weitere Verlierer auf, die ihre Geschichte des Scheiterns erzählen und von BIG L aufgenommen werden.