„Ich lebe, glaube ich, vor allem falsch“ – Sieben Nächte im ETA Hoffmann Theater

von Sebastian Meisel (25. November 2019)

© Martin Kaufhold

 

Der Autor höchst selbst war bei der Premiere anwesend. Das muss ein gutes Zeichen für eine Premiere sein. Eine Prophezeiung, die sich erfüllte. Auch wenn ein melancholischer Blick auf die Möglichkeiten zurückbleibt.

Simon Strauß, der Autor des Romans Sieben Nächte, und Bamberg scheinen eine besondere Beziehung zu haben. Vor eineinhalb Jahren, fast noch im Mittelpunkt der Aufregung um sein Debut, las er in der Universität aus diesem vor. Für all jene, die damals schon dabei waren, wird es wirklich ein unvergesslicher Abend bleiben. Ob dies auch für die erstmalige Aufführung von Sieben Nächte in Bamberg gelten wird, kann sicher nur die Zeit zeigen. Aber die Chancen stehen gut, dass die allermeisten Anwesenden diese Frage bejahen würden. Ersetzt diese Feststellung aber schon den Bedarf nach einem möglichst objektiven Urteil? Natürlich nicht, ansonsten würden sich Theaterstücke nur an ihrer Gefälligkeit messen lassen. Und gefällig war dieses Stück bei weitem nicht, aber dennoch soll aus diesen ersten und einzelnen Eindrücken eine Struktur entstehen.

Er hat alles vergessen, was einen Menschen ausmacht

von Paula Heidenfelder (23. November 2019)

© Martin Kaufhold


Die Premiere des Weihnachtsmärchen Die Schneekönigin von Autor Gunnar Kunz nach Hans Christian Andersen erfolgt am 16. November 2019 auf der passend prunkvollen Großen Bühne des ETA Hoffmann Theaters in Bamberg. Vor allem Kinder, Eltern und Großeltern, aber auch vereinzelt andere Altersgruppen, zieht die kurzweilige Inszenierung unter der Regie von Kathleen Draeger-Ostermeier am späten Nachmittag an. In unter einer Stunde werden die wichtigen Themen und Werte von Liebe, Freundschaft und Mitgefühl an das breite Publikum vermittelt.

Was tun, wenn man alles vergisst, was einem einmal wichtig war? Wenn man das Gefühl hat, etwas Wertvolles verloren zu haben und es nicht wiederfindet? Diesem Problem steht der Nachbarsjunge Kay gegenüber. Nachdem er von Splittern eines zerbrochenen Spiegels, welcher Schönes in Hässliches verwandelt, in Auge und Herz getroffen wird, sieht er nur noch das Schlechte in der Welt, empfindet keine Freude und wendet sich von seiner besten Freundin Gerda ab. Er gerät in die Fänge der eisigen Schneekönigin, weshalb er sich nicht an die Freundschaft zu Gerda erinnert. Trotz der Gemeinheiten und des Egoismus Kays durchquert diese die Jahreszeiten und lässt sich durch keine Avancen von ihrer Mission ablenken, ihren besten Freund zurückzuholen.

Die Hamletmaschine – Wildwuchs-Theater Bamberg

von Sebastian Meisel (21. November 2019)



© Denis Meyer


Angekündigt wurde die Aufführung mit den Worten: "Dementsprechend schwer fällt der unmittelbare Zugang zu dem Stück." Nun, hier wurde recht behalten. Aber ist das ein Problem? Kann es sein – muss es aber nicht. Über einen etwas anderen Theaterabend.

Manchmal versagt die Sprache. Nicht, weil es nichts zu berichten gäbe. Oder man sprichwörtlich sprachlos wäre – aus Schock, aus Ekel, aus Erstaunen. Sondern weil sich das, was beschrieben werden soll, den gewohnten Kategorien entzieht. Bespricht man ein Theaterstück, dann kann man sich, selbst wenn man keine eigenen Ideen hat, doch immer an ein paar Strukturen orientieren. Was passiert im ersten, was im zweiten Akt? Wie wird das Bühnenbild benutzt? Ist der so genannte "Rote Faden" durchweg erkennbar?

Wenn zwei nicht reden, dann – ja, was dann?

von Hannah Deininger (6. November 2019)


                                                                     © Konrad Fersterer

Am Samstag, den 02. November 2019, wurde im Staatstheater Nürnberg die Premiere des Stücks Nora von Henrik Ibsen in einer Inszenierung von Andreas Kriegenburg aufgeführt. Vor knapp 140 Jahren schrieb Ibsen über die namensgebende Protagonistin Nora, die erste sich auf der Bühne emanzipierende Frau. Damals war vor allem die Befreiung der Frau aus ihrem engen Rollenbild revolutionär, was mittlerweile weniger unwirklich wirkt. Doch auch heute hat das Stück Nora nichts von seiner Brisanz und Aktualität eingebüßt und findet sich deshalb zurecht auf der Bühne wieder.

Die Geschichte, die Ibsen erzählt, wirkt zunächst recht einfach: Es ist kurz vor Weihnachten, die Eheleute Nora und Torvald Helmer führen ein glückliches Eheleben nach traditioneller Rollenverteilung. Er arbeitet viel und verdient Geld, um die Familie zu versorgen, sie bleibt daheim, hütet die Kinder, sieht dabei hübsch aus und gibt das von ihm verdiente Geld wieder aus. Dieses kleinbürgerliche Glück wird noch perfekter, da Torvald zu Beginn des neuen Jahres eine Stelle als Bankdirektor antreten wird und somit noch mehr verdient. So weit, so gut. Doch natürlich gibt es auch in dieser Geschichte ein Ereignis in der Vergangenheit (welches, wird hier nicht verraten), das nun seinen langen Schatten auf die Familienidylle wirft.

Hier bin ich deutsch, hier darf ich’s sein

von Florian Grobbel (16. Oktober 2019)

© Martin Kaufhold

Es klingt ein wenig dubios, dass in irgendeinem kleinen Haus irgendeiner ruhigen deutschen Wohnsiedlung, wo die Welt noch in Ordnung ist und die Hunde des Nachbarn ihr Geschäft auf dem Rasen verrichten, das eigentliche Oberhaupt unseres Volkes hausen soll: Der Reichskanzler – ein Mann, der die Wahrheit über die betrügerische Firma der Bundesrepublik kennt und das deutsche Volk zur alten Freiheit zurückführen wird. Dass es jene Reichsbürger-Szene wirklich gibt, ist schon irritierend genug, dass sie jetzt Thema auf der Bühne wird, steigert die Verwirrung noch mehr. Mit Der Reichskanzler von Atlantis feierte das ETA Hoffmann Theater Bamberg am 13. Oktober die zweite Premiere dieser Spielzeit.

Jeden Morgen erwacht der Reichskanzler Fürst Burkard aus seinem Nachtschlaf und ist bereit für einen neuen Tag, an dem er mit vollem Stolz das Deutsche Reich verwalten wird. Bekleidet mit der ehrwürdigen Schärpe des Staatsoberhauptes und dem bequemen Polo-Shirt macht er sich an die wichtige Telefonsprechstunde, um alle Fragen des deutschen Volkes zu beantworten. Seltsamerweise legen alle Anrufer sofort auf, als er sich mit „Reichskanzler Fürst Burkard“ meldet.  In seiner Amtsstube, die in der Inszenierung besonders trickreich von Bühnenbildner Nikolaus Fricke gestaltet wurde, gibt es für alles einen Hefter und ein Kläppchen, denn Ordnung muss sein. So besteht der Kaiser auch darauf, dass sein Reichsinnenminister, der viel zu spät zur Konferenz erscheint, seine Schuhe am Eingang auszieht, damit keine Flecken auf den Teppich kommen. Gemeinsam verfassen sie ein Pamphlet, dass dem Wohle des Volkes dienen soll, aber natürlich erst nach der Kaffeepause, denn gerade bringt Fürst Burkards herzensgute Frau Jutta einen frischen Apfelkuchen herein.