Maliziös, doch spaßig

von Christian Eschenfelder (11. Juli 2017)

© e.g.o.n.

 

Zu einer Zeit im Jahr, in der das europäische Wetter beinahe anarchistische Züge annehmen kann, bedarf es besonderen Mut, Theatergänger ins ungeschützte, nicht überdachte Freie zu locken. Doch das taten – wie alle Jahre wieder – die Damen und Herren von e.g.o.n und luden zu ihrem traditionellen Open-Air-Theater am Musikpavillon/Sonnentempel im Hain ein.

Aufgeführt wurde ein Stück des Barden von Avon höchstpersönlich, Die 12. Nacht oder Was ihr wollt – eine Institution unter den Theaterstücken. Es handelt vom Irrsinn, der sich in Illyrien abspielt, von Verwechslungen, der Liebe, dem Trinken, Herzogen und Grafen, von Duellen, Imitationen, Narren und dem zum Narren halten; ein Stück, das wegen seines Witzes und der verschiedenen Handlungsstränge, die zum Schluss ihren Zusammenhang finden, gut und gerne als Vorgänger sämtlicher moderner Guy Ritchie-Filme durchgehen könnte.

Huck und Jim hauen Vorurteile um

von Jana Röcklein und Anna-Maria Schmidt (12. Juli 2017)

© Heidi Lehnert

 

Das Chapeau Claque zeigt in einer Freiluftinszenierung das Stück »Huck und Jim – Bis ans Ende des Flusses«, das frei auf den Roman von Mark Twain beruht. Auf ihrer abenteuerlichen Reise an das andere Ufer müssen sich Huck und Jim sowohl neuen Herausforderungen stellen, als auch alte – und immer noch aktuelle – Vorurteile aus dem Weg räumen.

Umgeben von grünen Wiesen liegt ein kleines Floß am See. Das Chapeau Claque hat sich für dieses Stück einen ganz besonderen Spielort ausgesucht. Die Marinekameradschaft in Bug. Man kann sich die beschauliche Regnitz schon fast als wild reißenden Mississippi vorstellen. Der Flair ist auf jeden Fall gegeben. Hier wird die Geschichte von Huckleberry und Jim erzählt, die auf den Erzählungen von Mark Twain beruht. Anders als im Buch ist Huckleberry, kurz Huck genannt, hier ein Mädchen und Jim ein Schwarzer. Huck trifft auf der Flucht vor ihrem alkoholabhängigen Vater auf Jim, der ebenfalls ungewollt auf der Flucht ist. Zusammen beschließen die beiden, ein Floß zu bauen und bis ans Ende des Flusses zu fahren. Damit ihr Vater Huck auf ihrer Flucht nicht erkennt, wird die kleine Huck kurzerhand als Junge verkleidet. Um jedoch in ihrer Rolle als Junge nicht aufzufallen, reicht es nicht, nur wie ein Junge auszusehen, sondern sie muss sich auch dementsprechend wie einer benehmen können. Hierbei erhält sie natürlich Unterstützung von ihrem Freund Jim, der sich diesbezüglich bestens auskennt. Wenn sie dann mit Jim versucht einen männlichen Gang zu finden – um auch wirklich wie ein Mann zu wirken - ist das für das Publikum sehr amüsant anzusehen, denn Hucks Versuche, wie ein Mann zu gehen, ähneln wohl eher dem Gang eines Gorillamännchens auf Paarungssuche.

My one regret in life is that I’m not someone else

von Friederike Klett (10. Juli 2017)

 

© Walter Lorenz

 

Vielleicht war der Kinofilm ja die wichtigste kulturelle Revolution des 20. Jahrhunderts, und vielleicht ist er nur Literatur mit anderen Mitteln. Fest steht aber die atemberaubende Evolution des Filmes selbst. Die technischen Möglichkeiten haben sich seit seinem Anbeginn in rasender Geschwindigkeit entwickelt und auch die Art und Weise, wie im Film gespielt wird, wurde immer lebensnaher, natürlicher und ehrlicher, wie die verfilmten Geschichten immer komischer, tragischer und menschlicher wurden. Wenn wir Film »Literatur« nennen, dann war sie noch nie so populär und verfügbar wie heute, noch nie so unüberschaubar in Sub- und Subsubsubgenres aufgesplittert, so qualitativ hochwertig und so niveaulos. Trotzdem können auch wir jungen YouTube- und Netflix-Jünger uns nicht dem unbestechlichen Charme eines herrlich überspielten Schwarz-Weiß-Filmes entziehen, auch wenn er aus den 80ern stammt.

Das TiG-Theaterensemble hat Woody Allens KomödieThe Purple Rose of Cairo in einer Inszenierung von Nina Lorenz auf die Bühne gebracht und damit etwas geschafft, was nur selten gelingt – ein modernes Medium in ein klassischeres zu übersetzen, und damit sogar die allein schon reichhaltige Geschichte zu erweitern. Im Film sind Dinge möglich, die auf einer Bühne nicht erzählt werden können oder erst verschlüsselt werden müssen. An dem Abend im Kino Odeon war davon zum Glück nichts zu spüren.

»Hier hat der Himmel seine Hand im Spiel gehabt.«

von Lisa Strauß und Florian Grobbel (5. Juli 2017)

 

© Martin Kaufhold

Bei anhaltendem Regen venezianischen Charme zu erschaffen, ist gar nicht so einfach. Das Ensemble des ETA-Hoffmann-Theaters stellte sich dieser Herausforderung bei der Premiere der diesjährigen Calderón-Spiele. Gezeigt wurde Carlo Goldonis Der Diener zweier Herren in der Inszenierung von Susi Weber. Nicht in Klein-Venedig, sondern wie gewohnt in der alten Hofhaltung, brachte das Bühnenbild italienisches Flair ins verregnete Bamberg. Ausstaffiert mit Regencapes, folgten wir dieser heitere Verwechslungskomödie in den Süden.

Eigentlich scheint alles geregelt mit der Verlobung von Silvio Lombardi und Clarice Pantalone. Sowohl sie, als auch ihre Väter sind zufrieden. Es könnte schöner nicht sein, aber wie das Leben eben so spielt, wird die Harmonie jäh gestört. Truffaldino, der Diener des totgeglaubten Federigo Rasponi, taucht plötzlich im Haus des Brautvaters auf und sorgt für Furore: Ursprünglich sollte der reiche Rasponi Clarice zur Frau nehmen. Diese vergisst sich, angesichts der Hiobsbotschaft, völlig und kann es nicht fassen. Erst als Federigo zur Tür hereintritt, nimmt ihr Schreckensbild Gestalt an. Nur die Wirtin des hiesigen Gasthofes erkennt, dass es sich nicht um den Herren, sondern um seine Schwester Beatrice handelt, die in dessen Kleidern in die Stadt kam. Gegen eine angemessene Belohnung gelobt sie Stillschweigen.

Entweder man stand auf der Seite der Nazis oder nicht

von Christian Eschenfelder (31. Mai 2017)

 

© Martin Kaufhold

 

Am 19. Mai fand im ETA Hoffmann Theater die deutsche Erstaufführung von Tena Štivičićs Stück Drei Winter statt. Das Stück spielt an drei Abenden in Zagreb – 1945, 1990 und 2011. Jedes dieser Jahre hatte für Kroatien eine große Bedeutung; 1945 das Ende des zweiten Weltkriegs, 1990 der Zusammenbruch des Ostblocks und 2011 der Eintritt in die EU, und mit jedem Jahr standen grundlegende Veränderungen in der Lebensweise und der politischen und gesellschaftlichen Führung des Landes bevor.

Im Mittelpunkt des Stücks steht die Familie Kos, deren Familienoberhaupt Rose Ende des Zweiten Weltkriegs eine Wohnung in einem Haus zugewiesen bekommt, in das sie mit ihrem Mann und ihrer Mutter zieht. Die Seite, für die Roses Mann in den Krieg gezogen ist, ist die gewesen, die verloren hat. Der Faschismus wird in Kroatien nunmehr als fragwürdig geahndet, weswegen der Mann seine Werte und Überzeugungen schon bald überdenken muss, die Fotos, auf denen er Uniform getragen hat, verbrennt und sich einem Leben zuwendet, das konformer mit den Werten des Ostblocks ist. Auch 1990 und 2011 standen gesellschaftliche und politische Veränderungen in Kroatien bevor und wieder müssen die Familienmitglieder ihre Überzeugungen und Werte neu überdenken.