I must make amends

von Friederike Klett (26. März 2017)

 

 © noraphotography

 

Als ich ungefähr fünfzehn Jahre alt war, saß ich abends in meinem Zimmer, als mein Vater meine Langeweile bemerkte. Auf Arte lief an diesem Abend der Spielfilm The Rose, der von einer fiktiven Künstlerin und ihrem Weg in die persönlichen Abgründe der Vergangenheit, einer drogenbedingt wechselhaften und schließlich scheiternden Beziehung handelte und letztendlich in den Herointod der Sängerin führte. Der Sender schloss dem zwei Dokumentationen über die echte Janis Joplin an und schließlich noch das aufgenommene zweite Konzert auf Woodstock, das zusätzlich statt fand, weil das erste aufgrund eines Fehlers des Managers nicht gefilmt wurde. Am nächsten Tag hatte ich mir bereits ein Album mit den Greatest Hits Joplins gekauft und hörte es monatelang in Dauerschleife.

Durch fast nichts wurde die Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts so stark geprägt wie durch frühe Tode von Popidolen, die fast gleichwertig durch ihre Lebensweisen wie durch ihre Musik zu Legenden wurden. Jeden Ton, den Janis Joplin sang, kann man noch heute fühlen, auch durch die Geschichte der Frau mit Komplexen, die in Austin die Wahl zum hässlichsten Mann des Campus gewonnen hatte und schon vorher wegen ihrer unkonventionellen Art ausgegrenzt wurde, um dann als Star der Hippieszene gefeiert zu werden.

»Ciao ragazzi, ciao!«

von Alexandra Kaganowska (18. März 2017)

 

© Jochen Quast

 

Ein italienisches Eiscafé, die Bayernfahne und Kellerbier, umspielt von Adriano Celentanos Stimme im Hintergrund – was hat das Ganze wohl mit Shakespeare zu tun? Damit und vielem mehr muss sich der nichtsahnende Zuschauer beim Besuch von ROMEO UND JULIA im Markgrafentheater Erlangen befassen, um mit Erstaunen festzustellen, dass all diese Dinge sich tatsächlich super mit der zeitlosen Tragödie Shakespeares vereinen lassen. Das Stück feierte am Abend des 11. März unter der Regie von Eike Hannemann und der Dramaturgie von Udo Edinger seine Premiere. Warum Lady Capulet einen Gretchenzopf trug und weshalb der Applaus bis in die fünfte Runde ging, erfahrt ihr im Folgenden.

Eine Gastwirtstätte mit Holztischen, die Bayernfahne als Tapete und mit angenehmer, leiser Klaviermusik ihm Hintergrund, so beginnt das Stück. Vater Montague ruft nach seinem Sohn Romeo. Ein Schild mit der Aufschrift DA MONTAGUE – original italienische Trattoria und Eiscafé wird an die Wand gehängt. Romeo kommt in brauner Lederjacke, Hemd und Jeans auf die Bühne und erklärt seinem Vater »Ich habe mich selbst längst verloren«, woran natürlich Rosalinde schuld ist. Dabei hält er sich größtenteils an den gereimten Text des Originals, welcher ihm ganz selbstverständlich und ungekünstelt über die Lippen kommt. Natürlich und ungekünstelt ist im Übrigen fast das ganze Stück trotz seiner unerwarteten Inszenierung!

Lass uns zusammen puschig sein

von Christian Eschenfelder (18. März 2017)

 


© Martin Kaufhold

Wer ist Abulkasem? Abulkasem ist eigentlich nur ein Mann aus dem Libanon, der Kammerjäger ist und davon träumt, irgendwann als Tänzer die großen Bühnen der Welt zu erobern. Doch was passiert mit einem Namen, wenn dieser inflationär genutzt wird, nicht nur als Bezeichnung einer Person, sondern als Nomen, Verb oder Adjektiv für alle möglichen Dinge, sowohl gute als auch schlechte?

Yousef und Arvid sitzen eines Tages im Theater und können dem Bühnenstück nichts abgewinnen, es langweilt sie, sie machen Witze darüber und rufen immer wieder irgendetwas und unterbrechen damit das Stück. Wovon das Stück handelt, spielt keine Rolle. Was eine Rolle spielt, ist, dass der Name Abulkasem fällt, denn Yousefs Onkel aus dem Libanon heißt ebenfalls Abulkasem. Schnell sind sich die beiden darüber einig, dass Abulkasem ein extrem geiler Name ist, und beginnen, das Wort Abulkasem für alle möglichen Situationen zu nutzen. Es steht als Synonym für geil, fett oder Koma, für einen Abend, an dem einen der Nachtbusfahrer umsonst mitnimmt. Aber auch für Lustlosigkeit und Langeweile. Egal, was gemeint ist, Abulkasem!

Wer spielt hier eigentlich was?

von Christian Eschenfelder (8. Februar 2017)

 


© Sarah Grießmann
 

Was zu Beginn noch wie eine Aufführung wirkt, in der die Schauspieler über fragwürdiges Talent verfügen, entpuppt sich schon bald als eine Aufführung, in der die Schauspieler tatsächlich über fragwürdiges Talent verfügen müssen. Aber wessen Talent ist nun echt oder unecht? Das der Schauspieler der Drama Group oder das der Schauspieler, die Teil des von der Drama Group inszenierten Stücks sind? Und kann man in diesem Fall sogar von einer gelungenen Aufführung sprechen, wenn sie so schlecht war, dass man dafür tatsächlich ein Talent braucht?

Am 27., 28. und 29. Januar zeigte die Bamberg University English Drama Group in der U7 eine Neuadaption von Luigi Pirandellos Six Characters in Search for an Author. Das Stück handelt von einer Laientheatergruppe, der von einer Familie ein Stück aufgezwängt wird, das sich schon bald als mehr entpuppt als nur ein Stück, denn die Familie, die in die Probe der Theatergruppe stürzt, hat nicht nur ein Theaterstück für die Gruppe, sie ist selbst ein Theaterstück für die Gruppe; ein unfertiges Stück, das auf der Suche nach einem Autor ist, der ihre Geschichte erzählt.

»Hier bin ich – die Frau für jeden«

von Sophia Klopf (4. Februar 2017)

 

© Carolin Cholotta

 

In das Milieu der Prostituierten, umgeben von Freiern und Misere, wagte sich das slawistische Theater ArtEast der Universität Bamberg mit Alexander Kuprins Stück Die Lastergrube / Jama, das am vergangenen Wochenende in der Alten Seilerei zu sehen war.

»Gehen Sie bitte weiter, die Mädchen warten schon! Schneller!« – begrüßt von diesen barschen Worten tritt der Zuschauer in den Saal ein, auf dessen Bühne sich schon die Schauspieler befinden. Die besagten Mädchen, so erfährt man gleich zu Anfang des Stückes, sind die Arbeiterinnen des Bordells, in dem das Drama spielt. Eine Umgebung, die wohl die meisten Menschen (bewusst) meiden, und die daher umso geeigneter ist, dem Zuschauer einmal vorgeführt zu werden. Ein Freudenhaus ist dieser Ort keineswegs im wörtlichen Sinn: Schon zu Beginn offenbaren sich die zahlreichen tragischen Vorgeschichten der Mädchen. Auch die Freier scheinen nie wirklich glücklich an diesem Ort zu sein, außer einem Trunkenbold, der die Mädchen bespaßt, aber ironischerweise im Bordell stirbt. Die einzigen heiteren Momente finden zwischen den Mädchen statt, wenn sie unter sich sein dürfen. Sie sind auch für einander da, wenn sie sich brauchen. Wenn die Prostituierte Zhenja zum Beispiel ihrer Kollegin Tamara erzählen muss, dass sie sich mit Syphilis angesteckt hat. Oder Ljuba, die von ihrem Liebhaber verstoßen, wieder in das Bordell zurückkehren muss, wo sie mit Schlägen empfangen wird. Solche dramatischen Szenen brennen sich in den Kopf und bleiben dort auch einige Tage.