Das ist doch die Höhe!

von Christian Eschenfelder (6. Mai 2017)

 


© Christian Martin

 

Eugene Ionescos Stück Die Nashörner ist seltsam und durchaus sonderbar, das steht vollkommen außer Frage. Die Bewohner einer Stadt werden einer nach dem anderen von der Rhinozeritis befallen und verwandeln sich langsam aber sicher in Nashörner. Das Absurde daran ist jedoch nicht nur diese Tatsache an sich, sondern die Reaktionen der Protagonisten darauf. Der Dickhäuter im Raum, beziehungsweise auf der Bühne, wird erst im letzten Drittel tatsächlich angesprochen und hinterfragt. Davor wird in einer Kneipe logisch darüber gefachsimpelt, ob es sich denn um ein oder zwei Nashörner handelt, ob diese über ein Horn oder zwei verfügen, ob sie aus Afrika oder Indien stammen; die juristischen Aspekte werden diskutiert und auch die Presse fragt sich, wie sie mit diesen vermeintlichen Fake-News am besten umgehen soll.

Zu Beginn spielt der Alkohol eine große Rolle. Er ist Streitpunkt zwischen Arbeitskollegen, er spendet Trost, nachdem ein Nashorn die Katze Muschi zertrampelt hat, und er regt die Diskussion darüber an, ob Sokrates wegen seiner zwei Beine vielleicht selbst eine Katze war. Es lässt sich sogar darüber streiten, ob der Alkohol nicht das einzige Mittel gegen die Rhinozeritis ist, da Herr Behringer, der gerne mal dem Alkohol frönt, bis zuletzt nicht zum Nashorn wird.

Kaleidoskop des Terrors

von Sophia Klopf (6. Mai 2017)

 

© Marion Bührle

 

Der Linienflug 149 der British Airways wurde 1990 kurz vor dem Start in Kuwait durch irakische Soldaten aufgehalten, die die Stadt invadierten. Das Flugzeug wurde auf der Landebahn aufgehalten und durfte nicht abheben. Die Insassen des Flugzeugs mussten den Flieger verlassen und ein Martyrium erdulden, das bestimmt war von Ungewissheit, Folter und vor allem Unfreiheit. Immer noch umgibt dieses Ereignis ein Netz von Fragen: Warum war dieses Flugzeug als einziges noch am Flughafen, obwohl die irakische Invasion schon angekündigt war? Warum hielt die Regierung sich so zurück, wo doch Leute in Not waren? Und am wichtigsten: Wie kann man als Teilnehmer solch eines Ereignisses mit so einer Erfahrung fertig werden? Das Theater Nürnberg versucht sich an einer Antwort und tauchte mit der Premiere des Stückes Black Box 149 von Christian Papke am 18. März ein in das Kuwait am Anfang des Golfkrieges.

Terror und Krieg sind Themen, die schwer zu erfassen sind, erst recht auf der Bühne. Das Stück zeigt in einer Reihe von Szenen, dass es auch bei solchen negativen Aspekten Hell und Dunkel gibt. Es geht um zwei Figuren, den »Man« und den Piloten. Der Pilot ist einer der Insassen des zuvor genannten Flugzeugs. Er ist im ersten Drittel des Stückes alleine auf der Bühne. Er wartet schon auf die Zuschauer, die die dunkle BlueBox (die ironischerweise aber trotzdem schwarz ist) betreten. Der Raum wird heller als seine Erzählungen fortschreiten. Auslöser für seine schmerzlichen Erinnerungen ist seine Tochter, die er in Gefahr wähnt und nicht beschützen kann, so wie es ihm in Kuwait ergangen ist. Als Pilot des Flugzeuges nahm er die Führung der Passagiere in die Hand, kümmerte sich, leitete. Dennoch gelang es ihm nicht, alle Leute aus dieser schwierigen Situation hinauszumanövrieren. Heimo Essl zeigt uns hier alle seine Facetten: Manchmal sitzt er auf der Bühne auf dem Stuhl da, versucht sich zu erinnern, wird ganz ruhig und zerbrechlich, an anderen Stellen läuft er umher, ist aufgebracht, sogar wütend, da er keine Handlungsmöglichkeiten hat. An einigen Punkten des Stückes befindet er sich neben, vor und hinter den Zuschauern, was eine bemerkenswerte Dichte schafft.

Eine nette Familie, muss ich sagen

von Christian Eschenfelder (29. März 2017)

 

© Martin Kaufhold

 

Anna Fierling ist Marketenderin. Sie macht Profit mit dem Krieg und ist, seitdem sie einmal 50 Brote heil ins belagerte Riga brachte, um diese zu verkaufen, bevor sie verschimmelten, als Mutter Courage bekannt. Bertolt Brechts Mutter Courage und ihre Kinder handelt von einer Frau und ihren drei Kindern, die während des Dreißigjährigen Kriegs aus Geschäftsgründen mit ihrem Planwagen durch das Kriegsgebiet ziehen, und mit allem handeln, was sich im damaligen Skandinavien finden ließ.

Ein Planwagen voller Krempel, ihre stumme Tochter Kattrin und ihre Söhne Eilif und Schweizerkas, mehr kann Mutter Courage nicht ihr Eigen nennen, als sie durch das Skandinavien des Dreißigjährigen Kriegs zieht. Ihr Hauptziel ist es, zu handeln, denn im Krieg lohnt es sich zu handeln; Soldaten brauchen Schnaps und gegen die Kälte braucht man Pelze. Zusätzlich hat sie es sich zur Hauptaufgabe gemacht, ihre Kinder vom Krieg fernzuhalten, denn vom »Soldatenvolk« hält sie nicht viel.

I must make amends

von Friederike Klett (26. März 2017)

 

 © noraphotography

 

Als ich ungefähr fünfzehn Jahre alt war, saß ich abends in meinem Zimmer, als mein Vater meine Langeweile bemerkte. Auf Arte lief an diesem Abend der Spielfilm The Rose, der von einer fiktiven Künstlerin und ihrem Weg in die persönlichen Abgründe der Vergangenheit, einer drogenbedingt wechselhaften und schließlich scheiternden Beziehung handelte und letztendlich in den Herointod der Sängerin führte. Der Sender schloss dem zwei Dokumentationen über die echte Janis Joplin an und schließlich noch das aufgenommene zweite Konzert auf Woodstock, das zusätzlich statt fand, weil das erste aufgrund eines Fehlers des Managers nicht gefilmt wurde. Am nächsten Tag hatte ich mir bereits ein Album mit den Greatest Hits Joplins gekauft und hörte es monatelang in Dauerschleife.

Durch fast nichts wurde die Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts so stark geprägt wie durch frühe Tode von Popidolen, die fast gleichwertig durch ihre Lebensweisen wie durch ihre Musik zu Legenden wurden. Jeden Ton, den Janis Joplin sang, kann man noch heute fühlen, auch durch die Geschichte der Frau mit Komplexen, die in Austin die Wahl zum hässlichsten Mann des Campus gewonnen hatte und schon vorher wegen ihrer unkonventionellen Art ausgegrenzt wurde, um dann als Star der Hippieszene gefeiert zu werden.

»Ciao ragazzi, ciao!«

von Alexandra Kaganowska (18. März 2017)

 

© Jochen Quast

 

Ein italienisches Eiscafé, die Bayernfahne und Kellerbier, umspielt von Adriano Celentanos Stimme im Hintergrund – was hat das Ganze wohl mit Shakespeare zu tun? Damit und vielem mehr muss sich der nichtsahnende Zuschauer beim Besuch von ROMEO UND JULIA im Markgrafentheater Erlangen befassen, um mit Erstaunen festzustellen, dass all diese Dinge sich tatsächlich super mit der zeitlosen Tragödie Shakespeares vereinen lassen. Das Stück feierte am Abend des 11. März unter der Regie von Eike Hannemann und der Dramaturgie von Udo Edinger seine Premiere. Warum Lady Capulet einen Gretchenzopf trug und weshalb der Applaus bis in die fünfte Runde ging, erfahrt ihr im Folgenden.

Eine Gastwirtstätte mit Holztischen, die Bayernfahne als Tapete und mit angenehmer, leiser Klaviermusik ihm Hintergrund, so beginnt das Stück. Vater Montague ruft nach seinem Sohn Romeo. Ein Schild mit der Aufschrift DA MONTAGUE – original italienische Trattoria und Eiscafé wird an die Wand gehängt. Romeo kommt in brauner Lederjacke, Hemd und Jeans auf die Bühne und erklärt seinem Vater »Ich habe mich selbst längst verloren«, woran natürlich Rosalinde schuld ist. Dabei hält er sich größtenteils an den gereimten Text des Originals, welcher ihm ganz selbstverständlich und ungekünstelt über die Lippen kommt. Natürlich und ungekünstelt ist im Übrigen fast das ganze Stück trotz seiner unerwarteten Inszenierung!