Bitterböse Zivilisationskritik à la Houellebecq

von Michelle Mück (30. Januar 2017)

 

 
© Martin Kaufhold

 

Einen Roman ohne größere »Reibungsverluste« auf die Theaterbühne zu bringen, gelingt nicht immer, doch gleich vorweg: dem Dramaturgen Remsi Al Khalisi ist das mit Michel Houellebecqs umstrittenem neusten Werk Unterwerfung am ETA Hoffmann Theater in Bamberg durchaus geglückt, wie ich am 27. Januar bei der Premiere des Stückes sehen durfte. Stephan Ullrich glänzt in der Rolle des Professors François, der miterlebt, wie der Islam Frankreich schleichend »unterwirft«. Pina Kühr übernimmt gleich mehrere Rollen: die der Myriam, der Marie-Françoise und Marine Le Pen, die sie brillant spielt.

Dass aus dem Roman nicht ein einziger langer Monolog wurde, ist dem Umstand zu verdanken, dass der Hauptfigur François drei weitere Schauspieler zur Seite gestellt werden, mit denen er interagieren kann. Besonders der Kniff, den zum Katholizismus gewechselten Autor der Dekadenz, Huysmanns, dem die bisherige Forschungsarbeit des Literaturprofessors François galt, als agierende Figur, sozusagen als Phantom aus der Vergangenheit, zu etablieren, wirkt durchaus belebend. Wie ein »Sidekick« kann er dem Protagonisten so manche Bälle zuspielen, wodurch der doch recht kopflastigen Vorlage Houllebecqs sogar etwas Witz abgewonnen wird.

»Mord ist eine kollektive Wahnvorstellung«

von Johanna Sauer (24. Januar 2017)

 


© Werner Lorenz

 

Warum beschließen drei Menschen, eine Reihe von Morden zu begehen? Warum der Hass gegen Ausländer? Warum hat es so lange gedauert, die Morde aufzuklären? Das alles wurde 2011 gefragt, als der rechtsradikale Hintergrund der »Döner-Morde« bekannt wurde, und all das fragen wir uns heute noch. Das TiG gibt keine Antwort. »Alles falsche Fragen!«

21. Januar, das Theater im Gärtnerviertel hat Premiere und es geht um ein schwieriges Thema. Die Folgen des Nationalsozialismus sind der deutschen Geschichte nur zu gut bekannt und dennoch sind wir weit davon entfernt, dass das Gemisch aus blinder Wut und unterdrückter Scham aus unserer Gesellschaft verschwunden wäre. Umso wichtiger ist es also, offen darüber zu reden. Aber wie? Man könnte ein Theaterstück machen. Die NSU-Morde wären dafür reinstes Hollywood. Eine kleine Gruppe Verrückter, die über ein Jahrzehnt lang mordet, während die Polizei im Dunkeln tappt, insgesamt zehn Opfer, die nicht nur brutal und grundlos ermordet wurden, sondern denen auch lange Verbindungen zur Mafia und Drogenringen angehängt wurden. Vieles in dem Fall bleibt heute noch unaufgeklärt. Zwei der Täter haben sich umgebracht, die andere schweigt und die Akten sind unter Verschluss. Also viel Raum zur kreativen Interpretation, zur freien Auslegung, um aus sicherer Entfernung und von ganz oben herab in den tiefen Abgrund der Seelen der Täter zu blicken und leise »Warum?« zu fragen.

Die da oben

von Florian Grobbel (23. Januar 2017)

 


© Martin Kaufhold

 

Die Französische Revolution. Diese blutige Zeit war der Startschuss für die moderne Demokratie. La Révolution #1 - Wir schaffen das schon von Joël Pommerat, inszeniert von Niklas Ritter, zeigt uns im Studio des ETA Hoffmann Theaters, dass die Werte und vor allem Konflikte dieser vergangenen Tage heute aktueller nicht sein könnten. Ein Bericht über die Premiere einer etwas anderen Inszenierung am 20. Januar.

Gleichheit. Ein auf den ersten Blick einfach klingender Begriff. Alle Menschen sind gleich. Ein auf den ersten Blick einleuchtend klingender Fakt. Warum gibt es trotzdem bis heute noch Unklarheiten über diese Gleichheit? Warum musste schon während der Französischen Revolution Égalité gefordert werden? Möglicherweise ist das mit der Gleichheit doch nicht ganz so einfach.

...und Nero lachte bis zum Schluss.

von Victoria Thum (30. Dezember 2016)

 


© Wildwuchs

Das Wildwuchs inszeniert seine bizarre Rock-Operette Nero neu. Um es kurz und mit Anne Wills Worten über Böhmermanns NeoMagazin Royale auszudrücken: »Also, wirklich sehr gelungen. Etwas verwirrend vielleicht, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es auch wieder sehr gut ankommen wird.«

Nero, kennste? Der Althistoriker Theodor Mommsen urteilte einst über ihn: »Er ist vielleicht der nichtswürdigste Kaiser, der je auf dem römischen Thron gesessen hat, und das will viel sagen.« Doch schon vorher stand Nero für die Verkörperung von Talentfreiheit, römischer Dekadenz, Sittenlosigkeit, Grausamkeit und Größenwahn. Ein grell groteskes Bild, das nach Neros Tod seine Gegner, die Senatsaristokraten, zeichneten und das sich tapfer in der Literatur- und Filmgeschichte hält. In Mervyn LeRoys Monumentalfilm Quo vadis spielt Peter Ustinov Nero als weinerlichen Weichling, der die Leier spielt, während Rom brennt und begeistert ausruft: »Mehr und mehr will das Volk heute Zerstreuung.« Und der exzentrische Herrscher, der Bühnenheld und Volksliebling sein wollte, gab dem Volk, was es wollte: Spiel, Spaß und Spannung, verpackt in einer One-Man-Show. »Nero wurde, aus eigenem Antrieb und eigenen Fähigkeiten, der erste Popstar der Geschichte«, urteilt der Historiker Richard Holland. Dabei ertrug der egomanische Popstar Kritik an seinem Spiel nicht. Kaum eine Anschuldigung habe Nero getroffen wie die, er spiele die Kithara (heute wäre es vielleicht eine E-Gitarre) schlecht. Und so sorgten bei seinen Auftritten Claqueure für Applaus, um die zarte Künstlerseele zu schonen.

Endstation Baby

von Wiebke Glaser (14. Dezember 2016)

 


© Marion Bührle

 

Vier Frauen (gespielt von Karen Dahmen, Lilly Gropper, Nicola Lembach, Ruth Macke) glitzern auf der sonst leeren Bühne um die Wette. Allerdings ist das Funkeln allein den paillettenbesetzten Kleidern zu verdanken. Müde, traurig und überfordert stolpern sie durch das sogenannte Leben, das sie führen, seitdem sie sich haben schwängern lassen. Zwar waren sie schon vor dem Baby im Bauch Suchende, doch das Kind sollte diese Leere vergessen machen und ihrer Existenz Sinn und Achtung verleihen. Doch je größer der Bauchumfang wurde, umso mehr nahm der Bekanntenkreis ab. Mit der Geburt des Kindes fühlten sie sich jedoch endgültig ins gesellschaftliche Abseits katapultiert. Einst engagierte, emanzipierte und lebenshungrige Frauen, finden sie sich nun allein und ohne Vision wieder. Den Spiegel über ihr krampfhaft aufrechterhaltendes Selbstbild mit dem Facebook-Aktivismus hält ihnen dann ausgerechnet der eigene Spross vor, das Kind, für das sie doch ihre Ziele immer wieder auf ein Morgen verschoben haben. Die Töchter wettern gegen eine Gesellschaft, die denkt, Likes oder durchdiskutierte Nächte könnten die Welt verändern. Allein die Tat treibt die Kindergeneration an (ironischerweise besteht jedoch auch hier das Handeln aus immer wieder neuen unerfüllten Aktionsplänen). Aber das schlimmste ist sowieso, dass die Mutter meint, auf dem Land ein neues Leben beginnen zu wollen und man zwangsweise mitkommen muss, weil ohne die helfende Hand des Nachwuchses die Mutter verloren wäre.

In Sibylle Bergs Theaterstück Und dann kam Mirna knallen die Generationen aufeinander: Auf der einen Seite die Eltern, die sich dem virtuellen Selbstdarstellungsdiktat unterworfen haben und denen die vermeintliche Selbsterfüllung über wirtschaftliche Absicherung geht, und auf der anderen Seite die Kinder, die nüchtern nach Macht und Einfluss streben und mit der kumpelhaften Art ihrer Mütter nichts anzufangen wissen. Mehr noch sehnen sie sich nach dem klassischen Familienbild oder zumindest einer Leitfigur, die ihnen Halt und Orientierung gibt. Besonders steht jedoch die Mutterrolle zur Diskussion. Im Gegensatz zu anderen Ländern, wie zum Beispiel Frankreich oder Schweden, werden Mütter in Deutschland argwöhnisch beäugt und stehen oftmals unter Rechtfertigungszwang. Nicht mal auf die Kategorisierung in Heilige oder Hure können sich Mütter verlassen. Sie scheinen eigentlich nie etwas richtig machen zu können. Ihr Handeln steht unter einem permanenten gesellschaftlichen Scheinwerfer, immer bereit zur Verurteilung. Sibylle Berg wirft aber über die Kritik an der überidealisierten Mutterrolle eine weitere Frage auf (mittlerweile hat ein Kunststoffriesenbaby Einzug auf die Bühne erhalten, das die Frauen nicht mehr aufhören können zu liebkosen und gleichzeitig für ihr Scheitern verantwortlich machen): War für die Frauen die Vorstellung vom Muttersein nicht bereits eine Flucht aus einer Existenz des Scheins, einem Leben des ›Nichts muss, alles kann‹ mit der Folge anhaltender Stagnation? Vom Muttersein erhofften sich die Frauen die ersehnte Erfüllung und Bedeutung, denn als Mutter ist man doch geachtet! Schließlich ordnet man seine Selbstfindung und den eigenen Körper einem höheren Zweck unter. »Aber niemand klatschte«, müssen die Frauen stattdessen ernüchtert feststellen.