Lass uns zusammen puschig sein

von Christian Eschenfelder (18. März 2017)

 


© Martin Kaufhold

Wer ist Abulkasem? Abulkasem ist eigentlich nur ein Mann aus dem Libanon, der Kammerjäger ist und davon träumt, irgendwann als Tänzer die großen Bühnen der Welt zu erobern. Doch was passiert mit einem Namen, wenn dieser inflationär genutzt wird, nicht nur als Bezeichnung einer Person, sondern als Nomen, Verb oder Adjektiv für alle möglichen Dinge, sowohl gute als auch schlechte?

Yousef und Arvid sitzen eines Tages im Theater und können dem Bühnenstück nichts abgewinnen, es langweilt sie, sie machen Witze darüber und rufen immer wieder irgendetwas und unterbrechen damit das Stück. Wovon das Stück handelt, spielt keine Rolle. Was eine Rolle spielt, ist, dass der Name Abulkasem fällt, denn Yousefs Onkel aus dem Libanon heißt ebenfalls Abulkasem. Schnell sind sich die beiden darüber einig, dass Abulkasem ein extrem geiler Name ist, und beginnen, das Wort Abulkasem für alle möglichen Situationen zu nutzen. Es steht als Synonym für geil, fett oder Koma, für einen Abend, an dem einen der Nachtbusfahrer umsonst mitnimmt. Aber auch für Lustlosigkeit und Langeweile. Egal, was gemeint ist, Abulkasem!

Wer spielt hier eigentlich was?

von Christian Eschenfelder (8. Februar 2017)

 


© Sarah Grießmann
 

Was zu Beginn noch wie eine Aufführung wirkt, in der die Schauspieler über fragwürdiges Talent verfügen, entpuppt sich schon bald als eine Aufführung, in der die Schauspieler tatsächlich über fragwürdiges Talent verfügen müssen. Aber wessen Talent ist nun echt oder unecht? Das der Schauspieler der Drama Group oder das der Schauspieler, die Teil des von der Drama Group inszenierten Stücks sind? Und kann man in diesem Fall sogar von einer gelungenen Aufführung sprechen, wenn sie so schlecht war, dass man dafür tatsächlich ein Talent braucht?

Am 27., 28. und 29. Januar zeigte die Bamberg University English Drama Group in der U7 eine Neuadaption von Luigi Pirandellos Six Characters in Search for an Author. Das Stück handelt von einer Laientheatergruppe, der von einer Familie ein Stück aufgezwängt wird, das sich schon bald als mehr entpuppt als nur ein Stück, denn die Familie, die in die Probe der Theatergruppe stürzt, hat nicht nur ein Theaterstück für die Gruppe, sie ist selbst ein Theaterstück für die Gruppe; ein unfertiges Stück, das auf der Suche nach einem Autor ist, der ihre Geschichte erzählt.

»Hier bin ich – die Frau für jeden«

von Sophia Klopf (4. Februar 2017)

 

© Carolin Cholotta

 

In das Milieu der Prostituierten, umgeben von Freiern und Misere, wagte sich das slawistische Theater ArtEast der Universität Bamberg mit Alexander Kuprins Stück Die Lastergrube / Jama, das am vergangenen Wochenende in der Alten Seilerei zu sehen war.

»Gehen Sie bitte weiter, die Mädchen warten schon! Schneller!« – begrüßt von diesen barschen Worten tritt der Zuschauer in den Saal ein, auf dessen Bühne sich schon die Schauspieler befinden. Die besagten Mädchen, so erfährt man gleich zu Anfang des Stückes, sind die Arbeiterinnen des Bordells, in dem das Drama spielt. Eine Umgebung, die wohl die meisten Menschen (bewusst) meiden, und die daher umso geeigneter ist, dem Zuschauer einmal vorgeführt zu werden. Ein Freudenhaus ist dieser Ort keineswegs im wörtlichen Sinn: Schon zu Beginn offenbaren sich die zahlreichen tragischen Vorgeschichten der Mädchen. Auch die Freier scheinen nie wirklich glücklich an diesem Ort zu sein, außer einem Trunkenbold, der die Mädchen bespaßt, aber ironischerweise im Bordell stirbt. Die einzigen heiteren Momente finden zwischen den Mädchen statt, wenn sie unter sich sein dürfen. Sie sind auch für einander da, wenn sie sich brauchen. Wenn die Prostituierte Zhenja zum Beispiel ihrer Kollegin Tamara erzählen muss, dass sie sich mit Syphilis angesteckt hat. Oder Ljuba, die von ihrem Liebhaber verstoßen, wieder in das Bordell zurückkehren muss, wo sie mit Schlägen empfangen wird. Solche dramatischen Szenen brennen sich in den Kopf und bleiben dort auch einige Tage.

Bitterböse Zivilisationskritik à la Houellebecq

von Michelle Mück (30. Januar 2017)

 

 
© Martin Kaufhold

 

Einen Roman ohne größere »Reibungsverluste« auf die Theaterbühne zu bringen, gelingt nicht immer, doch gleich vorweg: dem Dramaturgen Remsi Al Khalisi ist das mit Michel Houellebecqs umstrittenem neusten Werk Unterwerfung am ETA Hoffmann Theater in Bamberg durchaus geglückt, wie ich am 27. Januar bei der Premiere des Stückes sehen durfte. Stephan Ullrich glänzt in der Rolle des Professors François, der miterlebt, wie der Islam Frankreich schleichend »unterwirft«. Pina Kühr übernimmt gleich mehrere Rollen: die der Myriam, der Marie-Françoise und Marine Le Pen, die sie brillant spielt.

Dass aus dem Roman nicht ein einziger langer Monolog wurde, ist dem Umstand zu verdanken, dass der Hauptfigur François drei weitere Schauspieler zur Seite gestellt werden, mit denen er interagieren kann. Besonders der Kniff, den zum Katholizismus gewechselten Autor der Dekadenz, Huysmanns, dem die bisherige Forschungsarbeit des Literaturprofessors François galt, als agierende Figur, sozusagen als Phantom aus der Vergangenheit, zu etablieren, wirkt durchaus belebend. Wie ein »Sidekick« kann er dem Protagonisten so manche Bälle zuspielen, wodurch der doch recht kopflastigen Vorlage Houllebecqs sogar etwas Witz abgewonnen wird.

»Mord ist eine kollektive Wahnvorstellung«

von Johanna Sauer (24. Januar 2017)

 


© Werner Lorenz

 

Warum beschließen drei Menschen, eine Reihe von Morden zu begehen? Warum der Hass gegen Ausländer? Warum hat es so lange gedauert, die Morde aufzuklären? Das alles wurde 2011 gefragt, als der rechtsradikale Hintergrund der »Döner-Morde« bekannt wurde, und all das fragen wir uns heute noch. Das TiG gibt keine Antwort. »Alles falsche Fragen!«

21. Januar, das Theater im Gärtnerviertel hat Premiere und es geht um ein schwieriges Thema. Die Folgen des Nationalsozialismus sind der deutschen Geschichte nur zu gut bekannt und dennoch sind wir weit davon entfernt, dass das Gemisch aus blinder Wut und unterdrückter Scham aus unserer Gesellschaft verschwunden wäre. Umso wichtiger ist es also, offen darüber zu reden. Aber wie? Man könnte ein Theaterstück machen. Die NSU-Morde wären dafür reinstes Hollywood. Eine kleine Gruppe Verrückter, die über ein Jahrzehnt lang mordet, während die Polizei im Dunkeln tappt, insgesamt zehn Opfer, die nicht nur brutal und grundlos ermordet wurden, sondern denen auch lange Verbindungen zur Mafia und Drogenringen angehängt wurden. Vieles in dem Fall bleibt heute noch unaufgeklärt. Zwei der Täter haben sich umgebracht, die andere schweigt und die Akten sind unter Verschluss. Also viel Raum zur kreativen Interpretation, zur freien Auslegung, um aus sicherer Entfernung und von ganz oben herab in den tiefen Abgrund der Seelen der Täter zu blicken und leise »Warum?« zu fragen.