Schlummert ein Mörder in jedem von uns?

von Franziska Schleicher (11. Dezember 2018)


Wem würdest du einen Mord zutrauen? Der Verkäuferin in der Bäckerei? Der Arzthelferin? Deinem besten Freund? Oder vielleicht sogar dir selbst? Mit dieser Frage spielt der neue Thriller der jungen deutschen Autorin Melanie Raabe.

Die Protagonistin Norah begegnet in ihrer neuen Heimat Wien auf der Straße einer Bettlerin, die ihr eine düstere Weissagung mit auf den Weg gibt: Norah wird am 11. Februar auf dem Prater einen Mann töten. Aus freien Stücken und mit gutem Grund. Zunächst tut Norah die Begegnung als nichtig ab und hält die Frau für verrückt. Doch nach und nach häufen sich merkwürdige Zufälle, die Norah in die Nähe dieses Mannes treiben. Sie beginnt Nachforschungen anzustellen und muss sich infolgedessen mit dem düstersten Kapitel ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Norah rutscht immer tiefer in einen scheinbar unaufhaltsamen Strudel aus Geheimnissen, an dessen Ende die entscheidende Frage wartet: ist sie wirklich in der Lage einen Menschen zu töten?

Schlüssel zur Vergangenheit 

von Jana Röckelein (28. November 2018)



Nomen est omen. Ein Schlüssel spielt in Marc Raabes Thriller Schlüssel 17 eine Schlüsselrolle. Zwischen düsteren DDR Machenschaften, dem Fund einer Leiche im Berliner Dom sowie einem verloren geglaubten Schlüssel spannt sich ein Netz, das Ermittler Tom Babylon immer mehr in seine Fänge treibt. 

Brutal zugerichtet hängt in der Kuppel des Berliner Doms die Leiche einer bekannten Pfarrerin. An ihren Hals hängt ein silberner Schlüssel mit der Aufschrift 17. Für Ermittler Tom Babylon beginnt mit diesem grausigen Fund ein Wettlauf gegen die Zeit, nicht nur aus Ermittlersicht, denn mit eben diesen Schlüssel verschwand seine jüngere Schwester Viola vor 19 Jahren. Er hat seit Jahrzehnten weder sie noch den Schlüssel gesehen. Viola ist sein wunder Punkt, er sein persönliches Damoklesschwert. Dieser eine kurze Moment am Tatort macht Tom schrittweise zu einem Getriebenen, der zunehmend jedem misstraut, der an den Ermittlungen beteiligt ist. Zu viele eigenartige Begegnungen und kleine Ungereimtheiten tauchen auf.

Take me to church!

von Jana Röckelein (4. November 2018)



„Wenn ich über alles nachdenke, was mir passiert ist, frage ich mich manchmal, ob irgendwas davon echt war. Ich frage mich manchmal, ob die Anstalt es vielleicht am Ende geschafft hat, mich verrückt zu machen.“ Was bleibt, wenn einem alles genommen wird, wenn sogar die eigene Identität ausradiert werden soll? Ergreifend erzählt der amerikanische Schriftsteller Garrard Conley in seiner autobiographischen Erzählung Boy erased über seine Zeit in einem Umerziehungscamp für Homosexuelle und wie sich dadurch die Beziehung zu seiner streng katholischen Familie verändert hat.

Arkansas, USA, 2003. Der Sohn eines streng katholischen Baptistenpredigers wird gegen seinen Willen vor seinen Eltern als homosexuell geoutet. Von nun an beginnt für ihn eine wahre Tortur – und die Frage nach seiner eigenen Identität. Unterwirft er sich den strengen Regeln seiner Kirchengemeinde, die die Bibel wortwörtlich nimmt und keine Fehltritte akzeptiert und entschließt sich zu einer Konversionstherapie oder riskiert er es für seine Identität einzustehen und aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden.

What a man

von Florian Grobbel (26. Oktober 2018)

 

Seit gut einem Jahr schwappt wieder eine neue große Welle des Feminismus über die Welt. Ausgelöst durch #MeToo wird sich wieder häufiger die Frage gestellt, welche Position Frauen in der Gesellschaft haben und durch was sie sich definieren. Niemand wird bestreiten, dass es im 21. Jahrhundert ein neues und modernes Frauenbild gibt. Doch wie ist es mit den Männern? Hat auch dieses Geschlecht eine Wandlung durchgemacht und wie definiert sich der moderne Mann? Der kanadische Autor David Szalay beschreibt neun moderne Männer in seinem Roman Was ein Mann ist.

Sehr systematisch und klar ist David Szalays Buch aufgebaut. In neun Kapiteln, betitelt nach den Monaten von April bis Dezember, beschreibt er Episoden aus den einzelnen Leben der verschiedensten Männer, von denen jeder einzelne Europäer ist und deren Geschichten stets in einem europäischen Land fern ihrer Heimat spielen. Zudem sind es verschiedene Altersgruppen, von denen dort nacheinander erzählt wird.

Schmil Grigorewitsch und seine Söhne

von Friederike Klett (24. Oktober 2018)

Maxim Biller ist der Meister der konzentrischen Kreise, die schöner nicht formuliert sein könnten. Dafür feiert man ihn als einen der besten Literaten der deutschen Gegenwart oder ist genervt von der Egomanie des rücksichts-, gnaden- und kompromisslosen Scheinbar-Bad-Boys. Die Wahrheit ist natürlich, dass man ihn für diese Egomanie feiern sollte, dafür dass es durchzieht nur über ich selbst zu schreiben und zu reden und sich fragen sollte, warum das eigentlich auffällt im deutschen Literaturbetrieb. Selbstverständlich auch für die Sätze in denen nie ein Wort falsch zu sein scheint und deren Melodie sich beim Lesen so schnell verselbstständigt wie verflüchtigt. 

Der neue Roman von Biller ist eine Familiengeschichte, die sich um den Tod von Schmil Grigorewitsch dreht, der im Russland der Fünfzigerjahre für illegale Geschäfte hingerichtet wurde. Fest steht für den Ich-Erzähler, der der Enkelsohn des Ermordeten ist, dass dies aufgrund eines Verrates innerhalb der Familie geschehen sein muss, die Frage, um die sich der Plot dreht ist bloß: Wer hat den Patriarchen verraten? Im Fokus stehen immer wieder die vier Söhne Schmils und zwischendurch seine Schwiegertochter, die erst mit dem einen Sohn, dem Vater des Ich-Erzählers, zusammen war, später dessen Bruder geheiratet hat und sich dann auch von diesem scheiden ließ. Der Roman springt zwischen verschieden Zeitebenen hin und her, von Kindheitserinnerungen bis ins Jetzt.