Eine schonungslose Generationencollage

von Maximilian Wick (4. Juni 2010)

Als seine Mutter Grethe im Sterben liegt, zieht der pensionierte Ingenieur Jürgen wieder bei seinem Vater ein, der in den letzten Jahren immer unselbstständiger geworden ist. Nach Grethes Tod ist Jürgen klar, dass er den barschen Walther, der als Kriegsgefangener die ersten zehn Lebensjahre seines Sohnes verpasst hat und zu dem er nie eine Bindung aufbauen konnte, pflegen wird. Sein eigener Sohn Nicki lebt mit Freundin Ruth in München und steht mit beiden Beinen fest im Leben. Doch auch er ist Teil der Familie und muss sich nun damit auseinandersetzen: Die vererbte Rationalität und das gelernte Verschweigen von Gefühlen stellen seine Beziehung auf die Probe.

Aus dem Leben und der Geschichte

Harriet Köhlers zweiter Roman ist atmosphärisch weniger beklemmend als sein Vorgänger Ostersonntag, büßt dadurch aber nichts an Tiefe und lebensnaher Erzählweise ein. In schnellem Wechsel präsentiert sie uns die Welten dreier Generationen, die ihre je eigene Geschichte mit sich tragen. Dass hierbei auch die Historie Deutschlands vom Krieg über Nachkriegszeit und Teilung bis hin zum Mauerfall mehr als einmal anklingt, verleiht dem Werk seinen musterhaften Charakter.Diesen nuanciert die Autorin durch sorgsame Beobachtung der zwischen Verschweigen und Annäherung schwankenden Charaktere, die dann doch mehr sind als bloße Archetypen ihrer Generationen. Der Roman beschränkt sich jedoch nicht auf Vergangenheitsbewältigung und zwischenmenschliche Konflikte: Auch das hochaktuelle Problem der Altenpflege verhandelt er gründlich recherchiert und auf Köhlers einfühlsame, aber schonungslose Art und Weise: »Grethe hatte ihm eines Tages ein Päckchen mitgebracht, nicht gleich beim ersten Mal, aber nachdem es ein zweites und ein drittes Mal passiert war, es waren ja nur ein paar Tropfen gewesen, na gut, ein kurzer Schwall, und auf einmal lagen die Einlagen da, gleich neben der Toilette: Tena for Men Level 1.« Der Autorin gelingt mit Und dann diese Stille ein beeindruckender Spagat zwischen Gesellschafts- und Familienroman, dessen intensive Atmosphäre fesselt und der im Gegensatz zu seinem Personal kein Blatt vor den Mund nimmt.


Und dann diese Stille
Harriet Köhler
Kiepenheuer & Witsch 2010
320 Seiten
19,95 Euro