Was uns das Flusspferd lehrt

von Philipp Schlüter (07. April 2015)

 

 

Nein, die Übergangsphase zwischen der Jugend und dem Erwachsenenalter ist nichts für Weicheier. Wenn es dann auch noch mit der Liebe nicht so recht klappen will, kann man sich schon mal fühlen, wie ein Frosch im Mixer. Oder wie ein Flusspferd in der Großstadt.

In Arno Geigers neuem Roman Selbstporträt mit Flusspferd findet sich der 22-jährige Julian in genau dieser Situation wieder. Die Trennung von seiner Freundin Judith hat er herbeigesehnt, doch als es wirklich dazu kommt, fühlt er sich wie aus Zeit und Welt gefallen. Der Student der Veterinärmedizin wandelt fragenvoll durch Wien und zum Ende des Sommersemesters sieht sein Gemütszustand folgenermaßen aus: »Einsam und verwundet lag ich da inmitten dieser betriebsamen Welt.« Wenn einem selbst die Birne von etwas dröhnt, dann reicht manchmal die Anwesenheit von etwas oder jemandem, der mit diesen Dingen absolut nichts am Hut hat. Solch einen stillen und gleichsam außergewöhnlichen Teilhaber findet Julian in einem Zwergflusspferd. Durch seinen Freund Tibor lernt er Professor Beham kennen, der in seinem Garten, wie Geiger es selbst in einem Interview auf der Leipziger Buchmesse formulierte, dieses »vollkommen unevolutionäre Wesen« für die Dauer eines Sommers beherbergt.

Typisch für das Genre des Adoleszenzromans ist die Oppositionshaltung der Hauptfigur. Dieser Gemütszustand kann sich sowohl nach innen, gegen frühere Einstellungen, als auch nach außen, gegen das Gesellschaftssystem, richten. In Geigers Buch begegnet uns ein Julian der beides vereint: Zerrissen zwischen Innen- und Außenwelt pendelt er zwischen Selbstmitleid und Selbstsicherheit. Bei der Stichwortschmeißerei »Adoleszenzroman« soll es aber nicht bleiben – verrät es doch konkret wenig über diese gelungene Eigenkomposition der Entwicklungsromangattung. Ursula März hat Selbstporträt mit Flusspferd in ihrer Rezension in der der ZEIT dem Genre des Bildungsromans zugeordnet. Doch weder steht die positive Charakterentwicklung des Protagonisten noch die Ausbildung bestimmter geistig-ästhetischer Fähigkeiten im Mittelpunkt des Buches. Julians Entwicklung läuft nicht zwanghaft auf irgendetwas zu. Der Autor gewährt seiner Figur im Bereich der persönlichen Entwicklung völlige Freiheit. Er zeigt, wie es sein könnte, wenn jemand seinen Platz in der Welt noch nicht gefunden hat, ohne zu bagatellisieren. Das Ende des Romans lässt maximal eine Ahnung im Leser aufkommen, dass Julian auf einem guten Weg sein könnte: »ich rannte mitten hinein, hinein in dieses Unfassliche, hinein in die sich öffnende Wildnis des Erwachsenenlebens, in die schöne, bedrohliche, mir unbekannte Welt.«

 Da Tibor, Julians Freund, Wien zu Beginn der Semesterferien für zwei Wochen verlassen muss, bittet er diesen, für ihn solange die Versorgung des Zwergflusspferds zu übernehmen. Letzterer willigt ein. Julian lernt Aiko, die Tochter des langsam dahinsiechenden Professors kennen und fühlt sich zu ihr hingezogen. Doch für ihn ist die kurzweilige Liebe ohne Zukunftsperspektive nichts und so weiß er immer schwieriger mit der sprunghaften Aiko umzugehen. Julian ist ein Denker, den der klassische Wunsch einer jeden Denkernatur überkommt: Wenn ich doch nicht so viel denken würde, ich könnte alles viel mehr genießen. Wenn Julians Suche nach sich selbst den Wellen gleicht, die an der Küste zerschlagen werden und permanent in Bewegung sind, dann versinnbildlicht das Zwergflusspferd wohl den guten alten Fels in der Brandung. Geiger konzipiert das Wesen und die Erscheinung des Tieres als mit dem Denken unserer modernen Gesellschaft völlig unvereinbar: »Ich wollte mich am Strom dieser natürlichen Unbrauchbarkeit aufrichten, mich von ihm hinführen lassen an die Idee, dass das Leben auch gut und schön sein kann, wenn es zu nichts führt.« Genau deswegen wird es für Julian, der SUV-Fahrer verachtet und dem die Ausbeutung der Erde zutiefst missfällt, zu einem sympathischen Weggefährten. Es ist nicht nur die Liebe, auch Schreckensmeldungen aus aller Welt und besonders die Nachricht über die fürchterliche Geiselnahme in Beslan im Jahre 2004 setzen Julian zu (so gesehen spielt die Handlung also im Sommer 2004). Das ist generell die Stärke des Romans, ein fiktiver Lebensabschnittsbericht zu sein, dessen auftauchende Fragen den gesamten jungen Menschen ins Blickfeld nehmen. Natürlich hat man manchmal den Eindruck, dass es ein wenig viel Drama ist, aber würde sich der Roman authentischer lesen, wenn Julians Sorgen ausgespart blieben? Sicherlich nicht! Auch die anderen Romanfiguren sind so angelegt, dass sie in Julian Verhandlungsprozesse darüber anstoßen, wie er selbst als Mensch sein möchte. Dazu kommt noch Geigers hochpräzise Sprache, die sich mit viel Taktgefühl dem Flusspferdsommer annimmt. Die Gefühlswelt Julians wird durch die Sätze des Autors gut eingefangen und manchmal beschleicht einen dann ganz kurz auch eine gewisse Mulmigkeit, die nach der eigenen Erfahrung fragt. Ein Plädoyer für eine flusspferdhafte Gelassenheit und für den Mut zu Umwegen, deren Früchte man meist erst später erkennt.

Arno Geiger
Selbstporträt mit Flusspferd
Carl Hanser Verlag
288 Seiten
19,90 Euro