Deutschland – ein Trauermärchen

von Anne Schumacher (29. November 2009)

Heimsuchung ist ein Bündnis von zwölf deutschen Lebensläufen, Geschichten und Schicksalen des 20. Jahrhunderts. Die verschiedenen Zeitzeugen erlebten das Dritte Reich, den 2. Weltkrieg, die DDR und die Wende. Eine Sache verbindet sie alle: Alle Schicksale sind mit einem Grundstück an einem See nahe Berlin verbunden. Mit der Beschreibung der Eiszeit der märkischen Seelandschaften beginnt Jenny Erpenbeck ihre Spurensuche deutscher Geschichte und endet mit dem Abriss jenes Hauses am See. Jede einzelne Episode liefert einen wesentlichen Bestandteil deutscher Vergangenheit und am Ende erwächst eine chronologische Collage deutscher Geschichte, ein Portrait, in dem flüchtiges auf eindringliches Erzählen trifft.

In dem 2008 für den Leipziger Buchpreis nominierten Roman Heimsuchung sucht Erpenbeck nach Spuren deutscher Heimat und bringt dadurch Unerwartetes, Verborgenes und vor allem tiefliegenden Schmerz ans Licht. Bewirkt wird dies durch ihren klaren, nüchternen Umgang mit der deutschen Sprache, ihre poetische Reserviertheit und die akribische Recherche, die von autobiographischem Hintergrund geprägt ist. Sie liefert mit ihrer Sprache eine Darstellung, ein Gehäuse der Tatsachen, erwartet aber vom Leser, dies mit Gefühlen, Assoziationen zu füllen. Die Essenz ihres Schreibens liegt zwischen ihren Sätzen. Erpenbeck bohrt einerseits in der Tiefe, bliebt aber andererseits emotional distanziert. Sie als eine leise Poetin ihrer Generation zu bezeichnen, ist absolut falsch. Sie fordert, sie deckt auf, sie macht aufmerksam und reißt vielleicht schon verheilte Wunden wieder auf. Jede Geschichte erhält ihre eigene Dramatik. Erpenbecks Geschichten verstören, verunsichern, versöhnen aber in gewisser Weise auch. Die Stimmung, die sie erzeugen, ähneln einem Garten: längst verdorrte Pflanzen treffen auf frische hoffnungstragende Knospen. Sie leistet dies ohne Namen, ohne Ausschweifungen, mit purer hochkonzentrierter Prosa. Aber genau das macht das Lesen eher anstrengend als vergnüglich und fesselnd. Die Autorin ist einer lediglich absolut negativen, pessimistischen und dunklen Erzählweise verfallen, aus der sie schwer herauskommt. Sie verschweigt jegliche positive Erfahrung und Assoziation mit dem 20. Jahrhundert. Lethargie, Verfall und Schmerz sind die dominierenden Parameter. Ist das wirklich ein repräsentatives kollektives literarisches Gedächtnis des letzten Jahrhunderts in Deutschland? Vielleicht. Das ist aber das Spannende an diesem Buch und an Literatur generell: Wenn die Worte eines Schriftstellers im Leser etwas bewegen, dann hat es seine Aufgabe erfüllt. Nämlich Kunst zu sein. Mit Heimsuchung ist das Jenny Erpenbeck in jedem Fall gelungen. Gibt es im Deutschen eine Zeitform, die das Kunstwerk fertigbringt, die Vergangenheit zur Zukunft zu erklären? fragt die Figur des Architekten im Roman. Nein, es gibt diese Zeitform nicht, allerdings hat Jenny Erpenbeck mit Heimsuchung gezeigt, dass die deutsche Vergangenheit stets Zukunft sein wird. Denn »sterblich seien die Fehler der Sterblichen, unsterblich aber ihr Werk.«


Heimsuchung
Jenny Erpenbeck
Eichborn 2008
191 Seiten
17,95 Euro